Samstag, 8. Juli 2017

THE WICKER MAN (1973)















THE WICKER MAN

Großbritannien 1973
Regie: Robin Hardy
DarstellerInnen: Edward Woodward, Christopher Lee, Diane Cliento, Britt Ekland, Ingrid Pitt, Lindsay Kemp, Russel Waters, Aubrey Morris u.a.


Inhalt:
Sergeant Howie fliegt vom schottischen Festland auf eine idyllische Insel, nachdem er mittels eines anonymen Briefs über das Verschwinden der dort lebenden jungen Rowan Morrison informiert wurde. Seine Ermittlungen vor Ort gestalten sich als schwierige Angelegenheit. Die Inselbewohner verhalten sich feindselig und erzählen ihm offensichtlich eine Lüge nach der anderen...


Ärger über die Insulaner: Sergeant Howie (Woodward)


Lord Summerisle (Lee) bei einem festlichen Ritual


Geschichten über eine Gruppierung von Menschen, die nicht nur geographisch, sondern auch ideologisch von der restlichen Welt separiert leben, haben meist einen schaurigen Beigeschmack. Häufig zeigt sich, dass sie nicht nur bewusst gegen gesellschaftliche Konventionen ihres Landes, sondern auch gegen Gesetze verstoßen.
Fanatismus, sei er religiös oder politisch, verfügt über diese beängstigende Atmosphäre von (subtiler) Bedrohung und birgt eine Gefahr für Außenstehende und Andersdenkende.
In "The Wicker Man" prallen Welten bzw. Weltanschauungen so heftig aufeinander, dass es zwischen den Dialogen förmlich knistert und surrt wie unter einer Hochspannungsleitung.
Sergeant Howie (Edward Woodward) ist erzkatholisch, ein Ausbund an Tugend und Gewissenhaftigkeit. Der Papst wäre stolz auf ihn.
Genau deshalb erschüttern den gläubigen Gesetzesdiener der offene Umgang mit Nackheit und Sexualität ebenso wie die heidnischen Bräuche und frevelhaften Rituale, die die Bewohner der Insel praktizieren. Er wird Zeuge von Situationen, die in seiner bisherigen Welt weder denkbar noch aussprechbar, geschweige denn erlebbar waren.
Sergeant Howie beobachtet unfreiwillig wie des Nächtens dutzende Paare auf einer Wiese kopulieren oder Mädchen nackt rund um ein Lagerfeuer tanzen.
Er reagiert mehr als brüskiert über all dies frevelhafte Gebaren und kann es kaum fassen, dass die Kinder in der Schule bereits etwas über Phallus-Symbolik lernen.
Die Gräber auf dem örtlichen Friedhof haben keine Kreuze, die Einheimischen glauben an Reinkarnation statt Auferstehung und zu allem Übel werden auch noch direkt neben seinem Gasthaus-Zimmer junge Männer von der freizügigen Tochter des Gastwirts (Britt Ekland) in die Welt der körperlichen Liebe eingeführt, was in der Wirtsstube im unteren Stock von den Gesängen junger Inselbewohner begleitet wird.

"The Wicker Man" zeigt seinem Publikum kein archetypisches Grauen. Der Plot liest sich nicht als klassische Horrorgeschichte. Was gezeigt wird, illustriert weniger unsere Urängste, sondern lässt uns teilhaben am persönlichen Horror von Sergeant Howie.
Eine gewisse Schadenfreude kommt natürlich auf, wenn man sieht, wie der konservative Polizist von einem Fettnäpfchen ins andere stolpert und auf heidnisches Brauchtum bzw. die im Rahmen der "old religion" praktizierten Rituale reagiert. Welch abscheulicher Sündenpfuhl, in den er da geraten ist! Sodom und Gomorrha auf einer Insel im schottischen Hoheitsgebiet.
Dennoch hat unser Protagonist ein rechtschaffenes Ziel - er möchte um jeden Preis das Verschwinden eines jungen Mädchens aufklären und vielleicht sogar seine Ermordung verhindern. Denn schon bald keimt in Seargent Howie der schreckliche Verdacht, dass das Verschwinden von Rowan Morrison etwas mit einem bevorstehenden Ritual zu tun haben muss.
Seine Überzeugung, etwas Gutes und Richtiges zu tun sowie seine Hartnäckigkeit lassen ihn trotz Allem sympathisch wirken.
Unbeirrbar versucht er, den sturen Insulanern die Lehre von Jesus Christus näher zu bringen und lässt sich auf Diskussionen über Glaubensfragen ein. Dabei ignoriert er, dass der dominante Lord Summerisle (Christopher Lee) und seine Gemeinde mindestens genauso fanatisch und von ihrem Weg überzeugt sind wie er selbst.
Alle wähnen sich im Besitz der ultimativen Wahrheit. Sergeant Howies moralischer Kampf, die Verteidigung seiner christlichen Werte und der Rettungsversuch von Rowan Morrison ziehen eine Parallele zu Don Quichottes Feldzug gegen Windmühlen.

Wenn man "The Wicker Man" gesehen hat, kann und will man sich keinen anderen Seargeant Howie als den britischen Schauspieler Edward Woodward vorstellen. Mit viel Feingefühl und absoluter Kontrolle über seine Mimik spielt Woodward seine Rolle mit großer Authentizität.
Dies ist ein Grund, warum es unterhaltsam und spannend ist, Sergeant Howie quasi bei seinen Ermittlungen zu begleiten.
Christopher Lee bezeichnete die Rolle des Lord Summerisle in "The Wicker Man" als eine seiner, wenn nicht sogar die wichtigste in seiner Karriere.
Die schauspielerische Bandbreite, die er dafür benötigte, war augenscheinlich etwas größer als in manchen Hammer Filmen. Doch im Wesentlichen ist Lord Summerisle Lees Paraderolle des Grafen Dracula gar nicht so unähnlich. Das Oberhaupt der Inselgemeinde ist ein Mann mit guten Manieren und gleichzeitig umhüllt ihn eine Aura der Unberechenbarkeit und Bedrohlichkeit. Ein Wolf im Schafspelz. Ein Verführer, dem seine Schäfchen (die Dorfgemeinschaft) überall hin folgen würden...

Die Eigentümlichkeit der schottischen Inselbewohner ist an allen Ecken und Enden sichtbar. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie vor dem Festland-Polizisten ihren alten Glauben mit Fruchtbarkeitsritualen oder Tänzen am Lagerfeuer praktizieren, demonstriert, wie sicher sie sich in ihrer Abgeschiedenheit fühlen.
Etwas bizarrer wirken einige Szenen noch durch den Einsatz von Musik.
Denn die Gemeinde trifft sich zum Singen von Folksongs, Kinderliedern und anderen traditionellen Gesängen. Der Soundtrack, vor allem "Willow's Song" wurde nicht ohne Grund bis in die heutige Zeit von diversen Bands gecovert.

Das Finale des Films ist grandios. Intensiv gespielt und mit perfektem Timing von der Kamera eingefangen. Wer die von Sergeant Howie gebetsmühlenartig wiederholte Frage "Where is Rowan Morrison?" beantwortet haben möchte, muss auch wirklich bis zum Ende des Films auf eine Auflösung warten.

Wenn für euch eine verstörende Atmosphäre, kauzige Schotten, hübsche Frauen, ein freakiger Soundtrack und sonderbare Rituale keine hinreichenden Argumente für den Film sind, dann lasst euch gesagt sein: Christopher Lee mit schwarzer Langhaar Perücke in einem Kleid tanzend und singend muss man einfach gesehen haben!
Von den verfügbaren Schnitt-Versionen rate ich, auf jeden Fall zum "Final Cut".
Genussempfehlung aus eigener Erfahrung: Besonders intensive Wirkung entfaltet dieser Film vor dem Besuch einer Sonnwendfeier.




Foto: DVD von Anchor Bay und die Studio Canal BD