Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Sonntag, 4. September 2016

LA NOTTE CHE EVELYN USCI' DALLA TOMBA (1971)














DIE GROTTE DER VERGESSENEN LEICHEN
STUMME SCHREIE (Videotitel)
DIE NACHT IN DER EVELYN AUS DEM GRAB KAM (Alternativtitel)

Italien 1971
Regie: Emilio Miraglia
DarstellerInnen: Anthony Steffen, Marina Malfatti, Erika Blanc, Giacomo Rossi Stewart, Enzo Tarascio, Umberto Raho, Roberto Maldera, Joan C. Davies u.a.


Inhalt:
Lord Alan Cunningham wurde einst von seiner Frau Evelyn betrogen und hat dadurch einen schweren psychischen Schaden davongetragen. Seit dem Tod seiner Gattin hat er den Drang, rothaarige Frauen (wie Evelyn) in seinem privaten Folterkeller zu killen. Sein Schwager weiß es und lässt sich für sein Schweigen bezahlen. Als Alan sich eines Tages in die blonde Gladys verliebt und sie von einem Tag auf den anderen ehelicht, meint er, sich von seiner Mordlust lösen zu können. Doch kurz nach dem Einzug seiner neuen Frau in seine Luxusvilla häufen sich merkwürdige Ereignisse und der Geist Evelyns scheint umzugehen...


Alans Anfallsleiden: Ich sehe was, was du bald auch siehst... 


Erika Blanc geizte nicht mit ihren Reizen


Das Entstehungsjahr von "Die Grotte der vergessenen Leichen" (1971) fällt genau in die Blütezeit des Giallogenres. Seitdem im Jahr zuvor Dario Argentos "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" absolut den Nerv seines Publikums getroffen hatte und das Zeitalter dieses neuen Genres einläutete, wurden in Bella Italia düstere und blutrünstige Krimis am Fließband gedreht. Viele Regisseure versuchten ihr Glück mit der erfolgversprechenden Filmgattung.
So auch "Neuling" Emilio Miraglia.
Mit Anthony Steffen als psychopathischem Frauenmörder Lord Cunningham engagierte Miraglia einen routinierten Antihelden-Darsteller, der bisher durch seine Rollen in Italowestern von sich Reden gemacht hatte.
Der große schlaksige Mann mit der etwas steifen Mimik gibt sich redlich Mühe, seine Rolle unter vollem Körpereinsatz ernsthaft zu repräsentieren und liefert dabei eine amüsante Show ab.


Nominiert für den Vincent Price Orden


Für seine Anstrengungen, den Verrückten zu mimen, verleihe ich ihm heute gedanklich für sein Over-Acting den Vincent Price Orden. Wie er seinen Kopf herumwirft, im Besessenen-Stil die Augen verdreht und wie ein Hyperaktiver von einer Szene zur nächsten wetzt, hat einen enormen Unterhaltungswert.
Ebenso schnell wie er sich bewegt, wechseln zum Teil auch seine Gemütsregungen. Von Liebe und Freude zu Aggression und wieder zurück. Zuerst küsst er (s)eine Frau, kurz darauf würgt er sie, dann kriecht er fast reumütig vor ihr.
Der allgemeine Hang zur Schnelligkeit liegt bei den Cunninghams in der Familie. Wenn man Alans Tante Agathe (Joan C. Davies) in ihrem Turbo-Rollstuhl durch die Gegend flitzen sieht, fragt man sich, wie lange das noch gut geht.
Cousin George (Charaktergesicht Enzo Tarascio, "Der Todesengel") wechselt seine Outfits und Frauen schneller als es manch anderes Drehbuch erlauben würde.
Und natürlich verhalten sich alle ProtagonistInnen ziiiiemlich verdächtig.
Im Raum steht die Frage, ob und vor allem wer Alan Cunningham nach seiner Beinahe-Genesung wieder in den Wahnsinn treiben will, um sich das üppige Erbe unter den Nagel zu reißen.
Der arme, gestörte Mann, der ja nur in so einer miserablen geistigen Verfassung ist, weil seine Evelyn ihn einst betrogen hat, wird vom Opfer zum Täter und schließlich wieder zum Opfer einer Verschwörung. Ist doch ganz logisch.
Ebenso logisch ist, dass der gute Lord nicht mehr ganz bei Trost ist. Evelyn, diese miese "puttana", hat sich nackt mit ihrem ebenfalls unbekleidetem Liebhaber im Garten getroffen und Alan musste es mitansehen! Und das auch noch in Zeitlupe! Das Publikum des Films ebenfalls. Mit den ständigen Wiederholungen dieser Szene, werden wir in das innere Erleben von Lord Cunningham eingebunden.
Wem die Geschichte eigenartig vorkommt – sie ist es. Das Drehbuch hinkt, es hakt an allen Ecken und Kanten und die "Auflösung" ist nett formuliert "mutig".

Dafür funktionieren die exploitativen und gotisch-düsteren Elemente des Films wunderbar.
Giacomo Rossi Stewart (Psychiater mit unprofessionellem Naheverhältnis zu Patient Alan) und Erika Blanc ("Liebe und Tod im Garten der Götter") als rothaarige Stripperin Susie spielten bereits in Mario Bavas atmosphärischem Gotik-Grusler "Die toten Augen des Dr. Dracula" Seite an Seite.
Manche Szenen im Folterkeller erinnern beleuchtungstechnisch an die Werke Bavas. Nebelschwaden, unheimliche Gruft-Szenen und eine gespenstische Atmosphäre lassen eine kreative Annäherung zwischen Gruselfilm und Giallo entstehen.
Überhaupt frage ich mich, wie viel Mario Bava in "Die Grotte der vergessenen Leichen" steckt. Wenn Steffen mit relativ ausdrucksloser Mimik im schwarzen Mantel schöne Frauen im Keller auspeitscht, muss ich unweigerlich an Christopher Lees harte Gesichtszüge in "Der Dämon und die Jungfrau" denken, der in ähnlichem schwarzen Outfit seine ehemalige Geliebte auspeitscht.
Ob es beabsichtigte Hommage oder schlichtweg Kopie oder Zufall war... man weiß es nicht genau.

Mehr als deutlich wird "Die Grotte der vergessenen Leichen" dafür beim Thema Sex. Der Film strotzt für seine Entstehungszeit geradezu vor Erotik, Nacktheit und Fetisch-Elementen, was wohl zu einem kommerziellen Erfolg verhelfen sollte.
Erika Blanc gibt auf der Arrow Blu Ray in einem Interview vor, nie ein Problem mit Nacktheit in Filmen gehabt zu haben. Eher im Gegenteil. Sie freute sich, dass sie sich präsentieren konnte, wie Gott sie schuf und scheint heute noch von ihren leicht bekleideten Auftritten zu zehren.
Die Szene, in der sie sich mit Overknee Stiefeln lasziv aus einem Sarg schlängelt und einen nicht allzu graziösen Striptanz vorführt, hat sie sich nach eigener Aussage selbst ausgedacht.
Vielleicht ist ja auch so das Drehbuch entstanden – jeder Darsteller dachte sich etwas aus und es wurde irgendwie in den Film eingebaut. Das würde Einiges erklären...

"Die Grotte der vergessenen Leichen" erfreut Italofans mit altbekannten Genre Stereotypen aus Giallo und Horror sowie exquisit ausgesuchten DarstellerInnen und verzückt dem Exploitationkino zugewandte Cineasten durch ein originelles Drehbuch und eine Extra-Portion Schmierigkeit.
Sehe ich mir immer gerne mal an.




Foto: X-Rated Erstauflage und zweite Auflage, No Shame USA VÖ




Foto: Arrow - Killer Dames Blu Ray Box




Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)