Freitag, 25. September 2015

L'UCCELLO DALLE PIUME DI CRISTALLO (1970)














DAS GEHEIMNIS DER SCHWARZEN HANDSCHUHE
Deutschland, Italien 1970
Regie: Dario Argento
DarstellerInnen: Tony Musante, Suzy Kendall, Enrico Maria Salerno, Eva Renzi, Renato Romano, Giuseppe Castellano, Mario Adorf, Reggie Nalder, Umberto Raho u.a.


Inhalt:
Der amerikanische Schriftsteller Sam Dalmas macht Ferien in Rom, das gerade von einer Frauenmordserie heimgesucht wird. Eines Abends beobachtet er in einer hell beleuchteten Galerie einen Kampf zwischen einer Frau und einem dunkel gekleideten Unbekannten, bei dem die Frau schwer verletzt wird. Der Angreifer kann entkommen bevor die Polizei eintrifft.
Der für die Mordserie in der Stadt zuständige Inspektor Morosini und Dalmas verbünden sich und machen sich gemeinsam auf die Suche nach dem Täter. Dalmas bringt durch seine Ermittlungsarbeit nicht nur sich selbst, sondern auch seine Freundin Julia in Lebensgefahr...


Der suspekte Gatte (Raho) bedankt sich bei Sam


Hilflosigkeit hinter Glas


Der italienische Regisseur Dario Argento hat viele Bewunderer. Durch seine Arbeiten erlangte er einst weltweiten Ruhm und viele Filmschaffende nennen insbesondere seine frühen Werke (die jüngsten "Ausrutscher" lassen wir mal beiseite) als wichtige Inspirationsquelle.
Ich zähle mich nicht zum Kreis der Argento-Fans, was unter (gleichgesinnten) Horror- und Giallofans immer wieder für interessanten Gesprächsstoff sorgt und mitunter lustige Diskussionen auslöst.
Es ist unbestreitbar, dass Dario Argentos erste Regiearbeit, nämlich "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" die Blaupause für das Giallo-Genre darstellt und dessen weitere Entwicklung wesentlich beeinflusst hat.
Den Grundstein hat zwar Mario Bava mit seinem "La ragazza che sapeva troppo" und dem hoch ästhetischen "Blutige Seide" gelegt, in denen er bereits einige wichtige Genre-Elemente vorweggenommen hat.
Dennoch kann man behaupten, dass Argento durch seine Radikalität der Inszenierung den Stein quasi erst ins Rollen gebracht hat und den Giallo salonfähig machte und kommerzialisierte.


Im Profondo Rosso Museum (Rom) fotografiert


Der magischen Wirkung von "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" kann man sich nur schwer entziehen. Ein Grund dafür liegt in den traumähnlichen Bildern, der andere in der märchenhaften Atmosphäre und in der versierten Verwendung von psychologischen Archetypen.
Eine der Schlüsselszenen des Films, nämlich die, in der Sam (Tony Musante) den Mordversuch an Monica beobachtet, liefert einen ersten Hinweis auf die Vielschichtigkeit des Films. Mehrere, faszinierend verschachtelte Realitäts-Ebenen präsentieren sich dem Auge des Zuschauers und der Zuschauerin.
Die erste ist die, auf der der Mordversuch geschieht.
Monica (Eva Renzi) ist eingeschlossen in der Galerie, sieht durch die Glaswand Sam, der helfen will, seinerseits aber wieder zwischen Glaswänden eingeschlossen ist und dadurch zum hilflosen, stummen Beobachter degradiert wird.
Monica und Sam können nicht miteinander kommunizieren. Auch die von einem Passanten verständigte Polizei verharrt notgedrungen zuerst an der äußersten Glaswand und als Beobachter abseits des Geschehens. Der Verlust der verbalen Kommunikationsmöglichkeit verstärkt die Dramatik und die Machtlosigkeit, die sich auch auf uns als BeobachterInnen am äußersten Rande, nämlich vor der Leinwand, übertragen.

Wie nicht nur die Theorien in der Psychologie behaupten, sondern auch die jüngsten Erkenntnisse aus der Hirnforschung beweisen, gibt es keine allgemein gültige Realität. Unser Gehirn macht sich ein Abbild unserer persönlichen Realität, das auf bisherigen Erfahrungen beruht und von Emotionen gefärbt ist.
Das, was wir sehen, ist lediglich unsere eigene individuelle Interpretation der Wirklichkeit. Diesen Aspekt macht sich Argento in "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" zu Nutze und führt uns deutlich vor Augen, wie begrenzt unsere Wahrnehmungsfähigkeit doch ist.
In späteren Werken wie "Profondo Rosso" und "Trauma" kommt das selbe Grundprinzip zur Anwendung.


"Sie ist durch diese Tür gegangen"


Als Sam sich im letzten Drittel des Films auf die Suche nach seiner Freundin begibt, wirkt die Erzählung aufgrund der befremdlichen Begegnungen mit anderen Personen und der Bildsprache zunehmend surreal. Wenn plötzlich die Grinsekatze auf einer Mauer säße und Sam die Richtung weisen würde, wäre es bei der übernatürlich anmutenden Atmosphäre nicht allzu verwunderlich und kein krasser Stilbruch.
Sehr einprägsam und kultverdächtig ist dann das, was sich hinter der Tür abspielt. Es wirkt beinahe wie der Eintritt in eine andere Dimension, eine andere Zeitebene oder Parallelwelt.
Das Spiel mit Licht und Dunkelheit ist faszinierend und eine fotografische Meisterleistung des Kameramanns Vittorio Storaro.


Begegnung auf der Suche nach Monica


"Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" funktioniert vor allem durch seine besondere Struktur und die exzellente Fotografie und weniger durch eine stringente Handlung.
Viele Figuren fungieren schlichtweg als Lehrbuchbeispiel für Exzentrik. Allen voran natürlich der durchgeknallte Maler (Mario Adorf in seiner wohl wirrsten Rolle), aber natürlich auch der Zuhälter "Servus" oder der wesentlich ältere und irgendwie suspekt auftretende Ehegatte Monicas (Umberto Raho). In abgeschwächter Form beinahe alle ProtagonistInnen.
Der österreichische Schauspieler Alfred Reginald Natzler, besser bekannt unter dem Namen Reggie Nalder, ist einer jener markanten Darsteller, den man so schnell nicht vergisst. Sein durch Verbrennungen entstelltes Gesicht und seine eiskalten Blicke sorgen für angenehmes Grusel-Feeling. Horrorfilm-Aficionados verehren ihn für seine Rolle in "Hexen bis aufs Blut gequält" und wegen der Furcht einflößenden Darstellung des unbarmherzigen Obervampirs Kurt Barlow in "Brennen muss Salem".
Nalder spielt hier den Auftragsmörder (ja, keine Überraschung), dessen unheilvolle Aura nicht einmal sein etwas eigenwilliger Aufzug (ein gelbes Boxerjäckchen) trüben kann.
Unscheinbarkeit gibt es unter den Figuren schlichtweg nicht.
Dass auch der (Original-)Titel gebende seltene, schwierig zu haltende Vogel einen nicht unwesentlichen Teil zur Lösung des Kriminalfalls beiträgt, setzt dem Ganzen noch die Krone auf.
Diese Art von besonderer Tier- Schlüsselrolle wurde von Argento auch in anderen Filmen wieder verwendet und weiter entwickelt.


Julia in Angst


Etwas zu stark klischeehaft angelegt ist für meinen Geschmack die Rolle Julias (Suzy Kendall).
Während in "La ragazza che sapeva troppo" die mutige und gerissene Protagonistin den Kriminalfall quasi im Alleingang aufdeckt, haben wir es hier mit einer Frau zu tun, die aus einem relativ chauvinistischen und einseitigen Blickwinkel dargestellt wird. Julia ist das hysterische Weibchen, das stets brav zuhause wartet und sich um ihren Freund sorgt (was sie immer wieder lautstark bekundet) während er ehrgeizig und heldenhaft auf Verbrecherjagd geht.
Als sie dann tatsächlich mal mit dem Mörder konfrontiert wird, erleidet sie als wehr- und hilfloses Opfer einen peinlichen Hysterieanfall und stolpert kopflos durch die Wohnung, mehr als ein Mal sogar über ihre eigenen Füße...
Argento und die Darstellung von Frauen sind natürlich wieder ein eigenes, für Kontroversen sorgendes Kapitel, das wir jetzt aber zugunsten der Pluspunkte dieses Films mal beiseite lassen.

Neben allem bisher positiv Erwähntem tragen die hervorragenden Darsteller und interessanten SchauspielerInnen genauso wie der zeitlos schöne Morricone-Soundtrack zur Vollendung des filmischen Gesamtkunstwerks bei.
"Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" markiert nicht nur den Beginn einer Genre-Ära, sondern zählt auch mehrere Dekaden später betrachtet immer noch zu einem der schönsten Gialli.




Foto: Polyband DVD, Blue Underground DVD und BD, VCI BD




Foto: die ultimative VÖ im Mediabook von Koch




Foto: der schöne OST von AMS-Records