Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Donnerstag, 23. April 2015

SETTE UOMINI D'ORO (1965)














SIEBEN GOLDENE MÄNNER
Italien 1965
Regie: Marco Vicario
DarstellerInnen: Rossana Podestà, Philippe Leroy, Gastone Moschin, Gabriele Tinti, Giampiero Albertini, Dario De Grassi, Manuel Zarzo, Maurice Poli, Ennio Balbo, Renzo Palmer u.a.


Inhalt:
Ein Engländer namens Albert, "Professor" genannt, führt eine internationale Gruppe von sechs Spezialisten im Bereich des Einbrechertums an.
Nach einem verpatzten Auftrag in London geht es nun an die Schweizer Goldreserven, vermeintlich sicher verwahrt in einer Bank in Genf.
Doch der Professor ist sich des Erfolgs gewiss, denn er verfügt über einen minutiös ausgeklügelten Plan. Bekanntermaßen sind auch die besten Konzeptionen nicht vor menschlichen Fehlern gefeit.
Wird der Coup gelingen oder werden die Profis doch noch in der letzten Minute scheitern?


Der Professor lenkt seine Leute aus der Ferne...


...und da sitzen sie


"Heist-Movies" bilden eine kleine Unterkategorie innerhalb des Thrillers. In Filmen dieser Art geht es zumeist um die Planung und Durchführung spektakulärer Verbrechen, vor allem Einbrüche, die den als sympathisch dargestellten Ganoven großen Reichtum bringen sollen.
Im goldenen Zeitalter des italienischen Kinos wurde bekanntlich kein Genre ausgelassen und so kam es, dass sich Regisseur Marco Vicario im Jahre 1965 dieses vorzüglich unterhaltenden Stoffes annahm.
Dabei legte er ein bemerkenswert feines Gespür für die Auswahl der Darsteller an den Tag.
Denn zum damaligen Zeitpunkt waren Philippe Leroy ("Yankee", "Femina Ridens"), Gastone Moschin (der als Ugo Piazza in "Milano Kaliber 9" in die Filmgeschichte einging), Maurice Poli (der "Dottore" in "Wild Dogs"), Renzo Palmer ("Ein Bürger setzt sich zur Wehr"), Gabriele Tinti (Mascaranti in "Das Grauen kam aus dem Nebel") vergleichsweise noch relativ kleine Nummern im großen Filmgeschäft.
Das hohe Niveau der schauspielerischen Darbietung dieser Männer trägt nicht unwesentlich auch zur Qualität dieses Films bei.

"Sieben goldene Männer" ist eine wahre Entertainment-Kanone.
Sobald klar ist, wer die Protagonisten sind und welchen Plan sie verfolgen, fiebert man automatisch mit den kauzigen Verbrechern mit. Jede noch so kleine Panne lässt den Pulsschlag ein bisschen beschleunigen und was sich der Professor (respektive der Drehbuchautor) so alles einfallen lassen hat, versetzt einen wahrlich in Verzücken.
Als Straßenarbeiter getarnt tauchen der Deutsche Arthur, im O-Ton Adolf genannt (Moschin), der Italiener Aldo (Tinti), der Portugiese Augusto (Albertini), der Irländer Anthony (De Grassi), der Spanier Alfonso (Zarzo) und der Franzose Alfred (Poli) am helllichten Tag auf einem viel befahrenen Platz in Genf in die Trinkwasser-Kanalisation ab.
Ein Empfänger, dessen Peilsender kurz zuvor von der schönen Giorgia in der Bank, nahe des Tresors postiert wurde, weist ihnen dabei den Weg.
Sie müssen tauchen, bohren und überhaupt ordentlich körperlich schuften.
Währenddessen überwacht ihr Boss Albert die ganze Operation von einem Fenster mit guter Aussicht auf den Ort des Geschehens und gibt per Funk Anweisungen.

Dialog zwischen Polizist und einem Arbeiter, der vom Portugiesen bewusstlos geschlagen wurde:
"Würden Sie ihn wiedererkennen?"
"Natürlich, dieses Ganoven-Gesicht, das er hatte! Ein kleiner Dicker. Hatte stechende Augen, wie ein Verrückter!"


Der Portugiese


Es wäre wünschenswert gewesen, dass der ursprünglich in der Theaterwelt beheimatete Giampiero Albertini in mehr als einer Handvoll Poliziotteschi, B-Western und einigen TV-Serien mitgespielt hätte. Wirklich ein Mann mit Format.
In seiner Rolle überzeugt und er auf ganzer Linie und versprüht besonders viel Witz und Charme. Der Portugiese im international besetzten Handlanger-Sextett beweist Humor und Bauernschläue und schafft es, die Truppe aus der ein oder anderen brenzligen Situation zu retten.

Albert zu Giorgia:
"Ich habe dich vorhin beobachtet, wie du zur Bank gegangen bist. Es hat mir einen höllischen Spaß gemacht, zu wissen, dass du unter dem Pelz fast nackt warst. Fast nackt! Und nur ich habe das gewusst."


Eines der vielen Gesichter Giorgias


Giorgia wird gespielt von Rossana Podestà. Die in der damaligen italienischen Kolonie in Tripolis (Libyen) aufgewachsene Schauspielerin war eine Leinwand-Diva par excellence und wurde bereits in den Fünfzigern als Femme fatale besetzt.
In "Das Schloss des Grauens" wirkte die Mimin in ihrem Nachthemd dagegen relativ brav und beinahe unscheinbar.
In "Sieben goldene Männer" ist sie wahrlich eines der Glanzstücke des ganzen Films.
Giorgia hat die Rolle der durchtriebenen Verführerin inne, die es versteht, sich schnell ihrer Umgebung anzupassen und in eine der Situation angemessene neue Rolle zu schlüpfen. Die abwechslungsreichen, zum Teil kaum ihre Blöße verdeckenden Outfits, ihr Make-Up und die unterschiedlichen Perücken bringen ihre Schönheit immer wieder auf andere Art zur Geltung.
Anfangs betritt sie mit schwarzblauer Kurzhaarperücke, leichenblassem Teint und dunkel geschminkten Augen, die Bank. Ihre vampirhafte Aura würde sogar Erzebeth Bathory vor Neid erblassen lassen.
Kurz darauf räkelt Giorgia sich im durchsichtigen schwarzen Catsuit vor Alberts Nase auf der Couch, um dann wenige Zeit später in eine Art mintfarbene Federstola gewickelt einen Polizisten, der an der Tür klopft, beinahe um den Verstand zu bringen.

Dialog über Funk:
"Hallo Professor, hallo Professor. Der Idiot von Portugiese hat das Gas zu früh aufgemacht!"
"Beruhigt euch! Der Idiot von Portugiese hat den Schieber schon wieder geschlossen."

"Sieben goldene Männer" ist mehr action- denn dialoglastig, aber wenn gesprochen wird, dann in deutlichen Worten mit kultigen Sprüchen. Die deutsche Synchro ist sagenhaft gut gelungen und erzeugt (neben dem zähflüssig von der Stoßstange tropfendem "Schnee") zwangsläufig den ein oder anderen Schmunzler oder ein breites Grinsen.
Zum Ende hin wird es dann nochmal richtig rasant, sodass einem vor lauter atemberaubender Wendungen beinahe schwindlig werden könnte, bevor die Handlung in ein furioses und spaßiges Finale mündet.

"Sieben goldene Männer" kann es sowohl von der Besetzung als auch vom Unterhaltungs-Faktor her locker mit dem populäreren "Top Job - Diamantenraub in Rio" aufnehmen.

Leider ist der Film bislang im deutschsprachigen Raum nur auf Video (in Japan auf Blu Ray) erschienen.
Dieser Film hätte eine würdige Veröffentlichung absolut verdient.



Freitag, 17. April 2015

I LUNGHI CAPELLI DELLA MORTE (1964)














THE LONG HAIR OF DEATH
Italien 1964
Regie: Antonio Margheriti
DarstellerInnen: Barbara Steele, George Ardisson, Halina Zalewska, Umberto Raho, Laura Nucci, Giuliano Raffaelli, Nello Pazzafini u.a.


Inhalt:
Kurz vor Ende des 15. Jahrhunderts. Die bemitleidenswerte Adele Karnstein wird zu Unrecht des Mordes an Franz, dem Bruder von Baron Humboldt, beschuldigt und erleidet einen grauenvollen Tod auf dem Scheiterhaufen. Kurz vor ihrem irdischen Ende verflucht sie Baron Humboldt, dessen Nachfahren und das gesamte Dorf.
Ihre minderjährige Tochter Lisabeth Karnstein muss die grausame Hinrichtung mit ansehen.
Währenddessen versucht Helen, die älteste Tochter der Hexe, ihre Mutter zu retten.
Baron Humboldt macht Helen Hoffnungen, dass sie das Schicksal der Mutter abwenden kann, nutzt sie aber letztendlich nur aus und bringt sie anschließend um.
Doch das Unrecht, das die Familie Humboldt Adele und ihren Töchtern angetan hat, bleibt nicht ungesühnt. Schon bald beginnen sich die Prophezeiungen der Hexe zu erfüllen...


Barbara Steele als Helen


Halina Zalewska - eine Augenweide


Ich kann mich noch deutlich an jenen schönen Frühlingstag in Mailand erinnern, an dem ich mit meiner besseren Hälfte in einem idyllischen Park saß und stolz unsere soeben getätigten DVD-Einkäufe begutachtete.
Besonders lange hielt ich "I lunghi capelli della morte" in der Hand und bemühte mich mit meinen damals recht dürftigen Italienisch-Kenntnissen redlich um eine halbwegs korrekte Übersetzung des Klappentexts. Die Vorfreude auf diesen Film, der zu dieser Zeit erstmalig auf DVD erschienen ist, war für mich als Verehrerin von Barbara Steele besonders groß.
Und ich wurde nicht enttäuscht.

Seit der ersten Begegnung mit dieser Perle des Eurohorrors gehört "I lunghi capelli della morte" zu einem meiner liebsten Gotik-Filme der Sechziger Jahre.
Einem direkten Vergleich mit dem visuellen Feinschliff eines Bava Films hält er zwar nicht ganz stand, bietet aber eine nicht zu verleugnende zauberhafte morbide Ästhetik und zählt meines Erachtens zu den schönsten Genrefilmen seiner Zeit.

Regisseur Antonio Margheriti entschied sich ein Jahr nach seiner Regiearbeit für "Das Schloss des Grauens" vermutlich bewusst für eine Rückkehr zum Schwarz-Weiß-Film.
Die Parallelen zu Bavas "Die Stunde wenn Dracula kommt" stechen nicht nur aufgrund der Wahl des Filmmaterials ins Auge, sondern auch wegen der Besetzung von Horror-Ikone Barbara Steele als Hexe Helen.
Da der Auftritt der bösen Hexe naturgemäß etwas kurz geraten ist und sie nach dem Ausstoß ihres Fluches (mit verdächtig ähnlicher Botschaft wie in "Die Stunde wenn Dracula kommt") bereits über den Jordan geht, durfte Frau Steele Adeles älteste Tochter Helen und deren Reinkarnation mimen.
Helen lebt zwar ebenfalls nicht viele Filmminuten, kehrt dafür aber (wie die Hexe Asa in Mario Bavas richtungsweisendem Klassiker) von den Toten als Mary zurück und lehrt Baron Humboldt und seinem Sohn Kurt das Fürchten.

Die Handlung an sich wirkt auch bei der zweiten Sichtung etwas verworren und deshalb verwirrend. Ich habe noch immer nicht verstanden, was die Todesfälle im Film konkret mit langen Haaren zu tun haben, aber das spielt bei "I lunghi capelli della morte" genau genommen keine gewichtige Rolle.
Viel interessanter ist die Tatsache, dass die aus Polen stammende Mimin Halina Zalewska eine faszinierende Leinwandschönheit ist und Barbara Steele noch dämonischer und durchtriebener als in "Ein Engel für den Teufel" wirkt. Und das will was heißen!
Ohne zu deutlich in die Exploitation Schiene abzudriften serviert uns Margheriti den ein oder anderen Überraschungsmoment (Stichwort: Busenblitzer) und Ekeleffekte in wohldosierter Form.

Im Gegensatz zu Hammer-Filmen, deren Soundtrack musikalisch auf mich immer etwas unkoordiniert und eher zusammenhangslos wirkt (ein Paukenschlag hier, ein Trompetenbläser da), verfügt "I lunghi capelli della morte" über ein melodisches und dramatisches Thema mit eindeutigem Wiedererkennungswert aus der Feder von Carlo Rustichelli (u.a. Komponist bei "Blutige Seide").

Dieser bezaubernde und ungemein atmosphärische Klassiker erinnert an ein Schauer-Märchen für Erwachsene.
"I lunghi capelli della morte" steckt voll Symbolik und klassischen Themen wie Begehren, Rachsucht, Verführung und Vergeltung. Ästhetische Fotografien von nebelverhangenen Landschaften, mit Spinnweben verhangenen Gräbern sowie wundervolle DarstellerInnen mit faszinierender Haarpracht runden den Filmgenuss ab.

Ich glaube, meinen geplanten Frühlings-Friseurtermin lasse ich vorerst ausfallen...




Foto: DVD von Raro Italien und Blu Ray von Raro Video



Freitag, 10. April 2015

SEI DONNE PER L'ASSASSINO (1964)














BLUTIGE SEIDE
Italien 1964
Regie: Mario Bava
DarstellerInnen: Eva Bartok, Cameron Mitchell, Thomas Reiner, Ariana Gorini, Dante DiPaolo, Mary Arden, Franco Ressel, Claude Dantes, Lea Lander, Luciano Pigozzi u.a.


Inhalt:
Die junge, reiche Witwe Comtessa Cristina Como betreibt einen Modesalon. Eines Tages wird eines ihrer Models ermordet. Die Polizei tappt vorerst im Dunkeln über die Täterschaft und das Motiv.
Als sich die Zahl der Models durch weitere grausame Morde kontinuierlich dezimiert, gerät der ermittelnde Inspektor dezent unter Zeitdruck.
In einer verzweifelten Aktion lässt er alle Verdächtigen festnehmen. Dieser Schachzug kann eine weitere Bluttat jedoch nicht verhindern...


Die Farbe Rot sticht an vielen Stellen ins Auge


Der Mörder mit dem "Gesichtsverband"


Es gibt innerhalb der Fan-Gemeinde des italienischen Kinos der Sechziger und Siebziger Jahre eine beachtliche Anzahl von Menschen, die die Werke Mario Bavas frenetisch verehren.
Und es ist bezeichnend für den Kult um das Regietalent Bava, dass gerade über ihn das dickste und umfangreichste Buch, das je über einen Nischenfilm-Regisseur seiner Zeit geschrieben wurde, existiert.
Auf zahlreichen Veröffentlichungen finden sich etliche Stunden an Bonus-Material in Form von Texttafeln und Interviews zum Künstler respektive zur Person Mario Bava, seinem Werdegang und seinen Filmen. Nicht ohne Grund. Denn Bava hat die Filmwelt, zumindest in gewissen Sparten, in der Tat nachhaltig geprägt.
Besonders der Einfluss seiner frühen Werke ist von den Siebzigern bis in die heutige Zeit hinein erkennbar. Der fachmännische Einsatz von formvollendeten Licht-Schatten-Effekten, sowie außergewöhnlich dirigierten Kamerafahrten und Bildkompositionen spiegelt sich beispielsweise bei Dario Argento, Tim Burton oder Joe Dante in Form von künstlerischen Huldigungen in deren eigenen Werken wieder.
Und wenn man aufmerksam diversen Interviews aktueller Regisseure über Einflüsse und Vorbilder für ihre Arbeit lauscht, hört man mitunter ebenfalls den Namen Mario Bava.
Leider ward ihm zu Lebzeiten nur wenig positive Kritik, besonders in seinem Heimatland, vergönnt. Ein Schicksal, das er immerhin mit einigen anderen verkannten Genies und Kunstschaffenden teilt. 

Während Bava im Jahr zuvor mit dem wunderbaren "La ragazza che sapeva troppo" die narrative Schablone des italienischen Giallos umriss, schuf er mit "Blutige Seide" den stilistischen Prototypen für zahlreiche weitere Genre-Filme, insbesondere für die Dario Argentos (u.a. in "Profondo Rosso") und Luciano Ercolis ("La morte accarezza a mezzanotte").

Wenn man "Blutige Seide" zum ersten Mal erlebt, muss man sich dabei sowohl die Entstehungszeit als auch die Bedeutung des Films für später produzierte Gialli vor Augen halten.
Obwohl das Drehbuch etwas schwächelt und sich keine der agierenden Personen als Identifikationsfigur oder gar Sympathieträger anbietet, kommt man nicht umhin, die Handlung aufmerksam zu verfolgen.
Ich würde in diesem Zusammenhang nicht einmal von Spannung sprechen, sondern eher von einer unbändigen Neugier, die durch die Inszenierung und die rätselhaften Charaktere geweckt wird.
Man hat das Gefühl, dass alle etwas zu verbergen haben und da wir als ZuschauerInnen nur einen oberflächlichen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt oder die Vorgeschichte der ProtagonistInnen erhalten, sind die Morde prinzipiell allen handelnden Personen zuzutrauen.
Das Motiv für die grausamen Untaten bleibt bis kurz vor dem tragischen Finale im Verborgenen, was der Geschichte einen besonderen Charme verleiht.

Die sadistischen Verbrechen werden von einer etwas unförmig wirkenden, in schwarze Gewänder gehüllten Person mit schwarzen Handschuhen begangen, die einen Hut trägt und eine Art Gesichtsverband, der keinen Millimeter Haut freigibt.
Bereits in "Die Stunde wenn Dracula kommt" geht es in Anbetracht seiner Entstehungszeit und der Darstellung von Brutalität nicht gerade zu wie bei einem Kindergeburtstag. Doch in "Blutige Seide" wird die Gewalt noch viel drastischer (und in berückend schönen Farben) gezeigt.
Der Rohling mit dem Hut würgt seine Opfer nicht nur, er drückt einer Frau sogar eine Eisenklaue ins Gesicht oder verbrutzelt das Antlitz eines schönen Models an einem heißen Ofen. Mit dem eigenwilligen Auftürmen von zwei seiner Opfer zu einer Art Skulptur beweist der umtriebige Kapitalverbrecher auch Sinn für makaberen Humor oder - je nach Interpretation- schlicht und einfach Wahnsinn.

Die Sets (gedreht wurde ausschließlich an Original-Schauplätzen) sind ähnlich perfektionistisch und ästhetisch ausgeleuchtet wie bei "Die drei Gesichter der Furcht" oder "Der Dämon und die Jungfrau".
Als ZuschauerIn zerfließt man förmlich in einem Rausch aus Farben – die Kulissen und Requisiten glimmen mal grün, mal violett, rot oder blau und das auch manches Mal alles zur selben Zeit.
Die Farbe Rot sticht an allen Ecken und Enden ins Auge. Eine Schaufensterpuppe, deren Körper mit rotem Samt überzogen ist, erregt genauso Aufmerksamkeit wie das rote Schild des Modesalons oder der tiefrote Telefonhörer, der zum Ende des Films leinwandfüllend beinahe hypnotisierend hin und her pendelt.
"Blutige Seide" ist bunt und psychedelisch, nützt Licht-Schatten-Effekte und erzeugt nicht nur durch die drastisch und lebhaft dargestellten Morde ein Gefühl der Beklemmung. Auch durch Kamera-Perspektiven und geschickt eingesetzte Kamerafahrten entsteht eine mysteriöse Atmosphäre, die das Drehbuch stellenweise zu einer Nebensächlichkeit degradiert.


Ist sie nicht toll? - Eva Bartok

Die aus Ungarn stammende Schönheit Eva Bartok war eine exquisite Besetzung für die Rolle der Comtesse. Sie strahlt Eleganz, Dekadenz und zugleich eine gewisse Dominanz aus. Sie wirkt verführerisch und geheimnisvoll.
Schade, dass sie nicht in mehreren Genrefilmen mitgewirkt hat.
Claude Dantes (ein eigenwilliger Name für eine Frau, aber er passt zu ihr) als Tao-Li ist ebenfalls eine interessante und einprägsame Erscheinung. Ein Gesicht, das man sich gut merkt.
Apropos Gesichter merken: Lea Lander, die ich bereits wiederholt in Mario Bavas "Wild Dogs" bewundert habe und von der ich behauptet hätte, sie jederzeit und überall wieder zu erkennen, spielt eines der Models. Da sie in den Credits als Lea Krüger geführt wird, konnte ich keinen Zusammenhang herstellen und bin immer noch irritiert, sie nicht identifiziert zu haben.
Der beliebte Nebendarsteller Luciano Pigozzi gehört ebenfalls zum Ensemble und selbstverständlich auch zum Kreis der Verdächtigen. Genau so wie der unverkennbare Herr Stengel aka Franco Ressel (oder umgekehrt?).
Der trompetenlastige Soundtrack verfügt über Ohrwurm-Qualität und scheint wie  geschaffen für den High Society-Dunstkreis aus Lug, Betrug, Skandalen und Drogenexzessen.

"Blutige Seide" ist auf visueller Ebene ein Kunstwerk, das zur mehrmaligen Sichtung einlädt und eine Aura der zeitlosen Eleganz verströmt, die ihresgleichen sucht.

Die eben erst (unter der Mitwirkung von Bava-Koryphäe Tim Lucas) erschienene Blu Ray von Arrow verfügt über umfangreiches und wirklich informatives Bonus-Material, das zum Einen italienische Filmschaffende als auch Experten aus dem Stiefelland zum Thema "Charakteristika des Giallo Genres", zum Anderen natürlich über Mario Bava himself zu Wort kommen lässt.




Foto: Anolis/Buio Omega "Hände weg" Edition




Foto: Blu Ray im Steelbook von Arrow Video





Foto: Soundtrack CD (im Doppelpack mit "Der Dämon und die Jungfrau")





Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)




Mittwoch, 1. April 2015

SPECIAL: TERZA VISIONE - 2. FESTIVAL DES ITALIENISCHEN GENREFILMS














27. - 29. März 2015
Nürnberg, KommKino und Filmhaus


Bin nun seit wenigen Tagen zurück und immer noch ganz verzaubert von der sympathischen, beinahe familiären Festival-Wohlfühl-Atmosphäre, den vielen netten Begegnungen und Gesprächen mit anderen Italo-Nerds und last but not least natürlich von den gesehenen Filmen.
Man fühlt sich irgendwie sofort zuhause im Kino und unter diesen herrlich verrückten Menschen, die offenbar einen ähnlichen Humor und Filmgeschmack haben wie man selbst.
Schön ist das. Aber ich beginne mal von vorne:


TAG 1

Anreise mit dem Zug. Neben uns plötzlich befremdliche Geräusche. Es ist unser Sitznachbar, der mit einem Plastiklöffel in gelblichem Joghurt herumgatscht, das er versucht, mit Haferflocken zu vermischen.
Zum Glück haben wir gut gefrühstückt und einen festen Magen.
Ankunft in Nürnberg am frühen Nachmittag, erst mal einchecken und nach einem kurzen Abstecher in den Müller führt unser Weg schnurstracks ins Kino, um die Dauerkarten abzuholen.




Wir steigen die Treppen hoch, bewundern im Vorbeigehen das coole Terza Visione Plakat, das im Schaukasten Bestens zur Geltung kommt und betreten den Vorraum.
Lila Wände. Ich fühle mich sofort wie zuhause, immerhin hatte ich in meiner ehemaligen Wohnung selbst einige Jahre Wände in diversen Lila-Variationen.
Von einigen Filmen ("Escalation", "Rächer der Meere", "Das nackte Cello") hängen Plakate da, die mit kurzen Filmbeschreibungen ausgestattet sind.




Nicht nur, wenn man die Deko bewundert, sondern auch bei den einleitenden Reden spürt man das Engagement und den Enthusiasmus, die in die Organisation und Umsetzung des Terza Visione geflossen sind.
Von der gemütlichen Wohlfühl-Lounge aus geht es dann mal die Treppen rauf und wir starten mit


NON SI SEVIZIA UN PAPERINO



Italien 1972
Regie: Lucio Fulci










Dieses Meisterwerk, über das ich hier bereits ausführlich philosophiert habe, auf großer Leinwand erleben zu dürfen, war die Anreise bereits wert.
"Paperino" gehört zu meinen Lieblingsfilmen und für jeden Festivalbesucher, der den Film kennt, wird heute offensichtlich, dass sich dessen Intensität und Grandiosität im Kino erst vollends entfaltet.
Obwohl ich den Film bereits mehrmals gesehen habe, stechen mir jedes Mal neue Aspekte ins Auge. Besonders die Szene, in der die Mutter eines getöteten Kindes die Trauerfeierlichkeiten in der Kirche mit den panisch und inbrünstig intonierten Worten "L' assassino è qui!" (Der Mörder ist hier!) jäh unterbricht und nacheinander alle Verdächtigten und deren Verhalten von der Kamera eingefangen werden, sorgt dieses Mal bei mir für Gänsehaut.


ESCALATION



Italien 1968
Regie: Roberto Faenza










Der beruflich erfolgreiche Vater will seinen Hippie-Sohn Luca in die Geschäftswelt einführen. Der Sohnemann (Lino Capolicchio, ich hätte ihn niemals erkannt in dieser Rolle) hat ganz Anderes im Sinn.
Er möchte sein Bewusstsein erweitern, frönt der freien Liebe, meditiert und hat Pläne, nach Indien zu reisen.
Ganz nach dem bewährten Erlkönig-Motto "Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt" unternimmt der liebe Papa einige radikale und zugleich peinliche Versuche, den zunehmend verwirrten und verstörten Luca zurechtzubiegen.
Da alles andere scheitert, engagiert er die ehrgeizige, unterkühlte und skrupellose Psychologin (zugegebenermaßen nicht gerade die Eigenschaften, die man mit diesem Berufsstand verbindet) Carla Maria.
Sie verspricht, Luca so zu manipulieren, dass er zum würdigen Nachfolger seines Vaters mutiert.
Der Plan scheint zu gelingen. Er gelingt sogar zu gut und Carla Maria hat den ein oder anderen Aspekt der Persönlichkeitsveränderung Lucas offenbar nicht mitbedacht...

"Escalation" bietet angenehmes End-Sechziger Jahre Hippie-Flair, vermengt mit zynisch-humorigen Seitenhieben auf den Kapitalismus bzw. die Menschen, die sich dieses System zunutze machen.
Keine Granate von Film, da er handlungstechnisch bis Zuletzt etwas unentschlossen wirkt, dafür gibt's aber einen Granatensoundtrack aus der Feder des unvergleichlichen Ennio Morricone zu hören.
"Dies irae" rockt den Saal!
Die im Film verwendete Symbolik (besonders gut gefallen hat mir der Eisklotz) lässt wenig Spielraum für Interpretationen. Vielmehr sendet Faenza seine Message auf eine plakative Weise in bewährter sympathischer Holzhammer Manier.
Dabei wirft er neben der bereits erwähnten Thematik ethische und philosophische Fragen auf.
Besonders augenscheinlich moralisierend und erwähnenswert sind hierbei folgende Fragen:
Wer ist geistig gesund? Der, der gelernt hat, sich dem vorherrschenden System und der Gesellschaft anzupassen oder der versucht auszubrechen? Jemand, der Psychologie studiert hat und jegliche Humanität vermissen lässt? Oder jemand, der als vermeintlich psychisch krank eingestuft wird, aber über ein soziales Gewissen verfügt?
Das alles wird aber nicht statisch dargestellt, sondern verändert sich im Laufe der Handlung.
Das Ende des Films ist wieder skurril, ein Begräbnis am Strand, im Hintergrund Fabriken und...
Moment mal!!! Was ist das? Tanzen die da etwa gerade an einem bekannten Strand in der Toskana herum?

An dieser Stelle will ich euch natürlich meine Urlaubsfotos nicht vorenthalten und einen kleinen Bildvergleich machen:


Man beachte den Hintergrund


Begräbnis-Szene in Escalation


gut erkennbar: die Zwillings-Schornsteine und das schmale Gebäude


Und jetzt meine Fotos aus dem Jahr 2009


Na, erkennt ihr die Schornsteine und das Gebäude wieder?


Heute ist da ein Naturschutzgebiet


Blick Richtung Fabriken


Der idyllische Strand - wenn man sich nicht umdreht zu den
Fabriken kommt fast Karibik-Feeling auf...


Die Geisterstunde auf dem Terza Visione war auch die Stunde der Melissa Graps...


DIE TOTEN AUGEN DES DR. DRACULA



Italien 1966
Regie: Mario Bava










Schon oft gesehen, doch natürlich noch nie so. Mit dem heimeligen Projektor-Rattern im Hintergrund erstrahlt "Die toten Augen des Dr. Dracula" in vollem Agfacolor-Glanz auf der Leinwand. Diese Farben!
Ich schwebe und bin ganz ehrfürchtig.
Dieser Film ist einfach nur wunderschön, Balsam für die Augen, düstere Ästhetik in Reinform und einer der wichtigsten Gotik-Filme seiner Zeit, der nicht nur Dario Argento ganz offensichtlich als Inspiration diente.
Danke liebes Terza-Programm-Team für diese exquisite Filmauswahl!


An Schlaf ist natürlich nach so einem Programm noch nicht zu denken. Erstmal wirken lassen und auf einen "Absacker" in eine Metal/Punk Kneipe, wo wir bei Bier, Iron Maiden und Tischfußball ein bisschen Zerstreuung finden.


TAG 2

Nach einem Menü im Burger King (ja ich weiß, das klingt barbarisch und das ist es auch, aber es war das Einzige, was sich zeitlich noch ausging) geht's weiter mit einer schönen Trailershow und schließlich beginnt...


RÄCHER DER MEERE



Italien 1962
Regie: Domenico Paolella










Nach "Der schwarze Korsar" mache ich nun heute die Bekanntschaft mit meinem zweiten Piratenfilm.
Es geht darin um die Abenteuer des David Robinson (Richard Harrison), der als Soldat der britischen Marine nach Australien reist, wo widerspenstige Perlentaucher der dort ansässigen Strafkolonie sich beharrlich weigern, ihre Abgaben zu bezahlen.
Sein Vorgesetzter weigert sich, David von diesem Auftrag zu befreien und so macht sich der arme David bei seinem Vater und Bruder, die ihr Dasein als Perlentaucher fristen, unbeliebt.
Kurze Zeit später hat es sich mit seiner militärischen Karriere sowieso erledigt, da David seinem Bruder zur Flucht verhilft und so den Zorn seines Kommandanten auf sich zieht.
Der arme David kann es wirklich Niemandem Recht machen. Auch bei den Piraten, die ihn vor dem Tod bewahren, kann er nicht punkten, doch immerhin hat er bei der schönen Tochter des Piratenoberhaupts (gespielt von Michelle Merciér) von Anfang an einen Stein im Brett...

"Rächer der Meere" ist ein locker-flockig-spaßiges ungemein humoriges Filmchen, das sich nie zu ernst nimmt, sondern auf angenehme Weise unterhält.
Richard Harrison darf seinen trainierten Körper in einigen Szenen zur Schau stellen (was er vermutlich auch nicht ungern tat, man erinnert sich auch schmunzelnd an ihn als Kommissar mit offenem Hemd in "Der Tollwütige") und die Handlung wimmelt nur so vor unfreiwillig komischen Dialogen und Absurditäten.
Nicht zu vergessen der politisch unkorrekte Humor, und Szenen, die einfach nur zum Wundern sind, unter anderem die mit der riesigen fleischfressenden Pflanze oder die Tänze des primitiven Eingeborenenstamms. Ebenfalls verzückend-wunderlich: die dunkelbraun angeschmierte Schauspielerin Marisa Belli, die die Liebhaberin des Kommandanten spielt.
Der Schweizer Paul Muller (den mochte ich bereits sehr in "Lady Frankenstein") sorgt für den ein oder anderen Lacher mit seiner Rolle als Pirat (und ehemaliger Banker) Hornblut.
In einem voll besetzten Kinosaal mit heiteren und humorvollen Menschen bereitet ein Film wie "Rächer der Meere" natürlich besonders viel Freude.


Als wir den Kinosaal über die Treppe verlassen, stehen schon viele Eltern mit Kleinkindern da und warten auf die nächste Vorstellung. Einige halten ihre Sprösslinge fest und schieben sie sanft beiseite, als sie sehen, was für Gestalten da die Treppe herunterkommen.
Jedenfalls geht's jetzt rüber in den schönen KommKino Saal,




 wo wir der kurzweiligen, viel versprechenden und treffenden Einleitung von Pelle Felsch zum nächsten Film lauschen:


DER KAMPFGIGANT



Italien 1987
Regie: Bruno Mattei










Der hochdekorierte Vietnam Veteran Bob Ross (Miles O'Keeffe) möchte seinen zehnjährigen Sohn, den er während eines Einsatzes mit einer Vietnamesin gezeugt hat, zu sich nach Amerika holen. Der arme Junge ist Halbwaise, die Mutter starb in einem Konzentrationslager.
Da kommt dem guten Ross der Auftrag vom asthmatischen Senator Blaster (Donald Pleasance), Deckname Mad Bomber (!!!), gerade gelegen. Dieser führt ihn nämlich just in die Gegend, in der er das Ziel seiner privaten Pläne lokalisiert hat, also zu seinem Sohn.
Auf dem Weg dorthin kann man doch nebenbei ein paar russische Terroristen erschießen oder noch besser sprengen. Gesagt, getan...

"Der Kampfgigant" ist einer dieser Filme, die ich zuhause vermutlich nicht einmal zu Ende geschaut hätte, aber in einem gemütlichen, leicht stickigen voll besetzten Kinosaal einfach bestens funktionieren.
Miles O' Keeffe sieht man den Tarzan (seine erste Rolle, die ihm quasi zum Durchbruch verhalf) immer noch an.
Er ist ein geleckter Schönling mit Drei-Tage-Bart im Kampfanzug und sieht einerseits blendend, andererseits zum Schreien komisch aus mit seinen halblangen Haaren. Egal, was der gute Bob gerade macht und in jeder erdenklichen Lebenssituation meint man in seinem Gesicht förmlich die Frage "Seh ich nicht schön aus"? lesen zu können. Einfach herrlich, dieser selbstverliebte Typ!
Besonders bewundernswert fand ich seine in jeder Lebenslage perfekt sitzende Frisur. Da war keine Locke an einem Ort, an dem sie nicht sein sollte.
Ein guter Kandidat für einen 3-Wetter Taft Werbespot. Der könnte dann in etwa so lauten:

Saigon. Explosionen und Wind. Das Haar sitzt. 3 Wetter Taft.
Mit dem Kampfhubschrauber über unwegsames Gelände, Nahkampfeinsatz gegen eine große Anzahl von Gegnern. Die Frisur hält. 3 Wetter Taft.
Der Dschungel brennt. Das Haar bleibt geschützt. 3 Wetter Taft.


Das prädestinierte Haarspray-Werbemodell


Verschnaufpausen gönnt Mattei seinem Publikum so gut wie gar nicht. Ein unfreiwillig komischer Dialog jagt den nächsten, Donald Pleasance, der ständig an seinem Inhalator zieht und sich in vermeintlich unbeobachteten Momenten auch noch Nasenspray reinpfeift, übertrifft sogar das Over-Acting eines Vincent Price und die Actionszenen sind auch nicht von schlechten Eltern.
Die Hintergrund-Gags wie zum Beispiel das "Friendly Butcher" Werbeschild oder die lachende Ronald Reagan Karikatur im Büro des Senator Blaster tragen ebenfalls sehr zum Amüsement des Publikums bei.
Und wenn der verwundete Kollege von Ross auf dem Boden sitzt, sich gefühlt minutenlang die verletzte Hand hält und währenddessen ständig die Worte: "Mein Bein, mein Bein! Mein Bein ist verletzt." wiederholt, dann halte ich respektvoll inne und verneige mich vor dem mutigen Regie-Giganten Mattei, der sich für kein Drehbuch zu schade war.
Danke, Bruno!
Besonders gefreut habe ich mich auch noch über den Auftritt von Luciano Pigozzi aka Alan Collins als bärtiger Vater der obligatorischen "Ich bin ein Dummchen, bitte großer starker Held rette mich-Blondine".

Einer meiner Lieblingsdialoge:
Sohn (der gar nicht gerettet werden will) zu seinem verhassten Vater:
"Alle rund um dich sterben immer. Nur du nicht.
(Verzweifelt:) WARUM?"

Ob sich die Macher der "Die nackte Kanone" Filme wohl ein Beispiel am Kampfgiganten genommen haben? Vielleicht ist dieser Film ja doch bahnbrechend, richtungsweisend und ein verkanntes Meisterwerk?
Wer weiß?

Mit verkrampften Lachmuskeln wanken wir fröhlich aus dem Kino raus, schnappen erst nach frischer kühler Luft und widmen uns dann dem nächsten Film:


RINGO KOMMT ZURÜCK
Italien 1965
Regie: Duccio Tessari

Ich kann von diesem Film leider keine Inhaltsangabe schreiben, da ich nur eine Dreiviertelstunde davon gesehen habe und diese Zeit nicht ausgereicht hat, um erfassen zu können, worum es eigentlich genau geht.
Fakt ist, dass Giuliano Gemma (für mich ist dieser Name ein Synonym für Langeweile, einzige rühmliche Ausnahme: "Der Tod ritt dienstags") heißt Ringo, kehrt von irgendwoher zurück, färbt sich die blonden Haare dunkel und beobachtet die bösen Jungs in der Stadt. Einmal steht er da rum, einmal an einem anderen Ort, zwischendurch hat er kurz mal ne Schlägerei, dann unterhält er sich mit einem Pflanzenliebhaber, bei dem er wohnt und so weiter und so fort.
Die liebevoll aus zwei Fassungen zusammengestückelte dargebotene Version hat viele Genrekenner nicht nur erfreut, sondern regelrecht in Begeisterung versetzt. Leider konnte ich mich nicht für den Film erwärmen.


Also nutze ich die Gunst der Stunde, sehe mich ein bisschen in der Stadt um...




und mache interessante Einkäufe.
Nach einer Essenspause wurde das Programm fortgesetzt mit:


BORA BORA



Frankreich, Italien 1968
Regie: Ugo Liberatore










Der italienische Macho Roberto (Corrado Pani) reist nach Tahiti, um seine Frau Marita (Haydeé Politoff), die sich hier mit ihrem einheimischen Liebhaber Mani ein neues Leben aufbauen will, zurückzugewinnen.
Zuerst probiert er es mit Nettigkeiten, dann mit Prügel und schließlich klügelt er einen perfiden Plan aus, wie er die Aufmerksamkeit und den Respekt seiner Angetrauten wiedererlangen kann...

Einen gewissen Unterhaltungswert kann man "Bora Bora" nicht absprechen, über einen weiten Teil der Laufzeit besticht er durch böswillige, doch irgendwie naive xenophobe und politisch unkorrekte Sprüche und bedient diverse Klischees.
Corrado Pani (u.a. bekannt aus "Màtalo") ist ein Schauspieler mit einer markanten und einprägsamen Physiognomie, der eine faszinierende Ekelpaket-Aura in der Tradition eines Klaus Kinski verströmt.
Die wirklich gelungenen Karibik Aufnahmen erfreuen das Auge, doch irgendwann hat man sich an all dem satt gesehen.
Die Tiersnuff-Szene (die grauenvolle On-Screen-Ermordung einer unschuldigen dicken großen Schildkröte) trägt nicht zur Verbesserung der Handlung bei. Arme Morla!
Im letzten Drittel der Laufzeit wirken die ständigen Stimmungs-bzw. Partnerwechsel ermüdend, die Unentschlossenheit und Unmotiviertheit von Marita beginnt meine Nerven zu strapazieren und lässt meine Augenlider immer öfter kurz zufallen.
Die Quintessenz des Films scheint die zu sein, dass es Frauen gibt, die keine eigene Meinung haben und nicht wissen, was bzw. wen sie wollen und Männer, denen jedes (unlautere) Mittel Recht ist, um sie zurückzugewinnen. Und wenn sie sich genug anstrengen, dann klappt es auch wieder mit der Frau.
Und wenn sie nicht gestorben sind...


Durch die informative und lustige Einführung (stilecht mit aufgeklebtem Schnauzbart) von Sano Cestnik zum nächsten Film werde ich jedoch wieder munter.
Merli Filme sind immer ein Vergnügen.



COP HUNTER



Italien 1976
Regie: Marino Girolami










Maurizio Merli gibt uns in diesem Film erneut den Kommissar Betti (siehe auch "Verdammte, heilige Stadt"). Er wühlt und prügelt sich durch den tiefen Sumpf des Verbrechens, befreit unschuldige Schulkinder aus der Geiselhaft (wofür er sich selbst heldenhaft bereitstellt) und schlägt zu, wenn seine Gegner es nicht erwarten.
Einen Merli Film auf großer Leinwand erleben zu dürfen, ist eine Erfahrung, die ich keinesfalls missen möchte. Sein schadenfreudiges Grinsen, wenn ein Delinquent einen Autounfall hat und sein verbissenes Gesicht, wenn er den Verbrechern nicht gleich habhaft wird, kommen hier noch besser zur Geltung.
Der Film wirkt handlungstechnisch wie ein etwas lose zusammengeschustertes Flickwerk und gehört meines Erachtens nicht zu den besten Genrevertretern mit Kommissar Eisen, aber das wird durch das Kinoerlebnis gut wettgemacht.
John Saxon (hier mal nicht als Cop wie in "Die Killer der Apokalypse", sondern als Bösewicht im schicken Badehöschen) macht wieder einmal eine gute Figur und einige meiner Lieblings-Nebendarsteller sind ebenfalls mit von der Partie: Omero Capanna (der Taubenspucker aus "Milano Kaliber 9") und unser allseits beliebter Nello Pazzafini (ebenfalls ein Merli-Widersacher in "Convoy Busters") sind als Gefängnisinsassen in Poliziotteschi beinahe unentbehrlich.


TAG 3

beginnt statt mit einem Frühstück mit einer Trailershow (dank derer ich nun weiß, dass ich "Die Möwe Jonathan" sehen muss!), die den nächsten Film einleitet, nämlich...


IM NETZ DER GOLDENEN SPINNE



Italien, England, Frankreich 1966
Regie: Alberto DeMartino










Lady Chaplin (Daniela Bianchi) sucht gemeinsam mit ihrer Helferin (die wundervolle Ida Galli) für ihren Liebhaber und Bösewicht Zoltan nach einem gesunkenen Atom-Uboot.
Ein paar Atom-Raketen kann man doch immer brauchen, oder?
Agent 077 (!), ein gewisser Dick Malloy, sucht ebenfalls danach und will den Plan der Schurken, die Bomben zu bergen, vereiteln...

Die Story ist natürlich hanebüchener Unsinn und ehrlich gesagt fiel es mir schwer, ihr zu folgen. Das stellt sich aber als nebensächlich heraus, vielmehr scheint es bei dieser James Bond Kopie um die Schauwerte zu gehen - es wird geschnöselt und getusst, geschossen und geschlagen (Stichwort: "Hier wird gemacht, was ich sage!") und geflirtet, was das Zeug hält.
Eine fachkundige Meinung zu einem Film dieses Genres lässt sich bestimmt an anderer Stelle finden.
Ich habe mich blendend amüsiert, würde mir den Film aber nicht noch einmal ansehen.
Der Soundtrack kriecht als nachhaltiger Ohrwurm in die Gehörgänge und lässt Kinobesucher singend und pfeifend aus dem Saal laufen.


Jetzt gäbe es laut Programm "Das nackte Cello" zu sehen. Wir nutzen die Gunst der Stunde allerdings für die wohlverdiente Essenspause. Unser Appetit ist mittlerweile so groß, dass wir mit unseren Bestellungen sogar einen fränkischen Wirt in Erstaunen versetzen. "Jetzt seid ihr aber satt?" fragt er  uns staunend, nachdem wir unsere letzte Mahlzeit verspeist haben.
Oh ja, das sind wir. Und fit für


DIE NÄCHTE SIND VOLLER GEFAHREN



Italien 1959
Regie: Leopoldo Savona










Ohne eine konkrete Vorstellung, was uns jetzt eigentlich erwartet, saßen die Terza Visione-DauerkartenbesitzerInnen, einige zusätzliche Besucher und eine kleine Gruppe weißhaariger Herren und Damen, die sich in diese Vorstellung verirrt hatten, im Kinosaal.
Der laut Programmheft "rare, nie auf Video erschienene Vertreter" der Genregattung "Halbstarken-Filme" beginnt für meinen Geschmack etwas befremdlich.
Man sieht drei Jungs (unter ihnen der begnadete Corrado Pani, der uns bereits "Bora Bora" bis zum bitteren Ende ertragen ließ), die wohl einige Jahre zu viel die Schulbank gedrückt haben, an ihrem ersten Ferientag.
Auch wenn man es ihnen nicht unbedingt auf den ersten Blick ansieht, sie stecken noch mitten in der Pubertät, sind risikofreudig und signalisieren mit ihrem Gehabe so etwas wie "Mir gehört die Welt".
Als sie von einem Fest des Nächtens heim laufen, kommt ihnen eine Idee, wie sie die gähnende Freizeit-Langeweile aus ihrem Leben vertreiben können.
Sie überfallen Liebespaare, die sich in dunklen Ecken in die Autositze quetschen, knöpfen ihnen Geld ab (das die Erschreckten sofort herausrücken) und erpressen sogar einen Barbesitzer, der seiner dominanten Furie von Frau fremd geht.
Das alles bleibt natürlich nicht ohne Konsequenzen...

Das Schöne an "Die Nächte sind voller Gefahren" ist neben der liebevoll gemachten Synchro ("Ich hab da ein neues Beruhigungsmittel. Es heißt Trenki Leiser und kommt aus Amerika.") die immer sympathischer und authentischer wirkenden Charaktere der Bande.
Schon nach der ersten halben Stunde störe ich mich überhaupt nicht mehr daran, dass sie nicht unbedingt wie Schuljungs aussehen, sondern fiebere einfach mit der Handlung mit und schwimme atmosphärisch auf der Spaß-Stimmungswelle im Kinosaal.
"Die Nächte sind voller Gefahren" kann man schwer beschreiben, man muss ihn erlebt haben. Eine Veröffentlichung hätte der Film auf jeden Fall verdient.
Die Seniorenrunde neben uns zeigt sich etwas enttäuscht vom dargebotenen Werk und findet ihn eher "so lala", bemerkt aber mit einer ausladenden Rundum-Geste Richtung Kinopublikum "aber die Szenerie hier ist auf jeden Fall interessant".
So hatte jeder seinen Spaß.


Ich gestehe an dieser Stelle, dass ich kein großer Fan von Dario Argento bin und in dieser Richtung noch die ein oder andere Lücke habe, aber ich war besonders neugierig auf "Opera".
Bereits im Vorfeld habe ich mir von einigen Leuten sagen lassen, dass sie absolut neidisch sind, dass ich diesen Film nun als persönliche Premiere im Kino erleben darf und lustigerweise ist Oliver Nöding in seiner einleitenden Rede auch auf diesen Aspekt nochmal eingegangen.

Meine Erwartungshaltung war groß und ich wurde (fast) nicht enttäuscht...


OPERA



Italien 1987
Regie: Dario Argento










Ich will mich gar nicht zu lange mit einer Inhaltsangabe oder Besprechung des Films aufhalten, da es mir bei diesem Blog-Eintrag mehr um die Schilderung des Festival-Erlebnisses geht und ich außerdem plane, "Opera" bald ein zweites Mal anzuschauen und mich dem Inhalt dann ausführlicher zu widmen.
Mein erster Eindruck vom Film war und ist, dass ihm eine gewisse Genialität nicht abzusprechen ist und die große Leinwand hat mich auf dieses Meisterwerk eingestimmt und definitiv angefixt.
Als alter und erfahrener Horror-Nerd entwickelt man so etwas wie einen siebten Sinn dafür, ob ein Film geschnitten ist oder nicht und bereits beim ersten Mord hatte ich diesbezüglich ein etwas ungutes Gefühl.
Die Scheren-Szene im zweiten Mord hat es nicht unbedingt besser gemacht und in der anschließenden Nachbesprechung und Analyse unter Argento-Kennern zeigten sich auch einige andere Festivalbesucher irritiert über die Schnittfassung.
Nichts desto trotz - es war mir eine Ehre, den Film erstmalig im Kino erleben zu dürfen und endlich weiß ich auch, was ich da anno 2006 im "Profondo Rosso" Laden in Rom (dazu gibt's vielleicht mal ein gesondertes Special) im Keller fotografiert habe...




Was? Ist es wirklich schon vorbei? Wir können es fast nicht fassen. Der Abschied vom Kino, von der Festival-Stimmung und von den lieben Menschen, mit denen wir die Pausen verbracht haben, fällt schwer.
Bei meinem FFF-Nights-Bericht vom letzten Jahr hatte ich noch fest angenommen, dass wir in diesem Jahr wieder nach Stuttgart fahren.
Unsere Pläne haben sich diesbezüglich ein für alle Mal verändert.
Terza Visione Drei? Da simma dabei!!!