Mittwoch, 23. Dezember 2015

BLACK CHRISTMAS (1974)














JESSY – DIE TREPPE IN DEN TOD
Kanada 1974
Regie: Bob Clark
DarstellerInnen: Olivia Hussey, Keir Dullea, Margot Kidder, John Saxon, Marian Waldman, Andrea Martin, Doug McGrath, Art Hindle u.a.


Inhalt:
Junge Frauen in einem Studentinnenwohnheim werden von einem obszönen Anrufer belästigt. Dennoch wollen sie sich vom Feiern nicht abhalten lassen – immerhin ist gerade Weihnachtszeit.
Kurz vor ihrer Abreise in die Heimat verschwindet ausgerechnet die brave Clare spurlos. Gemeinsam mit ihrem Vater, der angereist ist, um das Töchterchen abzuholen, machen sich die Studentinnen auf die Suche nach der Vermissten. Die Polizei ist dabei anfänglich keine große Hilfe, bis Lt. Fuller den Fall übernimmt.
Doch als ZuschauerIn weiß man bereits von Beginn an, welches furchtbare Schicksal das verschwundene Mädchen ereilt hat und in welcher Gefahr die anderen Studentinnen schweben. Der Killer ist nämlich in ihrem Haus...


Jessy am Telefon


Weihnachten hat sich Clare wohl anders vorgestellt


Vier Jahre bevor mit John Carpenters "Halloween" das offizielle Slasher-Zeitalter eingeläutet wurde, schuf der kanadische Regisseur Bob Clark ein Genre-Meisterwerk, das bis heute im Vergleich zu anderen Filmen seiner Art immer noch zu wenig gehuldigt wird.
Während dieses Kleinod von Film im deutschsprachigen Raum unter dem erbärmlich belanglosen Titel "Jessy – Die Treppe in den Tod" in den Videotheken Staub ansetzte, hat dieser frühe Genrefilm jedoch über die folgenden Jahrzehnte aufgrund von Veröffentlichungen (und eines Remakes) den wohlverdienten Popularitätszuwachs erfahren.

"Black Christmas" ist meiner Meinung nach der düsterste aller Slasher. Nicht nur wegen der abartig-unheimlichen Stimme am Telefon oder weil es kaum Tageslicht-Szenen gibt, sondern auch wegen der besonders grausamen Inszenierung der Morde.
Natürlich gibt es Filme, die in der Gewaltdarstellung drastischer sind. Aber warum "Black Christmas" auf psychologischer Ebene so gut funktioniert, hat neben der im Haus lauernden Gefahr auch mit dem Thema Weihnachten zu tun.
Die Morde geschehen zur Zeit des Fests der Liebe in bester Friede-Freude-Eierkuchen-Atmosphäre. Während im unteren Stock eine kleine Bescherung stattfindet und "Frohe Weihnachten" gerufen wird, wird im oberen Stock des Hauses die bemitleidenswerte Clare qualvoll erstickt. In der Sequenz, in der Jessy vor der Tür dem Kinderchor lauscht, wird zur selben Zeit ihre Mitbewohnerin mit einer spitzen Glasfigur malträtiert.
Die Morde sind so inszeniert, dass die unerquickliche Kombination von Weihnachtskitsch und Brutalität durch schnelles Hin- und Herblenden zwischen den parallelen Ereignissen so richtig zur Geltung kommt.
Auf diese Weise werden beim Publikum Koppelungen zwischen physischer Gewalt und weihnachtlicher Stimmung erzeugt. Gruselig.



Trotz festlicher Beleuchtung unheimlich


Das Haus, in dem die jungen Frauen wohnen, ist weihnachtlich beleuchtet. Die Außenaufnahmen wirken dennoch bedrohlich und düster. Meist wird die gesamte Fassade gezeigt, also auch die Tote, die dort auf einem Schaukelstuhl drapiert auf ewige Zeit verdammt ist zum Fenster hinauszusehen...
Die Stimmung im Film ist genau so kalt, trist und grimmig wie der kanadische Winter.

Ein weiterer geschickter Schachzug des Drehbuchautors und Regisseurs ist, neben der permanent vorhandenen Bedrohungssituation im Haus, die Tatsache, dass man den Killer kein einziges Mal zu Gesicht bekommt. Man sieht die Morde und andere Aktivitäten aus der Ego-Perspektive des Wahnsinnigen und abgesehen davon nur seinen Schatten, den Umriss und ein Mal ein Auge.
Dies ist wohl auch der Grund, warum einige Menschen das Ende nicht begreifen. Bob Clark hat einmal in einem Interview gesagt, dass er den Film aus heutiger Sicht bezüglich Auflösung noch eindeutiger machen würde.
Die besonders verstörend wirkende Anruferstimme hat der Film kreativen und sorgfältig arbeitenden Meistern der Tontechnik zu verdanken, die mithilfe von Überlagerung mehrerer Stimmen und anderen Effekten eine besondere Intensität zu erzeugen wussten.
Was in „Black Christmas“ zudem hervorsticht, ist die Wahl der musikalischen Untermalung, genauer gesagt der dissonanten Klänge, die aus einem zerstörten Klavier entstammen.


Die braven Mädchen retten die Welt, die unartigen müssen sterben – ein feministischer Exkurs


Eines der Gebote im Slasher Universum besagt, dass die Mädchen, die sich angemessen verhalten (sprich: nicht saufen, nicht fluchen, auf Drogen und Sex verzichten) diejenigen sind, die (am längsten) überleben werden.
Nicht nur das brave Babysittermädchen Laurie in "Halloween", sondern auch die niedliche Heldin Nancy in "Nightmare on Elm Street" sind tugendhafte keusche Töchter. Ein Vorbild für die verrohte Jugend, quasi der fleischgewordene Traum puritanischer Eltern.
Auf die Spitze getrieben wird dieser Slasher-Verhaltenskodex in Cravens vor Ironie strotzendem "Scream – Schrei!". Die Rolle der weiblichen Genre-Darstellerinnen ist in vielen Filmen vorrangig die des "Kanonenfutters". Schöne Leichen sollen sie abgeben und möglichst laut und dramatisch in die Kamera kreischen.
Während ich auf ein Übermaß an weiblicher Hysterie schnell genervt reagiere, ergötzt sich das männliche Publikum eher an den stimmgewaltigen Schauspielerinnnen. Die sogenannten Scream-Queens gelten als Kult. Es gehört natürlich zum Horrorfilm wie der Topf zum Deckel, dass Klischees bedient werden. Und genau darum funktionieren sie häufig auch besonders gut. Beim Slasher sind es im Speziellen eben auch die Geschlechterrollen-Klischees.
Im Gegensatz zu späteren Filmen dieses Genres wirkt "Black Christmas" noch anarchistisch und weicht tendenziell eher ab von den zukünftig Frauen zugeschriebenen Rollen im Slasher-Film.
Die jungen Damen sind nämlich jede für sich unverwechselbare Charaktere und der Killer erwählt seine Opfer nicht nach einem klaren Beuteschema. Im Gegenteil. Das brave Töchterchen aus gutem Hause, das sich redlich bemüht, nicht wie die anderen über die Stränge zu schlagen, findet als Erste einen schrecklichen Tod.
Jessy (Olivia Hussey), die Hauptprotagonistin und quasi Heldin, ist ungewollt schwanger von ihrem psychisch labilen Musiker-Freund und erklärt ihm selbstbewusst, dass sie eine Abtreibung machen lassen wird. Er fleht sie an, er macht ihr einen Heiratsantrag, er droht ihr. Doch sie lässt sich nicht beeinflussen und möchte über ihre Zukunft selbst entscheiden.
Barbie (hervorragend gespielt von Margot Kidder) raucht, trinkt und kann schimpfen wie ein Kesselflicker. Sie wird auch gerne mal obszön, um bei ihrem Gegenüber Entsetzen hervorzurufen oder auch um den armen nicht gerade mit Intelligenz gesegneten Sergeant Nash auf die Schippe zu nehmen.
Die Studentinnen und auch die unkonventionelle Hausmutter (herrlich: Marian Waldman), die dem Alkohol etwas mehr zuspricht als es gesund oder gesellschaftlich verträglich wäre, sind Persönlichkeiten mit einem hohen Sympathiefaktor und nicht nur blasse zukünftige Opfer.


Die Herren der Schöpfung oder: Warum John Saxon der seriöseste aller Cops ist



John Saxon - Ein Bild von einem Cop


Der charismatische Keir Dullea, dessen Gesichtszüge mich immer sehr an Aragorn-Darsteller Viggo Mortensen erinnern, leistet wirklich Großes in der Rolle als Jessys Freund Peter. Als psychisch labiler Musiker zeigt er uns die volle Bandbreite an Aggressionen. Von der kalten Aggression über ein Stadium der Regression (er verfällt aus Frust in kindliche Muster, in dem er sein Spielzeug, sprich: Klavier, zerstört) bis hin zur offenen Drohung gegenüber seiner Freundin.
Kein Wunder, dass die vernünftige Jessy sich keine Zukunft als seine Ehefrau beziehungsweise Mutter eines gemeinsamen Kindes vorstellen kann.
Es geht von Anfang an eine deutlich spürbare Bedrohung von Peter aus und der gewünschte Effekt, dass man ihn für den irren Mörder halten kann, verfehlt seine Wirkung nicht.
Als Ausgleich dazu wirkt der sympathische Freund Clares, Chris (Art Hindle) wie ein Ruhepol.
Er unterstützt die Mädchen bei ihrer Suche nach seiner verschwundenen Freundin und ist stets gleich zur Stelle, wenn jemand seine Hilfe benötigt.
John Saxon stellt Lt. Fuller dar. Mir fiel dieser Schauspieler in jungen Jahren zum ersten Mal positiv in der Rolle von Nancys Vater ("Nightmare on Elm Street") auf. Dort mimte er ebenfalls einen Vertreter des Gesetzes. Niemand wirkt so seriös, kompetent, überlegt und selbstsicher in der Rolle eines Polizisten wie dieser Mann.
Regisseur Clark wusste um diese Wirkung und verstärkte sie mithilfe von gut positionierter Beleuchtung und günstigen Kameraeinstellungen optimal.
Saxons vertrauenserweckende Ausstrahlung ist enorm. Wenn ich aus einem brennenden Haus springen müsste und John Saxon mit ausgebreiteten Armen unten stehen würde – ich würde nicht zögern.
Gut, der letzte Satz war jetzt vielleicht nicht gaaanz ernst gemeint...

"Black Christmas" geht keine Kompromisse ein. Jeder und jede ist in Gefahr. Zu Recht verdient dieser Film die Bezeichnung "Meilenstein" innerhalb des ganzen Genres und hat dank dem Einsatz innovativer Techniken und einem exquisiten Cast auch nach mehreren Jahrzehnten nichts von seiner intensiven schaurigen Atmosphäre eingebüßt.
Bitte beachten Sie die Verzehr-Empfehlung: Den vollen bitteren und unverwechselbaren Geschmack entfaltet der Film ausschließlich in Kombination mit der Original-Tonspur.

Frohe Weihnachten!




Foto: Blu Ray von Capelight



Samstag, 12. Dezember 2015

PECCATI DI GIOVENTU` (1975)














SONNE, SAND UND HEISSE SCHENKEL
JUNG, SCHÖN UND LASTERHAFT (Alternativtitel)
Italien 1975
Regie: Silvio Amadio
DarstellerInnen: Gloria Guida, Dagmar Lassander, Silvano Tranquilli, Fred Robsahm (als Fred Robsham), Felicita Ghia, Rita Orlando u.a.


Inhalt:
Angela ist zwar schon ein großes Mädchen, will aber ihrem Vater um jeden Preis gefallen und wünscht sich von diesem wesentlich mehr Aufmerksamkeit. Da kommt es der jungen Frau mehr als ungelegen, dass der Herr Papa plötzlich mit der schönen Irene auftaucht, die er auch noch beabsichtigt zu ehelichen.
Angela will die Stiefmutter in spe um jeden Preis so schnell wie möglich loswerden und zieht dafür alle Register...


Vater und Tochter (Guida)


Eleganz und Charisma: Lassander


Bereits bei "Avere vent'anni" ärgerte ich mich sehr über den unpassenden Titel "Oben ohne, unten Jeans". Bei "Peccati di gioventù" lerne ich nun, dass es eine Steigerungsform von dämlichen, unpassenden Titeln gibt.
"Sonne, Sand und heiße Schenkel" war wohl ein verzweifelter deutscher Vermarktungs-Versuch, der eigentlich nur nach hinten losgehen konnte. Wer sich nämlich einen netten Erotikfilm erwartet, wird durch die Handlung dieses weichgespülten Dramas ziemlich vor den Kopf gestoßen.

Doch für welches Publikum ist dieser Film denn eigentlich geeignet? Mich hat er ausreichend unterhalten und ich würde ihn sogar ein zweites Mal anschauen, weil Gloria Guida eine hinreißend natürliche Schönheit ist (egal ob mit oder ohne Klamotten, zu sehen gibt es beide Varianten).
Weil Dagmar Lassander ("Femina Ridens") eine beeindruckende Eleganz und Erotik ausstrahlt und allein durch ihre schauspielerischen Fähigkeiten in der Lage ist, den Schund- und Peinlichkeitsfaktor des Drehbuchs wesentlich zu minimieren.
Weil ausreichend J&B getrunken und die Flaschen schön ins Bild gehalten werden und nicht zuletzt , weil er in Sardinien gedreht wurde und ein herrliches Urlaubsflair verströmt.


Sehe ich aus wie ein Frauenheld?


Fred Robsahm stört ein kleines bisschen in der Rolle des Womanizers, dem die Frauen zu Füßen liegen. Aber vielleicht hat er etwas zu bieten, was auf den ersten und zweiten Blick nicht erkennbar ist??
Regisseur Amadio griff für "Sonne, Sand und heiße Schenkel" gaaanz tief in die Klischee-Kiste und zauberte daraus einen melodramatischen, sehr vorhersehbaren, doch aufgrund der oben genannten Pluspunkte für Fans des italienischen Kinos durchaus sehenswerten Film hervor.


Fotos der Drehorte auf Sardinien und Screenshots findet ihr hier


Das peinliche Plakat passend zum Titel


Foto: VÖ von Raro Video und Donaufilm



Samstag, 5. Dezember 2015

LA CAMPANA DEL INFIERNO (1973)














EIN TOTER LACHT ALS LETZTER
AB IN DIE HÖLLE
(Alternativtitel)
Frankreich, Spanien 1973
Regie: Claudio Guerin Hill
DarstellerInnen: Renaud Verley, Rebecca Lindfors, Alfredo Mayo, Christine Betzner, Juan Cazalilla, Maribel Martín, Nuria Gimeno u.a.


Inhalt:
Jean wird vorübergehend aus der Psychiatrie entlassen und beabsichtigt klar, nicht mehr dorthin zurückzukehren. Seine Mutter ist verstorben, er wirkt allein und verloren, heimatlos. Eines Tages besucht er seine Tante Marta, die ihn einst in die geschlossene Anstalt einweisen ließ. Seine dort lebenden drei bildhübschen Cousinen haben es ihm angetan.
Das fürsorgliche Tantchen plant, ihn zu entmündigen und in Folge das Vermögen seiner Mutter zu verwalten. In ein paar Monaten soll der Gerichtsprozess stattfinden. Doch so weit möchte Jean es nicht kommen lassen. Er hat augenscheinlich andere Zukunftspläne...


Tante Marta - selbstlos oder hinterhältig?


Jean umringt von seinen Cousinen


Der etwas eigenartige, doch nicht unpassende deutsche Titel "Ein Toter lacht als Letzter" weckt bei mir Assoziationen zu dreckigen Italowestern.
Doch weit gefehlt! Es handelt sich nämlich in Wahrheit um einen Psychothriller mit einem gialloesken Drehbuch und visuellen Anleihen aus dem gotischen Horrorfilm.
"Ein Toter lacht als Letzter" ist kein leicht zugänglicher Film. Er beginnt storytechnisch beinahe in Zeitlupe und die Frage, was nun real ist, wer verrückt und grausam und wer "normal", wird von der ersten Minute bis zum ganz bitteren Ende genüsslich ausgereizt.

"Du warst fort. Warum bist du zurückgekehrt?"
"Weil ich entlassen wurde."
"Schon als Kind hab ich dir prophezeit, dass du kein Glück haben wirst. Alle besseren Karten sind schon verteilt."

Dialog zwischen dem Hirten und Jean


Jeans Umgebung


Düster und trostlos ist die Welt der geschlossenen Anstalt, der Jean entflieht.
Doch das "Draußen" entpuppt sich als weitaus trostloser und düsterer. Die Landschaft, durch die er mit seinem Motorrad fährt, wirkt kalt, desolat und trostlos. Es ist Herbst. Die Blätter fallen, die Natur stirbt. Die Gebäude sind moosbewachsen und in dichten Nebel gehüllt. Regisseur Claudio Guerin Hill ist es eindeutig gelungen, die für den Tourismus wohl negativsten Landschaftsbilder Galiciens auf Zelluloid zu bannen.
Doch auch die Aufnahmen von Innenräumen vermitteln alles andere als ein Gefühl von Wohlbehagen. Die mangelnde Ausleuchtung der kargen Wohnräume lassen die braunen Tapeten und das dunkle Mobiliar noch trister wirken. Selbst die Tiere, die Jean in seinem Domizil hält, machen sein Haus nicht wohnlicher oder lebendiger. Der Papagei, die Katze, die Schildkröte, die verzweifelt umherflatternden Vögel und die Fische in ihrem kleinen Aquarium wirken auf dem für sie zu knapp bemessenen Raum deplatziert. Wie Gefangene.

Die bigotte Bevölkerung, die die Einweihung der neuen Glocke für den Kirchturm des Dorfes vorbereitet, verhält sich in vermeintlich unbeobachteten Momenten gottlos.
In letzter Minute rettet Jean die Tochter eines Schäfers vor dem sexuellen Missbrauch durch ein paar Fischer.
Seine Tante Marta, die sich als die Retterin ihres Neffen ausgibt (immerhin hat sie für die Einweisung Jeans gesorgt und seine Therapie-Rechnungen bezahlt), wirkt kalt und manipulativ. Jean findet im Haus der Tante Hinweise, dass sie den Arzt, der das Gutachten über ihn erstellt hatte, bestochen hat.
Doch ist Jean wirklich ein ganz normaler auf die schiefe Bahn geratener Junge, dem aus Habgier von der eigenen Familie Unrecht angetan wurde?
Diese in den Köpfen des geneigten Publikums schwelende Unsicherheit wird nie ganz aufgelöst. Es gibt keine klaren Antworten. Und genau das macht den besonderen Reiz des Films aus.
Was war vor dem Aufenthalt in der Psychiatrie? Diesbezüglich hört man von Jean und Marta unterschiedliche Sichtweisen. Und es stellt sich die Frage, inwieweit eine vielleicht latent vorhandene Störung Jeans durch die falsche Behandlung in der Psychiatrie an die Oberfläche des Bewusstseins gebracht und manifestiert wurde.
Oder ob er vielleicht letzten Endes doch ein ganz normales Mitglied der Gesellschaft ist, gesünder als andere und getrieben von einem unbändigen Freiheitsdrang und Lebenswillen. Einer, der das Pech hatte, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

Das soziale Gefüge, in dem Jean sich bewegt, ist das stark pessimistisch gefärbte Abbild einer von Doppelmoral und Gier beherrschten Menschheit. Die subtil nihilistische Sicht auf die menschlichen Abgründe zieht sich wie ein roter Faden durch den Film.
Die inzestuösen Beziehungen zwischen Jean und seinen Cousinen werden nicht nur angedeutet, sondern ganz offen dargestellt. In einer Szene wirkt selbst Jeans Tante, als ob sie nur allzu gerne bereit wäre, dem Charme ihres Neffen zu erliegen. Doppelmoral so weit das Auge reicht.
Man wird das Gefühl nicht los, die Welt durch die misanthrope Brille eines depressiven Menschen zu betrachten.

Während der Zeit des Franco-Regimes herrschten rigide Zensur-Vorschriften, weshalb viele spanische Regisseure ihre Werke im Ausland drehten und mehr oder weniger verschlüsselt Kritik an der Diktatur in ihrem Heimatland übten.
Auch in "Ein Toter lacht als Letzter" findet man ohne geistige Akrobatik betreiben und weit reichende interpretatorische Ansätze bemühen zu müssen klare Hinweise in diese Richtung.
Ein weiterer spannender Aspekt dieses Films.

Die drastischen und grausamen Schlachthaus-Szenen sind nur schwer zu ertragen. Darauf war ich nicht gefasst und ich bin nach wie vor etwas unentschlossen, ob diese für die finale Wirkung und Aussage der Erzählung hilfreich bzw. notwendig waren oder nicht.

Die Hauptfigur der Erzählung ist Jean, der in der deutschen Synchronisation eine Zeit lang John und später Jean, im Spanischen natürlich Juan heißt. Dieser wird verkörpert von Renaud Verley, für dessen schelmisches Antlitz und tiefgründiges Schauspiel ich mich bereits seit der ersten Sichtung von "Il caso venere privata" begeistere. Auch in "Ein Toter lacht als Letzter" vermag er sich in einer ähnlich angelegten Rolle perfekt in Szene zu setzen. Verley präsentiert uns einen Einblick in die Seele eines zutiefst unglücklichen Menschen im Körper eines sympathischen jungen Mannes mit einem spitzbübischen Lächeln auf den Lippen. Unter der adretten Oberfläche brodelt eine tragisch gescheiterte Existenz.
Doch auch die anderen DarstellerInnen agieren authentisch und leisten einen wichtigen Beitrag zur unheilvollen morbiden Stimmung des Films.
Ebenso spielt der Soundtrack eine bedeutende Rolle im Gesamtwerk.
"Frère Jacques" (deutsch: "Bruder Jakob") ist ein weit verbreitetes und in viele Sprachen übersetztes Kinderlied, das meist in Form eines Kanons gesungen wird. In "Ein Toter lacht als Letzter" schwebt das immer wiederkehrende von Kindern gesungene Lied wie eine düstere Prophezeiung, ein böses Omen über der Handlung.
Im Text geht es bekanntlich um die Klänge von Glocken...

"Armer Junge. Aufgewachsen ohne Vater, bei einer Mutter, die...
... Es soll vergessen und vergeben sein."
"Sie hat Selbstmord begangen. Das ist eine Sünde. Und Gott vergibt ihr das nicht!"
"Es war ein Unfall. Gehen wir."

Dialog zwischen Tante Marta und Jean

Bedrückend, in welcher Weise dieser Dialog das tragische Lebensende von Regisseur Claudio Guerin Hill vorwegnimmt. Tatsache ist, dass er am Ende der Dreharbeiten vom Turm der Kirche (auf der im Film die neue Glocke aufgehängt wird) stürzte und tödlich verunglückte.
Es ranken sich viele Gerüchte um seinen frühen Tod. Und die Interpretationen dieses Ereignisses pendeln genau wie im oben zitierten Filmdialog zwischen Selbstmord und tragischem Unglück.
War sein eigener Tod etwa die letzte Inszenierung Hills? Sein Ableben ist für ewige Zeit verknüpft mit seiner letzten Regie-Arbeit und die Parallelen (der Glockenturm spielt am Ende nämlich noch eine ganz besondere Rolle) sind nicht von der Hand zu weisen. Es scheint ein Rätsel zu bleiben. Eine weitere unbeantwortbare Frage, wie sie im Film haufenweise aufgeworfen werden.
In diesem Kontext erscheint der deutsche Titel in seiner Zweideutigkeit wie ein Scherz der besonders makaberen Sorte.

"Ein Toter lacht als Letzter" ist die von Fatalismus geprägte, psychologisch und soziologisch vielschichtige finale Hinterlassenschaft eines bemerkenswerten spanischen Regisseurs. Einer jener Filme, in der bei jedem Ansehen ein neues Puzzleteil entdeckt, jedoch nie zu einem vollständigen sinnigen Gesamtbild zusammengefügt werden kann.




Foto: DVD von Pathfinder und Colosseo



Donnerstag, 19. November 2015

SPECIAL: KARACHO - 1. FESTIVAL DES ACTIONFILMS














06.-08. November
Nürnberg, KommKino und Filmhaus


Ursprünglich war dieses Special überhaupt nicht geplant, immerhin war ich nur bei der Hälfte der Filme anwesend. Beim folgenden Bericht hat mich daher Andreas ("italo-cinema.de") dankenswerterweise unterstützt bzw. ergänzt.
Mille grazie!
Sein Text ist in dieser Farbe geschrieben.
Gewidmet seien die folgenden Zeilen allen Organisatoren, HelferInnen und den Leuten, die live dabei waren und zur guten Stimmung beigetragen haben. Ihr wart großartig.
Außerdem sollte es eventuell ein kleiner Anreiz für diejenigen sein, die beim hoffentlich folgenden zweiten Action-Paukenschlag in Nürnberg dabei sein wollen.


DER ANFANG VOR DEM ANFANG


Vom 06.-08. November 2015 lud das Nürnberger KommKino zum 1. Festival des Actionsfilms: KARACHO und ich folgte natürlich dem Versprechen von Spektakel und Eskalation.
What you deserve is what you get! 
Am Tag vor dem offiziellen Start konnte man sich bereits mit der Cannon-Doku "Electric Boogaloo" und einer privaten Filmvorführung eines Michael Bubikopf-Krachers einstimmen.
Freitag und Montag Urlaub bei Filmfestivals lohnt sich immer. Manch einer fand am Freitag Vormittag sogar Zeit für den neuen Bond. Kann man mögen.


TAG 1


EIN DRECKIGER HAUFEN















André De Toths Kriegsfilm "Ein dreckiger Haufen" (Play Dirty, 1969) mit Michael Caine, Nigel Davenport und Nigel Green machte am späten Freitag Nachmittag den Anfang. Für mich sicherlich nicht die Überraschung des Wochenendes, aber dennoch solide Söldnerkost britischer Art. Michael Caine als leicht femininen Captain Douglas muss man einfach gesehen haben.

Während der liebe Andreas sich bereits cineastisch vergnügt, fahren wir (die beiden Verrückten aus Österreich) etwas später als erhofft auf der deutschen Autobahn Richtung Nürnberg und freuen uns, dass es sich zeitlich gut ausgeht, um noch etwas zu essen, bevor wir uns auf den Weg Richtung "Komm-Kino" machen.
Wir checken im Hotel ein und schreiten andächtig durch die langen mit Teppichboden ausgelegten Gänge. Der Rollkoffer erzeugt die perfekte Soundkulisse zum Anblick des menschenleeren Hotelgangs des Overlook, äh ibis Hotels...


Der laaaange Gang.... perfekte Filmkulisse?!?


Im Kino holen wir uns natürlich als Erstes eines dieser leckeren fränkischen Biere (eine Sorte besser als die andere!) und begrüßen Freunde und Bekannte.

Nach einer knackigen Einleitungsrede von Konstantin Hockwin (vom vielversprechenden neuen Label "Forgotten Film Entertainment") entführt uns der sympathische Kai Krick (einer der Organisatoren vom "Besonders Wertlos-Festival") in die Vergangenheit, in der der damals für den Film zu junge Kai schmachtend vor dem Plakat von "Die Klasse von 1984" stand. Der Zugang zum Kino wurde ihm und seinem Bruder aufgrund von "striktem Jugendverbot" zuerst allerdings verweigert, weshalb die beiden alle Hebel und die damalige alternative Community ihrer Heimatgemeinde in Bewegung setzten, um schließlich doch noch in den Genuss dieses Klassikers zu kommen.
Eine schöne Geschichte.


DIE KLASSE VON 1984















Es folgte meine Erstsichtung (von vielen an diesem Wochenende) von einem Film dessen Ruf ihm schon Kilometer weit vorauseilt... und es wurde nicht zuviel versprochen: Mark L. Lesters "Die Klasse von 1984" (Class of 1984, 1982) war der erwartete gewaltvolle Kracher, auch wenn ich feststellen musste den Film doch schon mal irgendwann gesehen zu haben. Dies allerdings weit vor der Entdeckung der Liebe zum Film und zur Sammlerleidenschaft. Vor dem Film gab es eine fundierte Einleitung durch Konstantin Hockwin, gefolgt von einem "kurzen" Ausbruch des genialen Kai Krick. Das muss man live erlebt haben!

„Die Klasse von 1984“ war mein erster Fehlkauf. Nicht, weil der Film so schlecht ist. Es war zu der Zeit, als ich mich gerade schweren Herzens von meinem VHS Rekorder verabschiedete und mein DVD-Sammlungs-Zeitalter einläuten wollte. Da mich als Horror-Fan das Cover ansprach, übersah ich in meinem Eifer die Worte "neue Fassung" und war dann enttäuscht, den Film nur in geschnittener Version zu sehen.
Es sollte Jahre bis zur zweiten (natürlich ungeschnittenen) Sichtung der Klasse vergehen und nie hätte ich vermutet, diesen Film schließlich ein drittes Mal auf der ganz großen Leinwand zu erleben.
Immerhin ist es einer der Klassiker des Terror-Kinos. Auch wenn ich bis heute noch nicht so richtig warm werden konnte mit diesem Film.
Der Grund: die Rolle des Lehrers ist im Vergleich zum arg übertriebenen Gebaren seiner (vermutlich 5 Mal sitzen gebliebenen SchülerInnen) etwas zu ernsthaft angelegt. Oder die der bösen Punks zu übertrieben. Wer weiß. Ein bisschen mehr Splatter und ein bisschen weniger Szenen mit Michael J. Fox hätten der "Klasse von 1984" vermutlich nicht geschadet. Trotzdem: diesen Film sollte man gesehen haben.

Vor dem nächsten Film beleuchtet Sven Safarow (von "Eskalierende Träume") einige interessante Aspekte zu "The Hidden" und vor allem dem Cast.
Und ab geht die Post...


THE HIDDEN - DAS UNSAGBAR BÖSE















Sehr positiv überrascht war ich vom action- und temporeichen "The Hidden", der es schaffte, die beim vorherigen Film aufgekommene Schläfrigkeit in Null Komma Nichts vollends wegzublasen.
Der sympathische Kyle MacLachlan gibt hier den FBI Agenten, der in Wirklichkeit ein Alien ist. Erinnerungen an "Twin Peaks", "Terminator" und "Men in Black" werden geweckt.
Es gibt viel zu Lachen und auch die ein oder andere emotionale Szene.

Den Abschluss am Freitag und eines meiner persönlichen Festivalhighlights bildet Jack Sholders "The Hidden - Das unsagbar Böse" (1987) mit dem Twin Peakser Kyle MacLachlan. Was für eine geile Action, Horror, Science-Fiction-Mischung! Gehört dringend offiziell in Deutschland auf DVD oder Blu-ray veröffentlicht!

Da anscheinend in einer Freitag-Nacht nicht mehr allzu viele Lokale in Nürnberg offen haben und es in Strömen regnet, landet unsere kleine gesellige Runde nach der vergeblichen Suche nach einem Curry-Wurst-Lokal doch im Kino und Hotel nahe gelegenen Restaurant "Istanbul", in dem natürlich gebührend über Filme gefachsimpelt und diskutiert wird.
Ein schöner Ausklang des Abends.


TAG 2


DER GNADENLOSE VOLLSTRECKER















Nach einer zu kurzen Nacht bildet Kuei Chih-Hungs "Spät"-Eastern der alten Schule "Der gnadenlose Vollstrecker" (Man Yan Jam, 1980) mit Chen Kuan-Tai und Ku Feng einen düsteren, pessimistischen und fulminaten Start in den Samstag. Demnächst von filmArt in der Shaw Brothers Collection als DVD/Blu-ray Combo erhältlich!

Nach einer glühenden mitreißenden Rede von Kai Krick über die Mechanismen des Actionsfilms und der Erklärung, warum "Point Break" quasi ein Meta-Film ist, geht es weiter mit...


GEFÄHRLICHE BRANDUNG















Im Anschluss begeben sich Patrick Swayze und Keanu Reeves in die "Gefährliche Brandung" (Point Break, 1991) - ein absolutes Highlight den ich direkt nach dem Festival nochmals im Heimkino genossen habe. Ein Film bei dem für mich von vorne bis hinten alles passt. Was für eine Neuentdeckung!

Wer in den 90er Jahren TV geschaut hat, kam an "Gefährliche Brandung" eigentlich nicht vorbei. Ab circa der Mitte dieses Jahrzehnts lief der Film über die Surfer, die in ihrer Freizeit als Ex-Präsidenten maskiert Banken überfallen, gefühlte 2 Mal pro Jahr auf irgendeinem Sender.
Und ich habe ihn fast jedes Mal gesehen. Und das obwohl ich damals Patrick Swayze (wegen "Dirty Dancing") und Keanu Reeves doof fand. Irgendeine Magie verströmte dieser Film dennoch und auch ich konnte mich dem Sog nicht entziehen.
Es war insgeheim mein persönliches Highlight und tatsächlich: ich bin hin und weg! Was es in diesem Film alles zu sehen und zu erleben gibt! Die Surfszenen, die Fallschirmsprung-Szenen, die Kampf- und Suspense-Szenen wirken über die große Leinwand in einer nie für möglich gehaltenen Intensität auf das Publikum. Ich bin mir sicher, dass es nicht nur mir so ergangen ist. Nicht nur dank der ausführlichen Analyse von Kai (u.a. über die speziellen Lichtverhältnisse in vielen Szenen) fallen mir völlig neue Aspekte ins Auge als damals.
Und ich erkenne, dass sowohl Keanu Reeves als auch der leider allzu früh verstorbene Patrick Swayze hier eine schauspielerische Meisterleistung vollbracht haben.

Andreas Beilharz ("Eskalierende Träume") begründet uns auf fachkundige und schlüssige Art und Weise, warum der folgende Film Eingang ins Festivalprogramm gefunden hat und zum Action-Kino gezählt werden kann.


RODAN – DIE FLIEGENDEN MONSTER VON OSAKA
















Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Als ich beim "Deliria-Italiano" Forumtreffen (hier ein paar Worte dazu) den Trailer zu "Rodan" bewunderte, kam mir nicht in den Sinn, dass ich den Film jemals sehen werde und schon gar nicht in einem Kino.
Einen Monat später sitze ich also im Filmhaus und freue mich über "Rodan", der wie ähnlich gelagerte japanische Monsterfilme irgendeine infantile Ecke meiner Seele aktiviert und mich einfach nur mitreißt und ungemein unterhält.

Die knuffigen Kaiju-Monster in "Rodan - Die fliegenden Monster von Osaka" (Sora no daikaijû Radon, 1956) sind die perfekte Nachmittagsunterhaltung und sorgen auch dank der schrägen deutschen Synchro für einige Lacher im Publikum.

In der Essenspause findet sich eine große Gruppe von Kino-BesucherInnen im urig-fränkischen Lokal "Barfüßer" zusammen. Dort gibt es viel Fleisch auf der Karte. Manche behaupten, wenn man die dort angebotene Familienplatte wieder zusammenbauen würde, säße ein ganzes Schwein auf dem Tisch. Dank meinem geduldigen Sitznachbarn habe ich endlich anschaulich gelernt, was die Franken unter ihrem berühmten "Schäufele" verstehen.
Sollte man mal gegessen oder zumindest gesehen haben.
Abermals ergaben sich interessante Gespräche über Filme, Drehorte und Urlaubsorte und lustige Unterhaltungen rund ums Thema Essen.


RAMBO 2 - DER AUFTRAG















Da "Phantom Kommando" aufgrund von Lieferschwierigkeiten leider ausfallen musste, stimmte das Karacho-Publikum für den Ersatz durch "Rambo 2" (und zu meinem Bedauern gegen "Total Recall") ab.
Mein Vater war Sylvester Stallone Fan und mit ihm guckte ich damals so ziemlich alle Sly Filme, die in der Flimmerkiste ausgestrahlt wurden. Besonders mochte ich "Over the Top" und die "Rocky"-Filme, auch wegen der schönen Dramaturgie. Hier musste er etwas tun für seinen Erfolg, sich hocharbeiten, hart trainieren, einstecken und so weiter.
Bei "Rambo" fehlt mir sowas. Mit dieser Art von Film konnte ich nie warm werden. Dafür erheiterten mich zumindest ab und zu die Parallelen zu bzw. meine Erinnerung an "Der Kampfgigant" (eines meiner Higlights auf dem letzten "Terza Visione Festival").

It's Rambo-Time, all the time und zwar Rambo 2! Vietnamveteran Rambo räumt jetzt so richtig auf. Schön dieses Kleinod mal in prächtigem 35mm erleben zu können!



Pause: frische Luft und Blick nach unten


Die Pausenmusik im Kinosaal fiel mir während der ganzen Zeit schon sehr positiv auf. Unsere Ohren wurden nämlich mit einer genialen Mischung aus Genre-Kult-Soundtracks beschallt. Und da, ganz plötzlich erklingen die ersten Töne eines meiner absoluten Lieblingstracks aus den Boxen: Der Disco-Song aus meinem heißgeliebten "Das Syndikat des Grauens".
Was für eine Freude!
Da steht plötzlich in den hinteren Reihen einer aus dem Publikum auf (wir wollen an dieser Stelle keinen Namen nennen) und sagt laut: "Und stell die Negermusik etwas leiser. Wir sind doch hier nicht im Kraal!".
Eingeweihte wissen natürlich, dass es sich hierbei um ein Originalzitat aus der deutschen Fassung des Films und beim Sprecher um einen echten Genre-Freak handelt.

Plötzlich wird es leise und Tobias Reitmann vom Italo-Cinema-Team lehnt locker lässig (Assoziationen zum Märchenonkel und zu Alfred Hitchcock werden geweckt) in seinem Stuhl vor der Leinwand und beginnt mit seiner Einleitung zu Coffy, die mich total in den Bann zieht.
Bei seiner sehr persönlichen und mit coolen Anekdoten bestückten Erzählung geht es in erster Linie darum, wie er zu dem Film gekommen ist und was ihm bei der ersten Sichtung durch den Kopf ging. Nostalgie-Flair inkludiert.
Die perfekte Einstimmung auf "Cöffy"! Die Vorfreude steigt...


COFFY – DIE RAUBKATZE















Zum krönenden Abschluss des Samstags gibt es die Blaxploitation-Bombe schlechthin: Pam Grier ist "Coffy - Die Raubkatze" (1973) mit einer durchgedrehten deutschen Knaller-Synchro und einem fantastischen Soundtrack von Roy Ayers. Sehr empfehlenswert. Eingeleitet wurde der ganze Spaß von Tobias Reitmann mit einigen Anekdoten aus dem VHS-Zeitalter.

Endlich komme ich in den Genuss dieses sagenumwobenen Klassikers des Blaxploitation Kinos.
Wow! Pam Grier sieht wirklich heiß aus und "Coffy" ist der absolute Gag-Overkill und der Party-Film schlechthin. "George, George. He's a pimp, he's a pusher..." singend laufen wir trotz fortgeschrittener Stunde beschwingt aus dem Kino.

Mein Bericht endet an dieser Stelle mit dem Fazit: Diese Reise hat sich gelohnt. Sollte es eine Fortsetzung dieses Festivals geben, heißt es für mich ganz klar: "I'll be back!"


TAG 3


ENGEL DER HÖLLE















Bedauerlich, dass die Zeit so rennt und das Wochenende fast schon rum ist, doch mit dem Biker-Film "Engel der Hölle" (The Born Losers, 1967) folgt am Sonntag mittag schon der nächste Überraschungshit. Ebenfalls mit einer traumhaften deutschen Synchro ausgestattet geht es satte zwei Stunden mit Billy Jack auf Kreuzzug gegen die Hells Angels.
Man glaubt nicht, was man dort sieht. Eingeführt wurde der Film übrigens stilecht in Lederjacke, zerrissenen Jeans und Halstuch von Nikolas Schuppe, der an dem Wochenende mit voller Hingabe fast alle Filme vorgeführt hat, ein echter Knochenjob. Danke Nikolas!


HEROIC TRIO















Der Sonntag ist so oder so der Überraschungssonntag. Es folgt der nächste Hit, denn Anita Mui, Michelle Yeoh und Maggie Cheung fliegend zu einem bombastischen Soundtrack durch das Hongkong des 21. Jahrhunderts sind berauschend ohne Ende.


DIE KATZE















Dominik Graf ist zu Gast, kündigt seinen Film "Die Katze" (1988) an und steht im Nachgang, moderiert von Sano Chestnik, Rede und Antwort. Ein absoluter Knallerfilm mit Götz George, Gudrun Landgrebe, Ralf Richter und Heinz Hoenig... schade was mittlerweile aus dem deutschen Kinofilm geworden ist, oder geworden worden ist...


DIE CITY COBRA















Den krönenden Abschluss des Wochenendes bildet Cosmatos' "Die City-Cobra" (Cobra, 1986) mit einem Stallone in Bestform. Auch dieser Film war für mich eine Premiere und was für eine!

Was bleibt einem als Fazit übrig als zu sagen: Nochmal! Nochmal! Nochmal! Es muss auch im nächsten Jahr wieder heißen: Karamba, Karacho, ein Whisky, ein Gin!
Ein dickes Dankeschön an das Organisationsteam um Konni, Tobias, Nikolas und Andreas B. für ein Wochenende der Zelluloid-Träume. Meine Dankbarkeit sei euch ewig gewiss.
PS: DEN Kino-Horrorfilm mal im Kino zu sehen sei auch jedem gegönnt. "Im Augenblick der Angst" macht augenblicklich Angst.




Samstag, 14. November 2015

IL MONDO DI YOR (1983)














EINER GEGEN DAS IMPERIUM
Frankreich, Italien, Türkei 1983
Regie: Antonio Margheriti
DarstellerInnen: Reb Brown, Corinne Cléry, John Steiner, Carole André, Luciano Pigozzi, Nello Pazzafini (uncredited), u.a.


Inhalt:
Der unerschrockene Kämpfer Yor ist auf der Suche nach seinen familiären Wurzeln. Zwischen Dinosauriern, Affen-Menschen und seltsamen Stämmen fühlt sich das blonde Muskelpaket augenscheinlich nicht zugehörig. Doch wo ist sein Stamm?
Die schöne Ka-Laa und ihr Vertrauter Pag begleiten und unterstützen ihn.
Das, was das Trio auf ihrer Odyssee noch erwarten wird, können weder sie noch wir uns vorstellen...


Kaa-Laa (Cléry) bezirzt Yor beim Bauchtanz


Dafür legt Yor fast seinen Fleischbrocken aus der Hand...
... und Pag (Pigozzi) säubert sich die Zähne


Der Regisseur und drei Namen (Cléry, Steiner, Pigozzi) haben mich überzeugt, dass ich "Einer gegen das Imperium" sehen muss. Ich habe es nicht bereut.
Was für ein Kracher von einem Film!
Reb Brown, der mich auf absurde Art und Weise an eine Kreuzung zwischen Dawson (aus der Serie "Dawson's Creek") und dem in meiner Kindheit verehrten blonden Muskelpaket He-Man erinnert, rockt die Leinwand.
Ich behaupte, dass ich nie einen Superhelden mit einer unpassenderen Föhn-Frisur gesehen habe.
Bereits die ersten Szenen des Films sind ungemein erheiternd und wenn Yor kämpft oder über Hindernisse hüpft, gibt sein braunes Schürzchen doch tatsächlich wiederholt einen Blick auf seinen blanken Allerwertesten frei.
Aber nicht nur das bringt einen zum Schmunzeln.
Die ganze Story des Films ist dermaßen unglaublich, dass man aus dem Staunen kaum mehr raus kommt.
Allen geschichtlichen Überlieferungen und Forschung zum Trotz erschuf Margheriti eine Art Fantasiewelt, vielleicht auch eine andere Dimension, in der selbst die Gesetze der Physik nicht dieselben sind wie auf unserem Planeten.
Vielleicht ist dies auch der Schlüssel zum tieferen Verständnis (Achtung Ironie) des Plots. Wahrscheinlich handelt es sich bei der Welt, in der unser tapferer Yor kämpft und Frauen betört, um einen fernen Planeten einer anderen Galaxie.
Denn spätestens als der Oberfiesling, der von allen nur als der "Overlord" (John Steiner) bezeichnet wird, die Bildfläche betritt, erklärt sich so Manches.

Theorie:


Dawson plus...



He-Man












...ist gleich Yor!? :)


Das herrlich Spaßige an "Einer gegen das Imperium" ist nicht nur die krude Mischung zwischen "Am Anfang war das Feuer", Barbarenfilm und Science Fiction, sondern auch die Naivität der Hauptcharaktere.
Allen voran die schöne Corinne Cléry, die mich in "Wenn du krepierst - lebe ich" in Verzücken versetzte, in der Rolle der Ka-Laa.
Ka-Laa lässt mit ihrem steinzeitlichen Outfit natürlich auch tief blicken und bekanntermaßen konnte sich Frau Cléry ja durchaus sehen lassen. Sie ist ein Naivchen wie es im Buch steht und total verknallt in Yor, der es mit Treue scheinbar nicht so genau nimmt.
Zum Glück befinden sie sich in einer Welt, in der es normal ist, dass ein Mann mehrere Frauen hat (wie uns Pag aka Luciano Pigozzi aufklärt). Yor scheint für Frauen so anziehend zu sein wie das Licht für die Motten und lässt keine Gelegenheit aus.
An dieser Stelle sei auch noch am Rande erwähnt, dass in Yor's Welt auch die Regel gilt, dass entführte Frauen automatisch in den rechtmäßigen Besitz des Kidnapper-Stammes übergehen und daher nicht zurückgeholt werden dürfen!!??!
Nach dem Tod seiner Zweitfrau scheint Yor sich irgendwie für Dummchen Ka-Laa entschieden zu haben, die ihn permanent mit herzerweichenden Dackelblicken taxiert und über das ganze Gesicht strahlt, wenn er ihr erlaubt, ihn irgendwohin zu begleiten.
Für Cléry, die ja bereits in "Die Geschichte der O." das devote Frauchen gab, war es sicher ein Leichtes, in diese Rolle zu schlüpfen.

Charakterkopf Luciano Pigozzi aka Alan Collins, dessen Antlitz uns in unzähligen italienischen Genre-Filmen (u.a. "Knie nieder und friss Staub", "Die Farben der Nacht" oder "Baron Blood") begegnet, befand sich zur Zeit der Produktion wohl auf dem „Höhepunkt“ seiner Filmkarriere. Der gemeinhin als Peter Lorre des italienischen Kinos bezeichnete Darsteller hatte in "Einer gegen das Imperium" endlich einmal eine richtige Hauptrolle und (in Anbetracht der im Film allgemein vorherrschenden Wortkargheit) sogar viel zu sagen.
Ob der damals bärtige 56-Jährige, der in seinem Fell-Outfit wie ein Bahnhofs-Penner im Karneval wirkte, das selbst auch so sah, bleibt dahingestellt.

Overlord John Steiner ("Goodbye und Amen", "Schock") kommt zwar richtig böse rüber, aber irgendwie fehlte mir bei ihm der Wiedererkennungswert. Sein Gesicht wird von einer Kapuze beschattet und sein Bart wirkt auch gewöhnungsbedürftig.
Freunde kam auch beim Anblick von Lord Helmchen (erlangte später Bekanntheit durch "Spaceballs") und einigen herzigen Star Wars-Androiden auf.

"Einer gegen das Imperium" hat mich von der ersten bis zur letzten Minute bestens unterhalten. Nicht zuletzt wegen den hanebüchenen Wendungen des Drehbuchs, doch auch die Action-Szenen sind nicht von schlechten Eltern.
Kämpfe gegen affenartige Menschen, deren Gesichter und Extremitäten blau-violett eingefärbt sind sind genau so lustig wie die Begegnung mit den Zombie-bzw- Mumien-artigen Menschen in einer Eishöhle (die sich im Übrigen mitten in einer Wüstenlandschaft befindet... alles klar?).
Die Kämpfe gegen diverse Dinos sind toll inszeniert und wenn Yor einen Flugsaurier als Paragleiter verwendet und begleitet von typischer De-Angelis-80er Mucke ("Yor,'s world! He's the man!") durch die Lüfte schwebt, dann weiß man: Margheriti hat das Maximum aus der Geschichte rausgeholt und hier wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um das Publikum zu unterhalten.
Auch euch?

Für alle, die von Yor nicht genug bekommen können: Es gibt übrigens eine 200 Minuten-Fassung von diesem Klassiker des Science Fiction Films. Mir persönlich erscheint die gekürzte Version allerdings als vollkommen ausreichend.




Foto: DVD von EMS



Freitag, 30. Oktober 2015

SPECIAL: IM "SCHLOSS DES TEUFELS"

AUSFLUG ZUR BURG KREUZENSTEIN


Am 02. und 03. Oktober fand das Deliria-Italiano Forumtreffen in Wien statt.
Das Programm war so verlockend, die Filmauswahl so exquisit, dass wir am Freitag direkt nach der Arbeit die weite Reise bis in unsere schöne österreichische Bundeshauptstadt aufgenommen haben, um zumindest am Samstag im Nostalgie-Flair verströmenden Kino De France dabei sein zu können, wo "Tob Job" und "Der Killer von Wien" auf 35mm gezeigt wurden.
Wie ihr euch an dieser Stelle bestimmt denken könnt: Ja, es hat sich gelohnt!
Doch nicht nur wegen der Filme, sondern auch, weil wir Neulinge total freundlich und kollegial empfangen wurden. Noch nie haben wir in so kurzer Zeit so viele sympathische und humorvolle Menschen kennen gelernt.
(An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön und Grüße an alle!)


Die schön gestalteten Flyer


Am Sonntag machten wir uns bereits am Morgen auf den Weg zur Burg Kreuzenstein, dem Drehort von Mario Bavas "Baron Blood", im Film auch "Schloss des Teufels" genannt.
Das Wetter war für unsere Pläne perfekt - mystischer Herbstnebel.
Wir kamen (nach ein paar fototechnischen Umwegen und Abstechern, u.a. zum Stift Klosterneuburg) gegen Mittag an und hatten das Glück, den letzten freien Tisch in der neben der Burg gelegenen mittelalterlichen Taverne zu ergatten. Hier wird im mittelalterlichen Kostüm bedient und das Essen auf Tontellern und die Getränke in Tonkrügen serviert.
Das ganze Ambiente vermittelt das Gefühl, sich gerade auf einer Zeitreise zu befinden. Das Essen ist übrigens auch köstlich.


Romantische Stimmung in der Taverne


Gut gestärkt (und einer von uns endlich wieder nüchtern) nahmen wir dann an einer circa einstündigen Führung durch das Schloss teil. Eine fachkundige, historisch bewanderte Frau beantwortete alle Fragen rund um die von 1874 bis 1906 vom damals reichsten Österreicher erbaute Burg, deren Interieur ein kleines Museum beherbergt.
In den Räumlichkeiten befinden sich diverse interessante Ausstellungsstücke aus dem Mittelalter: Folterinstrumente, Rüstungen, Lanzen, Kochgerätschaften und Vieles mehr.
Wir erfuhren unter anderem, dass offenbar schon viele Filme in und um die Burg Kreuzenstein gedreht wurden. Zur Zeit sind gerade wieder Dreharbeiten im Schloss (nachzulesen auf der Homepage), weshalb im Oktober nur am Wochenende Besichtigungen möglich sind.

Leider herrscht innerhalb des Gebäudes strenges Fotografier-Verbot. Für alle, denen also folgende Fotos nicht ausreichen und die auf den Geschmack gekommen sind, gilt: unbedingt selbst hinfahren!


DREHORTVERGLEICH
(Wie bei anderen Specials ist links jeweils der Ausschnitt aus dem Film, mittig mein Foto dazu)


Peter Kleist und sein Onkel fahren zum Schloss
















Wir tun so, als ob wir zum Schloss fahren


Ein Wunder, dass wir...
















... die richtige Straße gefunden haben


Vorbei an der Apotheke...
















Keine Apotheke mehr, aber das Gebäude stimmt


Die Burg im Film
















Die Burg vor meiner Kameralinse


Eingang im Jahre 1972
















Eingang 2015


Innenhofaufnahme Bavas
















Meine Innenhofaufnahme


Hier haust im Film...
















... der Geist des sadistischen Barons

















Ob er uns wohl...


... von irgendeinem Winkel aus beobachtet?


Im Film






Wow. Wie hab ich denn das erwischt?


Elke Sommer vor dem Fachwerkhaus...
















Wir vor dem aus Nürnberg stammenden Fachwerkhaus


Eva läuft...


... diese Stufen hinunter


Einfahrt...
















... zum Stift Klosterneuburg


Hier treffen sich Eva und Peter mit dem Professor
















Nur die Farbe hat sich verändert


Eingang damals...
















...und heute


1972: Man beachte die Frau im Hintergrund (weißer Mantel)
















2015: da war sie doch eben... Oder?


Oder???


Kreuzenstein: Blick durch die Loggia




Herr Dortmundt blickt auf den Innenhof












Wegen dieser Fotos...


...hätte ich fast die Gruppe verloren und wurde ermahnt


Dieses Katapult...
















...steht immer noch an derselben Stelle




















Dieser lustige Geselle..
















...bewacht immer noch den Eingang


Hier rutscht die kleine Nicoletta runter
















Wo ist sie nur?



Übrigens wurde "Im Schloss der blutigen Begierde" ebenfalls in Burg Kreuzenstein gedreht: