Samstag, 25. Oktober 2014

CANI ARRABBIATI (1974)














WILD DOGS
Italien 1974
Regie: Mario Bava
DarstellerInnen: Riccardo Cucciolla, Lea Lander, Maurice Poli, George Eastman, Don Backy, Ettore Manni, Erika Dario u.a.


Inhalt:
Ein Verbrecher-Trio wird nach einem Raubüberfall auf einen pharmazeutischen Betrieb von der Polizei verfolgt. Um den Bullen und dem Gefängnis zu entfliehen nehmen sie unterwegs zwei weibliche Geiseln. In einem Anflug von Angst (und Übermut) töten sie eine der Frauen, die andere soll aber an ihrer Seite bleiben.
Da sie ein neues Fluchtfahrzeug benötigen, krallen sie sich das nächstbeste - samt dessen Besitzer und einem Kind, das schwer krank auf dem Rücksitz vor sich hin vegetiert.
Da wären sie nun. Vier Männer, eine Frau und ein schlafendes Kind in einem Auto auf den Straßen Roms und Umgebung.
Die Enge im Auto, das angespannte Nervenkostüm von Geiseln und Geiselnehmern sowie die brütende sommerliche Hitze entfalten langsam aber unaufhaltsam ihre Wirkung.
Eine Eskalation der Situation scheint vorprogrammiert...


Maria im Stress


Imposanter Hüne - George Eastman


Fast wäre dieser Film Mario Bavas für immer verschollen geblieben. Die Produktionsfirma ging nämlich während der Dreharbeiten pleite, weshalb der Maestro seinen Poliziottesco nie fertig stellen konnte.
Fortuna sei Dank wurde er nach dem Ableben des Maestros in einem Tresor als Nachlass gefunden und von der Schauspielerin Lea Lander mithilfe von Peter Blumenstock wieder hergestellt und veröffentlicht.

Es handelt sich bei "Cani Arrabbiati" zwar nicht um Bavas besten Film, aber es wäre sehr schade gewesen, wenn er der Nachwelt für immer vorenthalten geblieben wäre.

"Cani Arrabbiati" beginnt sehr rasant mit einer Verfolgungsjagd. Man befindet sich gleich mitten im Geschehen und der eigentlichen Geschichte: der Flucht der Verbrecher vor der Polizei.
Beim Mord an einer Geisel in den ersten Minuten fällt zwar auf, dass die Effekte augenscheinlich nicht von Rambaldi oder De Rossi gemacht sind. Dafür besticht der Film durch andere Qualitäten:
Neben der förmlich körperlich spürbaren Spannung zwischen den auf engstem Raum befindlichen Protagonisten sei Luigi Montefiori (besser bekannt als George Eastman, u.a. zu sehen in "Jonny Madoc") als eine weitere davon genannt.
Der 2,06 Meter große "Man-Eater" ist mit Vollbart und fettigen Haaren in seinem signalroten Muskelshirt wirklich eine imposante Erscheinung.
Er lässt die anderen Schauspieler neben sich wie Kleinwüchsige aussehen und brilliert in der Rolle des nicht gerade mit Intelligenz gesegneten, teilweise infantil wirkenden verrückten Gangsters, genannt "Zweiunddreißig".
Es macht Spaß, ihm dabei zuzusehen wie er so auf der Rückbank sitzt und aus heiterem Himmel anfängt zu singen, flucht, säuft, die weibliche Geisel belästigt oder mit seinem besten Kumpel Bisturi (Don Backy) über Kleinigkeiten streitet. Zweifelsohne war er mit dieser Rolle voll in seinem Element.

Kein Wunder, dass der "Doktor" genannte Anführer der Bande (Maurice Poli) zunehmend an seiner Kollegen-Auswahl zweifelt, wenn die beiden auf dem Rücksitz Witze erzählen oder wie Kleinkinder streiten.
Außerdem bereiten ihm die beiden widerspenstigen erwachsenen Geiseln, die sich partout nicht in die passive Opferrolle fügen wollen, immer wieder herbe Probleme.
Besonders die tapfere Maria (toll gespielt von der faszinierenden Lea Lander) entpuppt sich als unberechenbar und wirkt in einigen Szenen mit ihrem starren Blick wie eine Raubkatze kurz vor dem Angriff.

Und die Tatsache, dass Riccardo (seines Zeichens Geisel und zugleich Fahrer des Wagens) das kranke Kind auf dem Rücksitz trotz brütender Hitze in eine Wolldecke eingewickelt hat und ihm bei jeder Regung neuerlich Beruhigungsmittel verabreicht, sollte den "Dottore" vielleicht stutzig machen...

"Cani Arrabbiati" ist ein gelungenes Beispiel für Exploitation-Kino der 70er, das darauf abzielt(e) den Voyeurismus des Publikums zu befriedigen.
Entweder man mag es oder man verabscheut es.
Trifft Ersteres zu, ist "Cani Arrabbiati" in eurem DVD-Player definitiv richtig.
Der Film büßt leider Einiges von seiner ursprünglichen Intensität und Rohheit durch die unpassende deutsche Synchronisation ein. Kurioserweise hat Astro bzw. Marketing zwar die italienische Tonspur auf die DVD gepackt, aber darauf verzichtet, Untertitel beizusteuern.
Deswegen sollten Interessierte sich die Blu Ray von Arrow holen, die außerdem noch über eine bessere Bildqualität verfügt.

Trotz einer gewissen Vorhersehbarkeit der Handlungsabläufe ist "Wild Dogs" ein spannender, bitterböser Thriller mit Elementen eines psychologischen Kammerspiels, untermalt mit einem typischen Cipriani-Score, den sich Bava-Fans (und die es noch werden wollen) nicht entgehen lassen sollten.


DVD von Astro


Foto: DVD von Marketing und Mario Bava Box Nr. 2 von Anchor Bay, Blu Ray v. Arrow



Montag, 20. Oktober 2014

SPECIAL: GEHEIMNISVOLLES SPOLETO

Die italienische Stadt Spoleto befindet sich in Umbrien und gehört zur Provinz Perugia.
Der antike Stadtkern und die Nähe zu Rom machten Spoleto in den Siebziger Jahren zu einem beliebten und wohl auch praktischen Drehort für italienische Genrefilme.
Der Dom, die antike Brücke und die Basilica di San Salvatore beflügelten offenbar die Phantasie der Regisseure.
Hier wurden u.a. gedreht:


Meine Urlaubsfotos stammen aus dem Jahr 2012:


Malerische verwinkelte Gassen






Etwas verfallene Fassaden


Ein altes Kino


Um 5 vor 12 bei 40 Grad Celsius am
Marktplatz


Christliche Symbolik sieht man in Spoleto überall




Der Dom von oben






Das Umland


Über den Dächern von Spoleto sieht man die Natur


Ponte delle torri (erbaut ab 1359)


Die Festung (Gefängnis)


Ponte delle torri von der anderen Seite


Der berühmte Dom Spoletos


Detailansicht Dom


Domplatz


Diese Treppe rannte einst Erika Blanc herunter




Sonntag, 19. Oktober 2014

AMORE E MORTE NEL GIARDINO DEGLI DEI (1972)














LIEBE UND TOD IM GARTEN DER GÖTTER
Italien 1972
Regie: Sauro Scavolini
DarstellerInnen: Erika Blanc, Peter Lee Lawrence, Ezio Marano, Orchidea de Santis, Rosaria Borelli, Franz von Treuberg, Vittorio Duse u.a.


Inhalt:
Ein Ornithologe mietet sich in einer etwas abgelegenen Villa ein, um das Verhalten der dort ansässigen Vogelarten zu erkunden. Eines Tages findet er nahe einem Baum ein Tonband, das er nach sorgfältiger Reinigung in Betrieb nimmt.
Es handelt sich um eine Aufzeichnung psychoanalytischer Sitzungen einer gewissen Azzurra, die den Professor sichtlich faszinieren und Einblicke in tiefe menschliche Abgründe eröffnen.
Er beginnt nach den Besitzern der Villa zu forschen und bringt damit sein Leben in ernsthafte Gefahr...


Der Professor


Azzurra und Manfredi - Geschwisterliebe?


Ich habe "Liebe und Tod im Garten der Götter" heute zum zweiten Mal gesehen und bin überzeugt, dass ich beim nächsten Anschauen noch weitere, hier nicht erwähnte Aspekte, entdecken werde. Denn der Film ist vordergründig einfach, doch auf der Meta-Ebene komplex.
"Liebe und Tod im Garten der Götter" gehört wohl ähnlich wie "Das Haus der lachenden Fenster" (man beachte: auch hier ist das Tonband-Thema zentraler Bestandteil der Geschichte) in die Kategorie von Gialli, die einigen Fans des Genres als eher schwer zugänglich erscheinen.
Denn er weicht ganz klar von allseits beliebten Mustern (Killer mit schwarzen Handschuhen, Rasiermessermorde, Serienmorde, rote Heringe und kuriose Plot-Twists) ab.

Mich fasziniert er dennoch sehr. Kann man im Zusammenhang mit so einem Film überhaupt von "gefallen" sprechen? Ich bin mir nicht ganz sicher.
Die dargebotene Intensität von Tristesse, Morbidität und Hoffnungslosigkeit wurde nur selten in einem Genrefilm erreicht, am ehesten kann man diesbezüglich wohl einen Vergleich zu "Anima Persa" ziehen.
Von der Grundstimmung und Thematik sind sich "Liebe und Tod im Garten der Götter" und letztgenannter Giallo in der Tat ähnlich.
"Ein Giallo?" werden manche von euch zu Recht fragen. Auch an dieser Definition werden sich die Geister scheiden und es liefert sicherlich einigen Stoff für Diskussionen, auf die ich aber nicht näher eingehen möchte, weil ich sie für zweitrangig halte.
Innerhalb meines persönlichen Filmuniversums ist der Grundplot jedenfalls gialloesk genug: Ein deutscher Wissenschaftler reist nach Italien, um dort unfreiwilligerweise in einen Kriminalfall verwickelt zu werden, der bald lebensbedrohliche Ausmaße annimmt.

Der Film spielt sich auf unterschiedlichen Ebenen ab: Einerseits geht es um die Erlebnisse des Professors, der sich gerade mit dem Inhalt der Tonbänder und in weiterer Folge mit den früheren Bewohnern der Villa beschäftigt. Andererseits erzählt er die Geschichte der eigentlichen Protagonisten, nämlich der durchtriebenen Azzurra und ihrem Bruder Manfredi, die eine inzestuöse Beziehung verbindet.
Der Wissenschaftler, der in dem Haus lebt, in dem sich der Großteil des Erzählten abgespielt hat, wandert von Raum zu Raum. Dadurch wirkt er Azzurra in manchen Szenen beinahe auch körperlich nahe - er sitzt im Wohnzimmer in einem Sessel, der sich in der gegenüberliegenden Position von Azzurra (in der Vergangenheit) befindet.
Das Spiel mit Raum und Zeit hat in "Liebe und Tod..." seinen besonderen Reiz.


"Liebe (über mhd. liep, „Gutes, Angenehmes, Wertes“ von idg. *leubh- gern, lieb haben, begehren) ist im Allgemeinen die Bezeichnung für die stärkste Zuneigung und Wertschätzung, die ein Mensch einem anderen entgegenzubringen in der Lage ist."

entnommen aus Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Liebe in der Fassung vom 19. Oktober 2014


Der Titel des Films führt uns genau genommen in die Irre, denn absolut gar nichts dreht sich in diesem Film um Liebe. Vielmehr karikiert er das Thema.
Niemand in "Liebe und Tod..." liebt einen anderen Menschen. Azzurras Mann redet von dem (unerfüllten) Wunsch, seine Frau vollends zu besitzen, Manfredi pendelt mit seinen Gefühlen für seine Schwester irgendwo zwischen Ekel, Wut und Begehren und Azzurra selbst scheint generell nicht in der Lage zu sein, tiefere Gefühle für einen Mann zu empfinden.
Vielmehr geht es um psychologischen Machtmissbrauch, Hörigkeit, sexuellen Missbrauch und Abhängigkeit.
Dass dies krank macht und jemanden bis zum Mord treiben kann, leuchtet natürlich ein. Schnell wird klar: die Geschichte muss dramatisch enden.
Auch die vom Titel mit den Worten "... im Garten der Götter" suggerierte Leichtigkeit verkehrt sich in der filmischen Handlung ins Gegenteil. Alles ist schwer, krank (machend) und die Hauptcharaktere zeichnen sich durch eine gewisse Strenge und Humorlosigkeit aus.

Wir beobachten den zunehmenden psychischen Verfall und den inneren Druck, der Manfredi langsam aber sicher zermürbt. Er kämpft mit sich selbst, will sich loslösen von seiner einengenden Schwester, die ihn mit allen Mitteln zum Bleiben bewegen möchte.
Die Lebensgeschichte von Azzurra und Manfredi erfahren wir in der Form von Rückblenden auf einzelne Szenen ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Das Besondere daran ist, dass Azzurra diese in den Sitzungen mit ihrem Psychoanalytiker selbst erzählt (dabei auch Dinge weglässt oder beschönigt) und ihre Schilderungen im letzten Drittel des Films durch Manfredis eigene subjektive Wahrnehmung ergänzt und verändert werden.
Manche Szene wird erst verstehbar und vollständig durch die Version von Manfredi, die unsere Perspektive plötzlich enorm erweitert.
Dies macht den Film besonders reizvoll. Er spielt mit unserer Wahrnehmung und mit unseren klischeehaften Vorstellungen von Täter und Opfer.
Paradox erscheint, dass gerade der Therapeut von Azzurra bis zum Ende nicht in der Lage ist, diese Mechanismen zu durchschauen. Aber böse gesagt halte ich ihn sowieso für einen "Kurpfuscher", der nämlich die ethischen Grenzen zwischen Therapeut und Patientin nicht einhält und außerdem befangen ist.
Vielleicht ist die Psychoanalyse auch nicht unbedingt das geeignete Instrument, seine etwas "spezielle" Patientin zu therapieren.
Wie war das nochmal mit Sigmund Freud, der die Existenz von sexuellem Missbrauch und dessen Folgen zuerst öffentlich thematisiert und nachdem er dafür verlacht wurde, sein restliches Leben vehement geleugnet hat?

Huch. Wo bin ich denn jetzt gelandet mit meinem Text? Ich will ja hier eigentlich keine Filme analysieren, das überlasse ich lieber Anderen. Es geht mir mehr darum zu veranschaulichen, was mich daran fasziniert und was vielleicht für euch, liebe Leserinnen und Leser, ebenfalls interessant sein könnte.

Also neben der Handlung, die (wie euch bestimmt aufgefallen ist) Vieles bietet, über das man sinnieren und vermutlich auch kontrovers diskutieren kann und der bereits erwähnten Atmosphäre, die durch die simple aber besonders dramatische Musik unterstrichen wird, bietet "Liebe und Tod im Garten der Götter": Ästhetische Landschaftsaufnahmen, ein wunderbar fotografiertes Spoleto und wirklich erstklassige SchauspielerInnen.
Ohne die ausgezeichnete Besetzung der ProtagonistInnen des Films wäre diese Art von Geschichte wohl zu sehr ins unfreiwillig Komische abgedriftet, was das ganze Drehbuch zunichte gemacht hätte.
Erika Blanc (u.a. bekannt aus "Die toten Augen des Dr. Dracula" oder "Die Grotte der vergessenen Leichen") als Azzurra und der aus Lindau am Bodensee stammende Peter Lee Lawrence ("Glut der Sonne" oder "Der lange Arm des Paten") ergänzen sich perfekt und erzeugen wahre Gänsehaut-Momente (vor allem im Finale!).
Der ebenfalls aus Deutschland stammende Franz von Treuberg ("Das Syndikat", "Blindman – Der Vollstrecker") mimt den Ornithologen, der unwillentlich durch den Tonband-Fund in das Geschwister-Drama hineingezogen wird. Er wirkt dabei authentisch und sympathisch. Man sieht ihm einfach gerne zu, wie er mit seiner Zigarette vor dem Tonband sitzt und gedanklich in die seelischen Abgründe von Azzurra eintaucht.

"Liebe und Tod im Garten der Götter" ist meine Empfehlung für all jene, die sich nicht ab der Hälfte meines Textes an den Kopf gegriffen haben und sich gefragt haben, worauf ich eigentlich hinaus will und die mit den eingangs genannten Gialli etwas anfangen können.


Foto: CineKult und FilmArt VÖ





Samstag, 18. Oktober 2014

UN POLIZIOTTO SCOMODO (1978)














CONVOY BUSTERS
Italien 1978
Regie: Stelvio Massi

DarstellerInnen: Maurizio Merli, Olga Karlatos, Massimo Serato, Nello Pazzafini, Luigi Casellato, Roberto Messina u.a.


Inhalt:
Francesco Olmi arbeitet bei der römischen Mordkommission. Er ist nicht nur ehrgeizig, sondern auch schießwütig und darum als Polizist wohl etwas umstritten. Böse Zungen würden vielleicht sogar behaupten, er sei eine tickende Zeitbombe. Als er versucht einen Schmugglerring aufzudecken, dessen Drahtzieher in höchsten gesellschaftlichen Kreisen verkehren, gerät er selbst in die Schusslinie der Gangster und wird von einem korrupten Richter gnadenlos ausgebremst.
Olmi lässt sich "ans Meer" versetzen und begegnet dort alten Bekannten. Hier wird illegaler Handel mit Diamanten und Waffen betrieben.
Kann er den Fall doch noch lösen und den Schmugglerring entlarven?


Olmi verbissen


Olmi romantisch


Zweifelsohne war unser "Kommissar Eisen" aka Maurizio Merli ("Verdammte, heilige Stadt") im Jahre 1978 auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Zumindest, was die Quantität seiner Werke betrifft. Immerhin erschienen in diesem Jahr ganze sechs Filme mit ihm in einer tragenden Rolle.
Und genau das ist es, was Merli in "Convoy Busters" macht – er trägt den Film über die gesamte Laufzeit.
Die Handlung wirkt etwas lose zusammengeschustert. Manche Episoden verlaufen ins Leere und manche Charaktere verschwinden kommentarlos ins Nirvana, aber das ist nicht weiter schlimm.
Denn Kommissar Olmi unterhält bestens – zumindest, wenn man (wie ich) auch gerne mal Filme ohne besonders tiefschürfende Thematik genießt.

"Wenn der nicht redet, schlägt der Kommissar immer fester zu."

"Naja, der verliert leicht die Beherrschung."

Dialog zwischen zwei Polizisten, die zusehen, wie Olmi einen Zeugen "bearbeitet".

Der in seiner Radikalität unübertroffene Olmi pflegt nicht nur seine Zeugen (und sogar Zeuginnen!) zu verprügeln, sondern auch keine Festnahmen zu machen.
Am Ende seines Einsatzes sind nämlich immer alle Verbrecher tot. Sie werden erschossen, vom Hubschrauber aus in Moorhuhnjagd-Manier abgeknallt oder samt Auto in die Luft gesprengt.
Im Eifer des Gefechts kann es auch schon mal vorkommen, dass ein Unschuldiger vor die Kugel des Kommissars läuft, was allerdings nicht geahndet wird. Wie Olmi das bewerkstelligt, bleibt wohl auf ewig sein Geheimnis.
Die Vorgehensweise des Kommissars missfällt nicht nur dem Schmugglerring (der ihn eines Nachts vor seiner Haustür sogar offen attackiert), sondern auch der Presse, die Olmi's "Hau drauf, bevor du fragst"-Methode gar nicht gut heißt.

"Hat der Kommissar von der Mordkommission schon seinen neuen Posten übernommen?"

"Der kann jeden Moment hier sein."

"Der Schlendrian ist zu Ende. Man sagt ja, er ist eine harte Nummer."

Dialog auf einer Polizeistation in Civitanova Marche

Als ihm dann alles zu blöd wird, räumt er seinen Schreibtisch und fährt in die Marken, wo er in einer kleinen Polizeistation in Civitanova Marche (übrigens der Heimatstadt des Regisseurs) seinen neuen Kollegen etwas Dampf macht und zeigt, wie seiner Meinung nach gearbeitet werden muss.
Hier geht man die Dinge allgemein etwas gemütlicher an und ab Mitternacht entspannt man sich bei der erotischen Serie namens "Goldene Träume", die auf dem lokalen Privatsender über den Bildschirm flimmert.
Ab diesem Zeitpunkt reduziert sich das Tempo des Films merklich und geht von eher actionlastigen und kompromisslosen Szenen über zu mehr gesetzeskonformer polizeilicher Ermittlungsarbeit.

Die vorangegangenen Ereignisse in Rom scheinen an Olmi nicht spurlos vorüber gegangen zu sein. Er wirkt beinahe geläutert, scheint seine eigene Gewalttätigkeit ablegen zu wollen und bemüht sich offensichtlich um konventionellere Methoden bei der Verbrechensbekämpfung.
In dem beschaulichen Küstenort lernt der nun etwas gelassenere Kommissar schließlich die sympathische Anna (Olga Karlatos) kennen, die auf seine Beschützer-Nummer abfährt und treu ergeben zu ihm aufblickt.
Die schöne Olga Karlatos ("Keoma", "Woodoo") hat natürlich eine etwas undankbare Rolle als Olmis Gespielin, in der sie definitiv unterfordert ist.
Aber um sie geht es ja nicht. Olmi muss immer und überall im Mittelpunkt stehen.

Der Film bot Maurizo Merli, der oft als ausnahmslos knallhart agierender Superbulle besetzt wurde, jedenfalls Gelegenheit, sich auch mal von einer sanfteren Seite zu zeigen.
Die Romanze mit Anna ist geschickt in die Handlung eingebaut und bietet eine Art Überleitung zu zwei Schlüsselszenen, eine davon im furiosen Finale des Films.
Erwähnenswert ist auch der coole Score von Stelvio Cipriani, der zwar ebenfalls in "Blutiger Schatten" verwendet wurde, aber auch in "Convoy Busters" nicht unpassend wirkt.

Der Film bietet sogar den ein oder anderen (nicht ganz ernst gemeinten) Lerneffekt:
1. Gewalt kann nicht mit Gewalt bekämpft werden - oder vielleicht doch?!?
2. Für die Beendigung einer Geiselnahme benötigt man kein Sondereinsatzkommando.
    Es reicht ein einziger Olmi!

"Convoy Busters" lohnt sich - für Fans von Maurizio Merli und alle, die das unkonventionelle, temporeiche und nicht immer ganz bierernste italienische Kino der Siebziger lieben.

Das Label FilmArt hat unlängst eine tolle Veröffentlichung von "Convoy Busters" auf den Markt gebracht und das nette Bonusmaterial von NoShame, das uns den Schauspieler und Menschen Maurizio Merli, der leider sehr jung (im Alter von 49 Jahren) verstarb, anhand von Interviews mit Familie, Freunden und Wegbegleitern aus dem Showgeschäft näher bringt, dazugepackt.
Mit der kultigen deutschen Synchro macht "Convoy Busters" erst so richtig Spaß!




Foto: DVD von NoShame und FilmArt



Donnerstag, 16. Oktober 2014

BUCHTIPP: Schneider, André: "Die Feuerblume. Über Marisa Mell und ihre Filme"














Nachdem ich Erika Pluhars Buch über die faszinierende Schauspielerin Marisa Mell gelesen habe, kam ich um die Lektüre von "Die Feuerblume" einfach nicht mehr herum.
Man merkt beim Lesen von "Feuerblume" sehr deutlich, wie viel Arbeit und Recherche in diesem Buch steckt und wie viel Herzblut in dieses Projekt geflossen ist.
André Schneider ist ohne Zweifel ein wahrer Fan. Sehr schön.

Besonders genossen habe ich das wundervolle Bildmaterial - eine beeindruckende Zusammenstellung!
Beim Betrachten mancher Bilder fühlt man sich MM fast irgendwie nahe, sie wirkt plötzlich seltsam vertraut.
Der respektvolle Umgang mit ihrer Person und die Annäherung an Marisa Mell über ihre Werke haben mich besonders beeindruckt. In einer Zeit, in der alles in punkto Stars gnadenlos veröffentlicht und ausgeschlachtet wird, stellt "Feuerblume" eine Art Gegenpol dar, weil der Autor bewusst auf kompromittierendes und bloßstellendes Material verzichtet.
Mein einziger Kritikpunkt: Die spanischen Texte im Anhang hätte man meiner Meinung nach übersetzen oder weglassen sollen.

Ein Buch für alle, die sich für den Werdegang von Marisa Mell interessieren und die perfekte Ergänzung zu Erika Pluhars "Marisa: Rückblenden auf eine Freundschaft".

Sonntag, 12. Oktober 2014

LA POLIZIA E' SCONFITTA (1977)














SONDERKOMMANDO INS JENSEITS
Italien 1977
Regie: Domenico Paolella
DarstellerInnen: Marcel Bozzuffi, Vittoria Mezzogiorno, Riccardo Salvino, Nello Pazzafini, Ivana Novak u.a.


Inhalt:
Üble Zeitgenossen treiben ihr Unwesen in Bologna. Allen voran der Ganove Valli, der mit seinen Männern Schutzgelderpressung betreibt und zahlungsunwillige Geschäftsmänner samt KundInnen in die Luft sprengt.
Kommissar Grifi sieht sich angesichts des organisierten Verbrechens nicht mehr in der Lage die Stadt zu beschützen und stellt mit dem Sanktus seines Vorgesetzten eine Spezialeinheit zusammen.
Der Krieg zwischen der Polizei auf der einen Seite und Valli und seinen Schergen auf der anderen Seite ist schnell entfacht und fordert zahlreiche Opfer.
Ist der skrupellose Valli zu stoppen?


Valli - stets freizügig


Training im Steinbruch: Das Sonderkommando


Die Handlung von "Sonderkommando ins Jenseits" (wenn man den Film kennt, fällt auf: der deutsche Titel ist eigentlich gar nicht so unpassend, aber verdammt zynisch) ist schnell erzählt.
Es geht um den Kampf der Polizei gegen das organisierte Verbrechen, insbesondere den psychopathischen Oberbösewicht Valli, gespielt von Vittorio Mezzogiorno (auch gut in: "Die letzte Rechnung schreibt der Tod").
Letzterer kann sich in Punkto Bösartigkeit sogar mit Psycho Nanni Vitale (Rolle Helmut Bergers in "Der Tollwütige") messen. Er hat einen nicht zu verleugnenden Hang zum Sadismus und wirkt wie der Lehrbuch-Soziopath schlechthin.
Vallis Erscheinungsbild ist unverkennbar, nicht nur wegen seines kantigen Gesichts, sondern auch wegen seinem speziellen Markenzeichen: er trägt kein T-Shirt.
Klingt lustig. Ist es auch. Die gesamte Filmlaufzeit über ist der sonnengebräunte Valli lediglich mit einer weißen Jacke, deren Reißverschluss bis wenige Zentimeter über dem Hosenbund offen ist, bekleidet. Und wenn er die Jacke gerade mal nicht am Leib trägt, stellt er seinen Oberkörper ungeniert zur Schau.


Nello schaut nach "seinen Mädchen"

Nello Pazzafini erweist sich wie immer als exzellente Besetzung für zwielichtige Gestalten. Diesmal spielt er einen unglückseligen Zuhälter, der zuerst Schwierigkeiten mit der Polizei bekommt und dann in die Fänge von Vallis Gang gerät. Sein Schicksal wird mir wohl in Erinnerung bleiben, wenn andere Szenen schon längst in Vergessenheit geraten sind.

"Wie gefällt dir der Film?"
"Lustig. Aber brutal." (Mauritia)


Dieser kurze Dialog fand so tatsächlich während meiner gestrigen Erstsichtung von "Sonderkommando ins Jenseits" statt.
Im Unterschied zum sehr ähnlichen "Kaliber 38", in dem Marcel Bozzuffi ("Das Syndikat des Grauens") ebenfalls den Kommissar und Gründer der Spezialeinheit und Riccardo Salvino ebenfalls ein Mitglied seiner kampflustigen Truppe spielt, ist "Sonderkommando ins Jenseits" wesentlich härter.
In drastischen Bildern, die erstaunlich realistisch aussehen (manche sind sogar real, man erinnere sich an die "Verbrechens-Diashow" des Kommissars) wird der Terror des Rackets und der Drogenmafia in Bologna auf die Leinwand projiziert.
Mit Blut wurde definitiv nicht gegeizt, weshalb in Deutschland die FSK den Film auf den Index gesetzt hat.

Neben vielen und heftigen Gewalttätigkeiten (u.a. ein heftiger Messer-Mord, der jedem Giallo Konkurrenz macht) liegt der Schwerpunkt auf den gezeigten Stunts. Wilde Verfolgungsjagden, manche davon aus Motorradfahrer-Perspektive gefilmt, explodierende Autos und Schusswechsel während der Fahrt halten die etwas dünne Story ordentlich auf Trab.
Die in Filmen wie "Die Banditen von Mailand" oder "Das Syndikat" immanente Sozial- bzw. Systemkritik bleibt außen vor, man kann sich entspannt zurücklehnen und dem wilden Spektakel, das auch wild tanzende halb nackte Frauen mit einschließt, beiwohnen.

"La polizia è sconfitta" (in etwa: "Die Polizei ist besiegt") - Der Name ist Programm!


Die Elitetruppe von Kommissar Grifi trainiert gefühlt wochenlang in einem verlassenen Steinbruch, lernt schießen wie Django, wird im Nahkampf und der Motorrad-Akrobatik trainiert.
Und dennoch stinken sie gegen Valli nacheinander ab. Nach dem 10 kleine Negerlein Prinzip wird die Sondereinheit der Polizei kontinuierlich dezimiert und Kommissar Grifi zunehmend jähzorniger.
Es hilft alles nichts – er muss selbst ran. Nicht zuletzt auch deswegen, weil Valli ihm die persönliche Feindschaft erklärt hat und ihn offen attackiert.

Der spektakuläre Showdown ist konsequent und passt zum Muster des vorangegangenen Treibens. Doch warum nur gehen mir diese Assoziationen zur Zombie-Apokalypse nicht aus dem Kopf?
Seht selbst!
Langeweile – Fehlanzeige. Doch Achtung: wer es gerne etwas tiefgründiger und weniger brutal mag, tut sich mit diesem Poliziottesco keinen Gefallen.




Foto: italienische DVD von Cecchi Gori und die Blu Ray von Raro Video



Montag, 6. Oktober 2014

SETTE ORCHIDEE MACCHIATE DI ROSSO (1972)














DAS RÄTSEL DES SILBERNEN HALBMONDS
Deutschland, Italien 1972
Regie: Umberto Lenzi

DarstellerInnen: Antonio Sabàto, Uschi Glas, Pier Paolo Capponi, Rosella Falk, Marina Malfatti, Bruno Corrazzari, Nello Pazzafini, Marisa Mell u.a.


Inhalt:
Ein psychopathischer Frauenmörder geht um in Rom. Als Souvenir hinterlässt er in der Hand seiner Opfer einen silbernen Halbmond, auf dem eigenartige Symbole eingraviert sind.
Die junge Giulia wird auf ihrer Hochzeitsreise in einem Nachtzug attackiert und entkommt dem Killer nur knapp. Freunden und den Medien gaukelt die Polizei ihren Tod vor, um sie zu schützen. Ihr Mann, der Designer Mario, will sich mit den in seinen Augen wenig kompetenten Ermittlungen der Polizei nicht zufrieden geben und versucht auf eigene Faust die Identität des Killers herauszufinden...


Der Kommissar (Capponi, links) und Designer Mario


Marisa Mell (leider nur eine kleine Rolle)


"Das Rätsel des silbernen Halbmonds" erfreut sich offenbar im deutschsprachigen Raum keiner allzu großen Beliebtheit.
Die Edgar Wallace Fans können mit der italienischen Machart nicht so viel anfangen und die eingefleischten Giallo Fans kritisieren die ihrer Meinung nach allzu brave Uschi Glas in der Hauptrolle und fragen sich, warum nicht anstatt der deutschen Mimin eine der allseits bekannten und beliebten Giallo-Darstellerinnen wie beispielsweise Edwige Fenech ("Der Killer von Wien") engagiert wurde.
Ich gehe davon aus, dass Uschi Glas wohl nicht Umberto Lenzis erste Wahl für die Rolle der Giulia gewesen ist.
Immerhin ist deutsches Geld in die Produktion geflossen und in diesem Zusammenhang taucht der Name Horst Wendlandt auf. Ebendieser Herr Wendlandt war zufälligerweise auch derjenige, der Frau Glas die allererste Rolle in einem Film (nämlich "Der unheimliche Mönch") verschaffte.
Deshalb halte ich die Besetzung für naheliegend, Genaues weiß man aber (offiziell) natürlich nicht.

"Das Rätsel des silbernen Halbmonds" ist ein handlungstechnisch relativ geradliniger Film, der auf großzügig verstreute rote Heringe oder giallotypische Drehbuchkniffe weitestgehend verzichtet.
Antonio Sabàto spielt die Hauptrolle, den Designer Mario, Giulias Ehemann. Ein wahrlich unsympathischer Kerl, dem man sein Lächeln (wenn er es denn mal zeigt) nicht so ganz abnimmt und der in erster Linie herrisch-jähzornig und rechthaberisch auftritt.
Die arme Uschi – äh Giulia hat nicht allzu viel zu sagen und auch nicht besonders viel bei der Suche nach dem schwarzbehandschuhten Mörder beizutragen.
Nicht mal ihr Hochzeitskleid darf sie selbst aussuchen, geschweige denn sich ans Steuer des Autos setzen oder selbst Theorien aufstellen. Ihre Rolle ist eher die des braven Frauchens, das ihrem Gatten ab und zu zur Seite stehen darf.

LiebhaberInnen des italienischen Kinos dürfen sich über Auftritte von Pier Paolo Capponi ("Jonny Madoc") als Kommissar, den wie immer zwielichtig wirkenden Bruno Corazzari (besonders schurkisch in "Der Mann ohne Gedächtnis"), den berühmten Nebendarsteller Nello Pazzafini (auch cool im Netzhemd in "La Pistola – The Gun") in einer herrlich schmierigen Rolle und die extravagante Marisa Mell ("Gefahr: Diabolik") in einer kleinen Rolle freuen.

Bei der Polizei läuft alles schief


Die italienische Polizei wird wie in anderen Genrefilmen dieser Zeit wieder einmal der Lächerlichkeit preis gegeben und disqualifiziert sich an allen Ecken und Enden selbst.
Die engagierten Beamten nehmen einen Unschuldigen fest, dem sie nach stundenlangem brutalen Verhör ein Geständnis entlocken, worüber sie so froh sind, dass sie weitere Hinweise auf den wahren Killer prompt ignorieren. Kennt man.
Beschattungs-Aktionen werden gnadenlos in den Sand gesetzt und Personenschutz scheint auch nicht die Stärke der römischen Polizia zu sein. Kennt man auch.
Irgendwie muss ja der auf eigene Faust ermittelnde Designer drehbuchmäßig gerechtfertigt werden.
"Wenn die Polizeibeamten solche Versager sind, muss man die Angelegenheit eben selbst in die Hand nehmen." argumentiert der in seinem Designer Job scheinbar unterforderte Mario. Sogar seine Frau Giulia zeigt sich leicht irritiert, in welchem Ton Mario von der Polizei spricht und ringt sich sogar in einer Szene zu so etwas wie einer kleinen Ermahnung durch: "Aber Mario, es ist immerhin die Polizei!"

Ohne besondere Ansprüche an Dialoge oder Story dümpelt "Das Rätsel des silbernen Halbmonds" gemütlich vor sich hin, umschifft dabei aber leicht und wendig die Sphären der gepflegten Langeweile.
Die Aufnahmen von Rom, der malerischen umbrischen Stadt Spoleto und die nicht allzu anspruchsvolle aber simple und einprägsame Düdeldüdelmusik von Riz Ortolani sowie die Freude über so manche bekannte Gesichter aus dem Italokino und die herzig-naive Story reichen für mein persönliches Filmvergnügen vollkommen aus.

"Das Rätsel des silbernen Halbmonds" fällt für mich in die Kategorie "angenehmer, sogar etwas überdurchschnittlicher Giallo". Sollte man definitiv einmal gesehen haben. Aber ohne falsche Erwartungen.

(Anmerkung: Habe den Film in der internationalen und nicht in der gekürzten Edgar-Wallace-Fassung gesehen. In Erstgenannter wird in Punkto Gewalt und Nacktheit etwas mehr ins Detail gegangen.)




Foto: DVD von Shriek Show und Universum




Aushangfoto: Der Kommissar findet das erste Mordopfer



Samstag, 4. Oktober 2014

MILANO ODIA: LA POLIZIA NON PUÒ SPARARE (1974)














DER BERSERKER
Italien 1974
Regie: Umberto Lenzi
DarstellerInnen: Tomas Milian, Henry Silva, Laura Belli, Luciano Catenacci, Nello Pazzafini, Gino Santercole, Anita Strindberg, Ray Lovelock, Guido Alberti u.a.


Inhalt
Der Kleinkriminelle Giulio Sacchi hat einen Hang zu dramatischen Auftritten und gewalttätigen Exzessen. Leider hat er es in seinem bisherigen Leben weder als ehrlich arbeitender Bürger noch als Gangster zu etwas gebracht.
Von seinen Ganoven-Kollegen wird er immer wieder verspottet oder verprügelt. Manchmal auch beides. Seine Freundin Jone, die aus einer gut bürgerlichen Mittelschicht-Familie stammt und brav einer geregelten Arbeit nachgeht, schämt sich, wenn er sie vom Büro abholt.
Doch nun sieht Sacchi sein Leben an einem persönlichen Wendepunkt.
Schon bald soll alles anders werden. Dazu plant er mit seinen guten Bekannten Vittorio und Carmine die Entführung von Marilù Porrino, Tochter eines reichen Geschäftsmanns (und ausgerechnet der Chef von Jone...).
Dieser Coup soll allen den lang ersehnten Reichtum bringen. Es sieht zunächst auch danach aus, dass Ihnen das tatsächlich gelingen könnte.
Der ermittelnde Kommissar Grandi tappt über die Identität der Täterschaft lange Zeit komplett im Dunkeln.
Wäre Giulio Sacchi nur nicht so ein leicht reizbarer schnell die Beherrschung verlierender Zeitgenosse...


Giulio Sacchi muss einstecken


Kommissar Grandi ärgert sich über Sacchi


Eigentlich hatte man Tomas Milian ja die Rolle des Kommissars angeboten. Als er jedoch das Drehbuch gelesen hatte, war ihm schnell klar, dass er sich viel mehr für die Rolle des sadistischen und sich als überall benachteiligt sehenden Giulio Sacchi berufen fühlte.
Anfangs gar nicht begeistert von der Idee willigte Regisseur Umberto Lenzi schließlich ein (allerdings unter der Voraussetzung, dass sich Milian mit der für die andere Rolle vereinbarten Gage zufrieden geben musste).
Eine gute Entscheidung!
Milian spielt Giulio Sacchi nicht, er ist Giulio Sacchi.
Neben dem Drehbuch von Ernesto Gastaldi hat man es vor allem Milians ohne Übertreibung grandioser schauspielerischer Leistung zu verdanken, dass "Der Berserker" ist, was er ist: eine zynische Charakterstudie über einen Gangster mit fiesen und intensiven Szenen, die unter die Haut gehen.
Definitiv kein Film für Zartbesaitete. "Der Berserker" zeigt Gewalt, so wie sie ist und beschönigt nichts.
Es geht hierbei nicht nur um einige explizite Gewaltszenen sondern auch um die psychische Brutalität und Kompromisslosigkeit, die Sacchi an den Tag legt.

Um seine Ziele zu erreichen, schreckt er vor nichts zurück. Niemand kann ihn aufhalten und wer dennoch versuchen könnte, sich ihm in den Weg zu stellen, wird mal eben präventiv kalt gemacht.
Seine Begleiter Vittorio (Gino Santercole) und Carmine (der niedliche Ray Lovelock) haben eigentlich keine Wahl als bei der Entführung Marilùs mitzumachen: Er unterbreitet den beiden anfänglich noch etwas skeptischen Zeitgenossen seinen Entführungs-Plan und erklärt ihnen kurzerhand, dass es für sie jetzt, wo sie davon wissen, kein Zurück mehr gibt.

Lenzi zeigt mithilfe des fiktiven Charakters Giulio Sacchi in einer selten gesehenen Radikalität menschliche Abgründe auf, die sich in der damaligen und heutigen Gesellschaft immer wieder auftun.
Denn die Haut der Zivilisation ist tatsächlich dünner als so Mancher es wahrhaben will.
Auf der anderen Seite steht Kommissar Grandi (Henry Silva) dem Verbrechen fassungslos und zum Teil hilflos gegenüber und muss immer wieder erleben, wie wenig er tatsächlich ausrichten kann und wie oft ihm die Hände gebunden sind.
Er muss sich von seinem Vorgesetzten und Anwälten erklären lassen, dass es sich bei den von ihm präsentierten Informationen zur Entführung von Marilù allenfalls um Verdachtsmomente oder Indizien handelt, er aber keine handfesten Beweise hat.
Ein undankbarer Job.
Herausragend ist vor allem die Szene, in der sich der Kommissar und Sacchi zum ersten Mal gegenüber sitzen.
Das ist großes Kino. Aber seht selbst...

Lieblingszitat (Sacchi zu seinem etwas zögerlichen Verbündeten Carmine):
"Giulio Sacchi hat eine Regel entwickelt. Wer etwas weiß, ist dabei. Und wer etwas weiß und nicht dabei ist... der krepiert!"

Lenzi ist mit "Der Berserker" ein radikales und kompromissloses Meisterwerk gelungen mit Szenen, die für die damalige Zeit mehr als gewagt waren und im heutigen Kino unmöglich wären.
Wer noch kein Milian-Fan ist und ihn nach Genuss des Films immer noch nicht für einen Ausnahme-Schauspieler hält, dem kann nicht geholfen werden.
Filmfans, die mit italienischem Kino der Siebziger etwas anfangen können und es in cineastischer Hinsicht auch mal gerne "hart und dreckig" mögen, müssen bei "Der Berserker" zugreifen.
Aber Achtung: Ein bereits einmaliger Konsum könnte weitere Filmkäufe oder gar eine ausführliche Entdeckungsreise ins Poliziottesco-Genre nach sich ziehen...




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Foto: Blu Ray von FilmArt




Foto: Soundtrack (coole Vinyl-Premiere, gerade noch eine von 500 Stück ergattert)