Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Samstag, 28. Juni 2014

UNA LUCERTOLA CON LA PELLE DI DONNA (1971)














A LIZARD IN A WOMAN'S SKIN
Frankreich, Italien, Spanien 1971
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Florinda Bolkan, Stanley Baker, Jean Sorel, Silvia Monti, Alberto de Mendoza u.a.


Inhalt
Die etwas biedere und frustrierte Carol Hammond, Tochter eines angesehenen Politikers, leidet unter immer wiederkehrenden erotischen Träumen, in denen sie ein Verhältnis mit ihrer freizügigen Nachbarin Julia Durer hat. Da sie das zügellose und unkonventionelle Leben der Orgien feiernden Durer als verheiratete Frau und brave Tochter aus gut bürgerlichem Hause (wie es sich gehört) verachtet, versucht sie mithilfe ihres Psychoanalytikers Dr. Kerr den Grund für die nächtlichen Fantasie-Eskapaden ihres Unbewussten herauszufinden und diese auch wenn möglich zu beseitigen.
Doch als sie sich schließlich nach einem Traum, in dem sie ihre verhasste Nachbarin tötet, von ihrer Obsession befreit wähnt, scheint der Albtraum im wahren Leben erst zu beginnen.
Julia Durer wurde nämlich tatsächlich ermordet. Und erdrückend viele Indizien weisen darauf hin, dass Carol selbst die Mörderin sein könnte.
Hat sie Julia Durer tatsächlich umgebracht und kann sich nur nicht mehr klar daran erinnern? Ist es eine Verschwörung? Geht es um Erpressung? Welche Rolle spielen die Hippies, die im Traum und in der Realität immer wieder auftauchen?
Inspektor Corvin und Carols Vater begeben sich auf Spurensuche. Offensichtlich ist der Fall nicht so eindeutig, wie er auf den ersten Blick erscheinen mag...


Traum oder Realität?


Jean Sorel, künstlich gealtert


Der berühmt-berüchtigte Regisseur Lucio Fulci, in vielen Kreisen vor allem beziehungsweise ausschließlich durch seine blutrünstigen Horrorfilme ("Ein Zombie hing am Glockenseil", "Woodoo - Die Schreckensinsel der Zombies" oder "Über dem Jenseits") bekannt, zeigt sich für mehrere besonders gehaltvolle und qualitativ von der Masse hervorstechende Gialli verantwortlich, u.a. "Non si sevizia un paperino" und "Una lucertola con la pelle di donna".
Beide sind kurz hintereinander entstanden und in beiden spielt die brasilianische Schauspielerin Florinda Bolkan eine wichtige Rolle.

Wie kaum ein anderer Vertreter des Giallo Genres verliert "Una lucertola con la pelle di donna" auch beim mehrmaligen Genuss nicht an Wirkung. Die Gründe dafür sind wohl vor allem in der Ästhetik (mit Liebe zum Detail), der Besetzung (Florina Bolkan und Jean Sorel) und der Story an sich zu finden.

Gleich zu Beginn startet der Film mit einer Traumsequenz, die ästhetisch perfekt ist. Bereits in den ersten Szenen fällt auf, dass die Farbe Rot und Farben im Allgemeinen als Stilmittel eine große Rolle spielen.
Während die Sequenzen in der Wohnung der Hammonds bis auf einige bewusst gesetzte Rot-Akzente sehr blass, farblos und öde wirken, erscheinen die Drogen und Sex-Orgien in der Wohnung Durers wie ein Feuerwerk an Farben.

Die psychologische Ebene wird durch die vorherrschenden Farben ins Bildhafte übersetzt. Auf der einen Seite das Wilde, Triebhafte und die sexuell aufgeladene Stimmung. Auf der anderen Seite Julias Wohnung - gedämpft, belanglos und voller unterdrückter (homoerotischer) Impulse, dargestellt durch die roten Gegenstände.
Siegmund Freud hätte seinen Spaß mit dem Film gehabt, nicht nur wegen dem unverkennbaren intrapsychischen Widerstreit zwischen Libido und Thanatos, sondern auch wegen den sich bietenden Gelegenheiten zur Traumdeutung.

Die abwechslungsreichen Kameraeinstellungen sind ebenfalls sehr lobend zu erwähnen. Erfreulich erfrischend sind nicht nur die stimmigen Wechsel zwischen den Perspektiven, sondern auch ganz außergewöhnliche Blickwinkel (im wahrsten Sinne des Wortes): während Carol mit dem Inspektor redet, zoomt die Kamera so weit an ihr Auge, bis man den sich in ihrer Pupille spiegelnden Polizisten sehen kann. Grandios.
Fulcis altbekanntes Augen-Faible kommt eben nicht nur in Holzsplitter-Szenen oder seinen Horrorfilmen durch.

Die Effekte sind wahrlich von hoher Güteklasse. Hier war eben der große Meister Carlo Rambaldi (auch Maskenbildner in: "Femina Ridens" und "Profondo Rosso") am Werk. Neben einigen imponierenden und verstörenden Szenen (Stichwort: Hunde!), in der Rambaldi sein handwerkliches Können unter Beweis stellt, imponiert vor allem auch die sehr realistisch wirkende Szene, in der Carol von Fledermäusen angegriffen wird.
Was wäre wohl aus "Das Haus an der Friedhofmauer" geworden, wenn Fulci anstatt des unförmig adipös wirkenden kleinen Blutsaugers aus dem Keller eine "Rambaldi-Fledermaus" zur Verfügung gehabt hätte?
Aber zurück zum Thema. Auch oder gerade beim wiederholten Ansehen fallen bei "Una lucertola con la pelle di donna" immer wieder neue Bild- und Farbkompositionen auf. Ein Zeichen für die optische Qualität des Films.

Florinda Bolkan (u.a. "Non si sevizia un paperino", "Spuren auf dem Mond", "Flavia, Leidensweg einer Nonne") ist von unverwechselbarer exotischer Schönheit, kein beliebig aussehendes "Püppchen", sondern eine Schauspielerin mit viel Charisma. Eine Diva, die vor allem die Rolle der etwas verstörten am Leben verzweifelten und/oder verwirrten Frau sehr gut beherrscht.
Die Rolle der exzessliebenden Julia Durer passt gut zu Anita Strindberg ("The Child - Die Stadt wird zum Alptraum") und ihren aufgemotzten Brüsten (korrekterweise als "Implantate" zu bezeichnen), die in diesem Film fast eine eigene kleine Rolle zu spielen scheinen.
Die Hippies sehen einfach nur faszinierend aus.


Geheimnisvoller Hippie


Der stets routiniert wirkende Alberto de Mendoza ("Der Killer von Wien") ist eine gut gewählte Besetzung für die Rolle des Inspektor Corvin.
Einzig Jean Sorel ("Malastrana", "Der unerbittliche Vollstrecker") wirkt trotz des offensichtlichen Bemühens, ihn etwas älter und verstaubt wirken zu lassen, für seine Rolle etwas zu jung (...oder seine Tochter zu alt?). Fällt zwar auf, ist aber schlussendlich nicht so wichtig. Wer bei einem solchen Film nach Realismus schreit und/oder sich auf die Suche nach Fehlern in der Geschichte etc. begibt, sollte ohnehin besser die Finger von Genrefilmen der 60er und 70er lassen. "Schmunzeln und genießen" ist hier nämlich die Devise.

Zum Drehbuch: Danke, Lucio. Kein 0815-Giallo-Skript mit ermüdenden 20 Wendungen (Der Mörder ist der Politiker. Nein, doch der Pfarrer. Nein, doch die Haushälterin des Pfarrers. Nein, doch das uneheliche Kind des Exmanns der Haushälterin. Nein, doch der bucklige Schulwart...), sondern eine recht stringente Storyline.
Der ein oder andere "rote Hering" wird im Laufe der Erzählung natürlich ausgelegt. Aber aufgrund der spärlich gestreuten Informationen kann man sich wirklich bis zum Ende nie ganz sicher sein, wer hinter dem Verbrechen steckt und wer welche Rolle spielt.

Lieblingsdialog (Inspektor Corvin zu seinem Kollegen):
"Ransak the city, Brandon. Check out every man with red hair. Don't let anyone slip through. Not even it is the Prince of Wales, right?"
-"Ok, Sam. Good thing we're not in Ireland!"

"Una lucertola..." ist ohne Zweifel ein Glanzstück des Giallo-Genres mit Florinda Bolkan in Top-Form, einem intelligenten Drehbuch, stylischen Hippies, einem der besten Soundtracks von Ennio Morricone, einer Prise Blut und Gedärm und Spannung bis zur letzten Minute.

Für Giallo-Fans und solche, die es werden wollen, Pflicht-Programm. Bisher nicht auf Deutsch erschienen. Denen, die nicht darauf warten wollen und die der italienischen oder englischen Sprache mächtig sind, sei die DVD von "Studio Canal Optimum" wärmstens empfohlen.




Foto: DVDs von Shriekshow und Studio Canal Optimum




Foto: Blu Ray VÖ von Le Chat qui fume





Foto: Soundtrack








Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)



Sonntag, 22. Juni 2014

LO STRANO VIZIO DELLA SIGNORA WARDH (1971)














DER KILLER VON WIEN
Italien, Spanien 1971
Regie: Sergio Martino
DarstellerInnen: Edwige Fenech, George Hilton, Conchita Airoldi, Ivan Rassimov, Alberto de Mendoza u.a.


Inhalt
Die schöne junge Julie Wardh und ihr Mann kommen nach Wien. Da Signor Wardh viele Termine hat und deshalb öfters außer Haus ist, vergnügt sich Julie in der Zwischenzeit mit ihren Freundinnen, besucht Parties und geht shoppen.
Der Frauenmörder, der gerade in der österreichischen Hauptstadt umgeht, macht ihr etwas Angst. Und auch ihr ehemaliger Geliebter Jean scheint Frau Wardh zu verfolgen.
Als Julies Freundin kaltblütig ermordet wird, scheinen sich ihre schlimmsten Befürchtungen in Bezug auf Jean zu bewahrheiten.
Doch auch ihr neuer Liebhaber George hat etwas zu verbergen. Julie gerät in ernsthafte Gefahr und muss nicht nur um ihr Leben, sondern auch um ihre geistige Gesundheit fürchten...


Schon wieder Rosen...


Julie lernt den Dandy George kennen


Der Regisseur Sergio Martino wird im Kreise der Eurocult-Fangemeinde ganz besonders für seine Gialli "Der Schwanz des Skorpions", "Der Killer von Wien", "Die Farben der Nacht", "Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave" und "Torso" geschätzt.
Der promovierte Geologe und Bruder des einflussreichen Filmproduzenten Luciano Martino ("Dania Film") entwickelte wohl schon in den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine Vorliebe zum klassischen Giallo.
Das Brüderpaar produzierte nämlich 1968 "Der schöne Körper der Deborah" und ein Jahr später Umberto Lenzis "Così dolce... così perversa". Beide Filme entstanden zeitlich vor Dario Argentos "Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe" (1970) und gaben bereits die später so populären und zahlreich verwendeten Giallo-Stereotypen, die gemeinhin Argento zugeordnet werden (Killer mit schwarzen Handschuhen etc.) vor.

"Der Killer von Wien" ist ein klassischer Giallo mit einem schwarz behandschuhten Rasiermesser-Killer, einer morbiden, geheimnisvollen und erotischen Atmosphäre sowie einigen originellen Plot-Twists.
Zugleich ist er auch einer der optisch ansprechendsten italienischen Thriller, was unter anderem mit der Rolle der atemberaubend schönen und distinguierten Signora Wardh (gespielt von einer der italienischen Leinwand-Göttinnen der Siebziger Jahre: Edwige Fenech) zu tun hat.
Die in Französisch-Algerien geborene Schauspielerin, auch bekannt für besonders freizügige Rollen, avancierte mit "Der Killer von Wien" zu einer beliebten und von Vielen begehrten italienischen Film-Diva.

Die zur Zeit der Dreharbeiten 23 Jahre alte Edwige Fenech verkörpert die charakterlich ambivalente Julie Wardh. Auf der einen Seite hat sie ihren um einige Jahre älteren Mann geheiratet, um ein konventionelles und finanziell gut abgesichertes Leben zu haben.
Auf der anderen Seite verfolgen sie ihre sündigen Laster ("lo strano vizio" - "die eigenartigen Laster") wie hartnäckige Gespenster der Vergangenheit.
Und das nicht nur in Form von Flashbacks. Sie finden nämlich ihre Personifizierung in der Figur des Jean (Ivan Rassimov), mit dem sie in früheren Zeiten die abgründigen Wege der sadomasochistischen Sexualpraktiken bewandert hatte.

Jean taucht immer wieder unvermittelt in ihrer Nähe auf und schickt ihr rote Rosen (- ist es wirklich er?) mit kurzen, teils poetisch anmutenden ominösen Botschaften wie "Das Schlimmste an dir ist das Beste, was du hast. Und es wird immer mir gehören." oder "Il tuo vizio è una stanza chiusa e solo io ne ho la chiave." ("Dein Laster ist ein verschlossener Raum und nur ich habe den Schlüssel dazu.") Der Text dieser Nachricht ist zugleich der Titel eines anderen Giallos von Sergio Martino.


Subtil bedrohlich - Jean


Ivan Rassimov beeindruckt nachhaltig durch seine unvergleichlich diabolische Leinwand-Präsenz. Sein Markenzeichen waren nicht nur seine unverkennbar rauen und kantigen Gesichtszüge, sondern auch sein stechender Blick und seine schlanke Silhouette
Er war der Parade-Bösewicht schlechthin. In "Der Killer von Wien" wirkt er nicht nur besessen und bedrohlich. Es gelingt ihm zugleich, jeder Begegnung mit Julie (ob in der Vergangenheit oder der Gegenwart) eine subtil erotische Komponente hinzuzufügen.
Ein faszinierender Charakter.

Der aus Uruguay stammende und bis in die frühen Siebzigerjahre vor allem aus Italowestern ("Django - Sein Gesangbuch war der Colt" oder "Das Gold von Sam Cooper") bekannte George Hilton heimst als Julies Party-Bekanntschaft und Neo-Liebhaber George eher wenig Sympathiepunkte ein. Der neureiche George hat einen Hang zur Dekadenz, zur Selbstverliebtheit und frönt dem Hedonismus.
Er fungiert gewissermaßen als das charakterliche Pendant zu Julies bodenständigem Ehemann und vielleicht gerade aus diesem Grund genau die Art von Ablenkung, die der einsamen Frau gut zu tun scheint.
Doch auch er kann Julie nicht helfen. Egal, ob sie in einem Parkhaus vom Rasiermesser-Killer attackiert wird oder im Spanien-Urlaub beinahe von einem Pfeil getroffen wird - George glänzt in Situationen der Not durch Abwesenheit.

Unsere Bundeshauptstadt mit ihrem berühmten morbiden Charme bietet sich natürlich als Schauplatz für einen düsteren Thriller an. Es ist etwas verwunderlich, dass nicht mehr Filme dieser Art in Wien gedreht wurden.
Die für "Der Killer von Wien" verwendeten Schauplätze, insbesondere das Palmenhaus und der Schlossgarten von Schönbrunn erscheinen als wahrlich prädestiniert für Mordschauplätze.

Die Handlung ist etwas verschachtelt, die Quintessenz des Dramas um die lasterhafte Signora Wardh besteht allerdings im zunehmenden Verfall der psychischen Stabilität der gepeinigten Frau.
Das Reizvolle an der Geschichte ist, dass sämtliche männlichen Hauptcharaktere (der Rasiermesserkiller, der Ehemann, der ehemalige Bettgefährte Jean und der aktuelle Liebhaber George) so angelegt sind, dass sie die Paranoia von Julie (und der ZuschauerInnen) zusätzlich schüren.
Sie entwickelt sich zusehends von einer selbstbewussten Frau zu einem gejagten und gehetzten Opfer, dem es nicht dauerhaft gelingen will, der allgegenwärtigen Bedrohung, die keine klare Form zu haben scheint, zu entfliehen.

Einzelne Sequenzen aus ihrer (offenbar bewegten) Vergangenheit, die sich stetig in Julies Bewusstsein drängen, erscheinen als traumartig-verzerrte Rückblenden und sind visuell perfektionistische Bildkompositionen. Häufig geht es darin um Begierde und mit Gewalt verknüpfte Sexualität.
Besonders die Regen-Szene zwischen Fenech und Rassimov und die Szene mit den Glasscherben sind dazu geschaffen, sich tief im visuellen Erinnerungsvermögen zu verankern.
Die psychologische Dimension des Films und die Ästhetik der Bilder werden unterstrichen und verstärkt durch den mal psychedelischen, mal intensiv melancholischen Soundtrack aus der Feder von Nora Orlandi.

Das Label "FilmArt" hat den "Killer von Wien" unlängst in seiner lobenswerten Giallo-Kollektion neu veröffentlicht (die DVD von "Koch Media" ist schon seit einiger Zeit "out of print" und erzielte Sammlerpreise).
Für alle Giallo-affinen FilmliebhaberInnen ist der Kauf natürlich ein Muss.
Doch auch für "Genre-Neulinge" dürfte sich ein Blick auf diesen wunderbaren Film lohnen.




Foto: VÖ von No Shame, Koch Media und FilmArt




Foto: Soundtrack






Trailer (aus dem Archiv von Italo-Cinema)



Donnerstag, 19. Juni 2014

IL POLIZIOTTO È MARCIO (1974)














SHOOT FIRST, DIE LATER
Italien, Mexiko 1974
Regie: Fernando Di Leo
DarstellerInnen: Luc Merenda, Richard Conte, Delia Boccardo, Raymond Pellegrin, Vittorio Caprioli, Monica Monet, Marisa Traversi u.a.


Inhalt
Comissario Domenico Malacarne, der ehrgeizige Vorzeige-Polizist der Mailänder Exekutive, führt ein Doppelleben. Denn er steht nicht nur im Dienst der Gesetzeshüter, sondern nimmt auch Aufträge von hochrangigen Mafia-Mitgliedern an.
Dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann, erklärt sich von selbst.
(Muss natürlich auch so sein, sonst könnte man keinen interessanten Film aus der Geschichte machen.)
Und so kommt der Tag, an dem Domenico für seine unlauteren Machenschaften büßt und um alles fürchten muss, was ihm lieb ist...


Die Fassade bröckelt...


Vittorio Caprioli blödelt mit dem Kommissar


Eines gleich vorweg: "Il poliziotto è marcio" reiht sich nahtlos in die besten Vertreter des Poliziottesco Genres ein. Umso verwunderlicher ist, dass der Film nicht entsprechend vermarktet wurde und so nie die Aufmerksamkeit bekam, die er eigentlich verdient.
Deshalb möchte ich ihm mit diesem kleinen Review wenigstens den wohlverdienten Tribut zollen.

Regisseur Fernando Di Leo, bekannt für seine besonders realistische Mafia-Trilogie, auch "Milieu-Studie" genannt (vgl. "Milano Kaliber 9", "Der Mafiaboss" und "Der Teufel führt Regie"), wurde von seinen Zeitgenossen häufig als linksintellektueller Filmemacher charakterisiert.
So sah er sich auch selbst gerne.
Im Unterschied zu anderen Poliziotteschi waren seine Filme näher an der Realität angesiedelt.
So nahe, dass er nicht nur juristische Probleme mit namhaften Politikern, denen eine gewisse Nähe zur Mafia nachgesagt wurde, sondern auch mit hochrangigen Polizeibeamten bekommen sollte.
Letzteres hatte er laut eigener Aussage "Il poliziotto è marcio" zu verdanken.
Die Locandine (italienische Filmplakate bzw. Reklamezettel), auf denen der Originaltitel "Il poliziotto è marcio" (etwa: der Polizist ist korrupt) stand, lösten zudem auch einigen Unmut unter der Zivilbevölkerung aus.

Im Gegensatz zu den unschlagbaren Superbullen, wie sie in der Regel von Maurizio Merli (vgl. "Roma violenta") verkörpert wurden, dessen rechte Faust jedem Verbrecher sogleich ein Geständnis entlockt (und wenn nicht, hat das Draufhauen wenigstens Spaß gemacht) oder unbeugsamen und ernsthaften Kommissaren wie der Charakter des Mario Bertone (in "Das Syndikat") erfindet Di Leo keine stereotypen eindimensionalen Gesetzeshüter.
Eindrücklich zeigt er in "Il poliziotto è marcio" auf wenig kompromissvolle Art und Weise einen nicht sehr heldenhaften Vertreter der Berufsgruppe.

Dafür wählte er einen bis dato eher unbekannten Schauspieler, nämlich Luc Merenda (u.a. als Darsteller in "Torso", "Auge um Auge") mit seinem kantigen Charaktergesicht und seiner sportlich-muskulösen Figur.
Er wollte bewusst keinen ganz großen Namen als Zugpferd für seinen Film, weshalb er auf "Schnarchnase Franco Nero" (Zitat Di Leo) oder andere zur Blütezeit des italienischen Genre-Kinos erfolgreiche Mimen verzichtete.

Es gibt nur wenige Filme, die eine solche Magie besitzen, das Publikum bei Laune zu halten, obwohl der Hauptcharakter sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert, sondern in erster Linie mit Adjektiven wie "gefühlsarm", "skrupellos" und "egoistisch" beschrieben werden kann.

Was auch immer es ist - die besonders tollen und spannenden Verfolgungsjagden oder die interessanten Wendungen in der Geschichte - oder vielleicht die Faszination, die trotz allem von der Figur des unberechenbaren Domenico ausgeht - es funktioniert fabelhaft. Zumindest bei mir.

Die Emotionen, die bei Domenicos stoischer Mimik nur erahnt werden können, werden auf jeden Fall auf der gegenüberliegenden Seite der Leinwand geweckt.
Während Domenico immer ein bisschen wie ferngesteuert wirkt, zeigt zumindest sein Vater (berückend: Salvo Randone) Emotionen.
Das Verhältnis zwischen den beiden ist zwar nicht besonders herzlich, aber der etwas ältere und kurz vor der Pensionierung stehende Polizist ist sichtbar stolz auf seinen erfolgreichen Sohn, der es in der Hierarchie der Mailänder Exekutive weiter nach oben geschafft hat als er selbst.
Umso größer ist die Verletzung seiner väterlichen Gefühle und seiner Polizisten-Ehre, als er realisiert, dass er von seinem Filius getäuscht wurde.

Nicht nur die Handlungsmuster der Vater-Sohn-Beziehung, sondern auch die komödiantischen Elemente in "Il poliziotto e´marcio" (Vittorio Caprioli als querulantischer und exzentrischer Neapolitaner) sind beseelt von einer unverkennbar italienischen Mentalität, die jedes italophile Herz einige Takte höher schlagen lässt.

Die Filmmusik von Luis Enríquez Bacalov wirkt - wenngleich ein Musikstück aus dem grandiosen Soundtrack aus "Milano Kaliber 9" verwendet wurde - im Unterschied zu dem anderer großer Poliziotteschi nicht so eingängig und zeitlos, fällt aber auch nicht negativ auf. Sonst gibt es bei "Il poliziotto è marcio" nicht wirklich etwas zu meckern.

Fernando Di Leo macht wie immer keine Gefangenen. Ein harter Film. Nicht nur wegen dem beinharten Ende und weil er die harte Realität der 70er in Italien zeigt, sondern auch, weil er das Di Leo-typisch auf eine schmerzvoll-ungeschönte Art und Weise tut.

Die Blu Ray von "Raro Video" verfügt zwar leider nur über englische Dub-Titles, ist aber jeden Cent wert.
Empfehlenswert ist natürlich auch der Kauf der Fernando Di Leo Crime Box, in der sich zusätzlich die sehr guten Di Leo Werke "Note 7 - Die Jungen der Gewalt" und "Auge um Auge" befinden.


Foto: Raro Video Blu Ray



Sonntag, 15. Juni 2014

I RAGAZZI DEL MASSACRO (1969)














NOTE 7 - DIE JUNGEN DER GEWALT
Italien 1969
Regie: Fernando Di Leo
DarstellerInnen: Pier Paolo Capponi, Nieves Navarro, Marzio Margine, Renato Lupi, Enzo Liberti u.a.


Inhalt
Eine Lehrerin, die straffällige Jugendliche unterrichtet, wird während des Unterrichts von ihren Zöglingen angegriffen, vergewaltigt und bestialisch ermordet.
Kommissar Duca Lamberti, der angesichts des grausamen Verbrechens der Jugendlichen sehr betroffen reagiert, möchte um jeden Preis herausfinden, wer für die Tat verantwortlich ist. Trotz seiner ungewöhnlichen und recht harten Verhör-Methoden bekommt er aus den beteiligten Jungen, die alle über ein imposantes Vorstrafenregister verfügen, nur wenig heraus.
Sein Chef rät ihm, die Akte zu schließen, aber Kommissar Lamberti will um jeden Preis weiter ermitteln.
Deshalb holt er Carolino Marassi, der mittlerweile wie alle anderen Hauptverdächtigen in einer Besserungsanstalt für Jugendliche untergebracht wurde, zu sich nach Hause.
Mithilfe von Livia Ussaro, der Sozialarbeiterin der Jugendlichen, möchte Lamberti dem in Bezug auf seine Zukunft desillusionierten Carolino zeigen, wie ein Leben in Freiheit und geordneten Verhältnissen aussehen könnte. Sein Ziel ist es, den Jungen dazu zu bringen, den Täter bzw. mögliche Hintermänner zu verraten.
Wird der Plan des Kommissars aufgehen? Wer ist tatsächlich für die barbarische Tat im Klassenzimmer verantwortlich? Kann Carolino überhaupt etwas zu den Nachforschungen beitragen?


Duca und Livia beleuchten die Familienverhältnisse
der Jungen


Carolino - nicht ganz so cool, wie er vorgibt zu sein


"Note 7 - Die Jungen der Gewalt" ist einer meiner Lieblingsfilme von Fernando Di Leo, der - ähnlich wie "Oben ohne, unten Jeans" - trotz seiner Qualität leider relativ unbekannt ist und sein Dasein eher als Randnotiz in einschlägigen Publikationen fristet.
Er wurde zwar in den Achtzigern auf Video veröffentlicht. Die Vermarktung weckte allerdings absolut falsche Erwartungen, da das Cover eher an den damals populären Terror-Film "Die Klasse von 1984" erinnert und so wohl den Weg zu seinem eigentlichen Zielpublikum verfehlte.
Wenn man bedenkt, dass"Note 7 - Die Jungen der Gewalt" in den 60er Jahren entstanden ist, kann man den Film durchaus als revolutionär bezeichnen.

Wieder einmal scheint der liberal denkende und talentierte Ausnahmeregisseur Regisseur Fernando Di Leo (u.a. "Milano Kaliber 9" oder "Der Mafiaboss") seiner Zeit voraus gewesen zu sein.
Dies stellt er bereits vor dem eigentlichen Beginn des Films unter Beweis. Der bestialische Mord an der Lehrerin mitten im Klassenzimmer wird noch während dem Vorspann gezeigt - ein für die damalige Zeit ungewöhnliches Stilmittel.
Als Endbild nach den Credits und bevor die eigentliche Handlung beginnt, gibt es noch eine Nahaufnahme der geschändeten Frauenleiche - mit deutlichen Spuren von körperlicher und sexueller Gewalt - zu sehen.
Ein ganz schön radikaler Anfang.

Das Drehbuch ist offensichtlich von der ersten bis zur letzten Seite durchdacht. Das Hauptaugenmerk liegt neben der Darstellung der Ermittlungsarbeit auf der Charakterisierung der delinquenten Jugendlichen und deren jeweiligem familiären Hintergrund.
Fernando Di Leo war es augenscheinlich wichtig, sich stark am Roman des Autors Giorgio Scerbanenco (eine weitere Buch-Verfilmung siehe "Das Grauen kam aus dem Nebel") zu orientieren. Dennoch ist er seinem eigenen Stil treu geblieben.

"Signorina Matilde Crescenzaghi, Tochter des verstorbenen Michele Crescenzaghi und seiner Frau Ada Pirelli, unterrichtete an der Abendschule Andrea e Maria Fustagni. Fast alle ihrer dreizehn Schüler hatten bereits einen Teil ihres kurzen Lebens in der Besserungsanstalt verbracht. Mal war der Vater Alkoholiker, mal die Mutter im horizontalen Gewerbe. Einige der Jungen litten an Tuberkolose, andere an vererbter Syphilis. Vermutlich wäre es besser gewesen, einen Exfeldwebel der Fremdenlegion ans Lehrerpult dieser Klasse zu stellen, als sie einer zarten jungen Dame aus dem norditalienischen Kleinbürgertum zuzumuten."
Aus: Scerbanenco, Giorgio: "Der lombardische Kurier. Ein Duca-Lamberti-Roman." Die Originalausgabe erschien 1968 unter dem Titel "I ragazzi del massacro".

Trotz der Beleuchtung des Milieus, in dem die Jugendlichen aufwachsen, wird die grausame Tat nicht relativiert und glücklicherweise bemühte sich der Drehbuchautor nicht um eindimensionale Erklärungsmodelle à la "Die Täter sind lediglich ein Produkt der Gesellschaft und im Grunde genommen selbst Opfer".
Die Hauptrolle spielt Kommissar Lamberti (Pier Paolo Capponi, u.a. zu bewundern in "Jonny Madoc"), der nicht akzeptieren will, dass die für den Mord verantwortlichen Personen keine oder nur eine geringe Strafe bekommen und der den Verdacht hegt, dass es irgendeine Verbindung zu einem außenstehenden Mittäter oder Auftraggeber geben muss.

Etwas unausgegoren erscheint leider die Charakterisierung von Livia Ussaro (die schöne Susan Scott aka Nieves Navarro), die als Sozialarbeiterin den Kommissar bei seinem Vorhaben unterstützt und Carolino betreut.
Sie hat wenig Dialogszenen und wirkt mehr wie eine zufällige Beobachterin als dass sie ihr fachliches Wissen oder ihre Persönlichkeit einbringt. Etwas untypisch für Di Leo, der in diversen Interviews immer wieder versichert hat, großen Wert auf selbstbewusste und selbstbestimmte Frauencharaktere in seinen Filmen zu legen.

In seinem Ablauf erinnert der Film phasenweise sehr an (das später entstandene und in den 70er Jahren boomende) Poliziottesco-Genre, nimmt aber auch einige Anleihen am Giallo.
Ähnlich wie "Der Tod trägt schwarzes Leder" könnte man "Note 7 - Die Jungen der Gewalt" als "Poliziottesco-Giallo-Hybrid" bezeichnen.
Und doch wäre das wieder zu eng gefasst. Am ehesten trifft meiner Meinung nach die Bezeichnung "ein typischer Fernando Di Leo-Film" zu.

" I ragazzi del massacro" ist ein kleines Meisterwerk von Di Leo, in dem wie in seinen anderen Filmen diverse Elemente geschickt miteinander kombiniert werden. In diesem Fall vereinen sich die Sozial- bzw. Charakterstudie und die Darstellung polizeilicher Ermittlungsarbeit.
Empfehlenswert ist die Blu Ray Auswertung in der "Fernando Di Leo - The Italian Crime Collection Vol. 2" von Raro Video. Diese Sammlung beinhaltet neben "Note 7 - Die Jungen der Gewalt" die ebenfalls absolut sehenswerten Filme "Auge um Auge" und "Il poliziotto è marcio".




Foto: Crime Box




Foto: Roman



Sonntag, 8. Juni 2014

LA MORTE RISALE A IERI SERA (1970)














I MILANESI AMMAZZANO AL SABATO (ital. Alternativtitel)
DAS GRAUEN KAM AUS DEM NEBEL
Deutschland, Italien 1970
Regie: Duccio Tessari
DarstellerInnen: Frank Wolff, Raf Vallone, Gabriele Tinti, Gillian Bray, Eva Renzi, Marco Mariani u.a.


Inhalt
Donatella Berzaghi ist 25 Jahre alt, 185cm groß, hübsch und hat eine gute Figur. Doch sie ist auf dem geistigen Niveau eines Kleinkindes und kokettiert naiverweise gegenüber Fremden mit ihren Reizen.
Ihr Vater Amanzio kümmert sich rührend um seine zurückgebliebene Tochter, deren Mutter vor einigen Jahren verstarb. Tagsüber, wenn er seiner Arbeit nachgeht, sperrt er Donatella zu ihrem eigenen Schutz ein. Stündlich macht er einen Kontroll-Anruf bei seiner Tochter.
Eines Tages verschwindet die junge Frau spurlos aus der Wohnung.
Commissario Duca Lamberti nimmt sich des Falls an, der verzweifelte Berzaghi erweckt sein Mitleid.
Seine Ermittlungen führen ihn und seinen Untergebenen Mascaranti ins Rotlichtmilieu.
Als bald darauf die Leiche Donatellas gefunden wird und die Polizei immer noch keine heiße Spur zu haben scheint, beschließt der am Boden zerstörte Berzaghi, die Umstände des Verschwindens seiner Tochter auf eigene Faust zu klären.
Kann Lamberti den Vater, der offensichtlich nichts mehr zu verlieren hat, rechtzeitig stoppen?


Lamberti an seinem Schreibtisch


Vater und Tochter in guten Tagen


Die Kriminalromane des preisgekrönten italienischen Autors russischer Abstammung Sergio Scerbanenco wurden mehrfach verfilmt.
Scerbanencos Antiheld, der ehemalige Arzt Duca Lamberti, der aufgrund passiver Sterbehilfe inhaftiert war und seitdem keine Lizenz mehr besitzt, unterstützt trotz seiner Verurteilung ganz offiziell die Polizei bei ihren Ermittlungen in etwas spezielleren Fällen.
Die Figur des Dottore Lamberti spielt sowohl als Kommissar in Di Leos "Note 7 - Die Jungen der Gewalt", als auch in "Il caso: "venere privata" und in dem mit dem unsäglichen und irreführenden deutschen Titel versehenen "Das Grauen kam aus dem Nebel" eine tragende Rolle. Alle Drehbücher basieren auf den Romanen Sergio Scerbanencos.
Somit dürfte auch hinreichend erklärt sein, warum Lamberti dem kurz vor dem Nervenzusammenbruch stehenden Berzaghi eine Spritze verabreicht und später auch noch Beruhigungstabletten in die Hand drückt.
Im Film wird diese Begebenheit nämlich nicht näher erläutert und hat vielleicht bei so Manchem schon für Stirnrunzeln gesorgt.

Regisseur Duccio Tessari hat den Film wie die Romanvorlage inszeniert - nämlich dialoglastig. Die Dialoge und Monologe werden immer wieder von "auflockerenden" Szenen, die lediglich mit Musik unterlegt sind, unterbrochen.
In erster Linie lebt "Das Grauen kam aus dem Nebel" von den hervorragenden und gleichzeitig zurückhaltenden Darstellern, allen voran Frank Wolff.
Seine Mimik, insbesondere seine Augen, verdeutlichen die Emotionen Lambertis und machen sie für uns fast schon fühlbar: seine Abscheu gegenüber den Zuhältern, sein Mitleid mit Berzaghi oder die Liebe zu seiner Frau. Er ist keiner der alten, mit den Jahren und der Erfahrung zynisch gewordenen Kommissare. Er ist innerlich immer noch Arzt und bemüht, menschliches Leid zu lindern.
Der aus Filmen wie "Milano Kaliber 9" und durch seine Rollen bei der Crème de la Crème des Italowesterns "Spiel mir das Lied vom Tod" sowie "Leichenpflastern seinen Weg" bekannte Schauspieler war zur Zeit von "Das Grauen kam aus dem Nebel" in Höchstform.
Leider nur in beruflicher Hinsicht, da er sich kurze Zeit später, in den frühen Siebzigern, das Leben nahm.

Ihm und Raf Vallone (der Donatellas Vater spielt) ist es zu verdanken, dass der Film nie zu sehr ins Exploitative abdriftet, obwohl die Handlung und Darstellungsweise zu Beginn solche Ansätze bietet - wenn Berzaghi etwa seiner 25 jährigen Tochter den BH anziehen muss oder Donatella auf dem Balkon ihr Röckchen vor einem Mann lüftet, um ihm ihre Strapse zu zeigen, bewegt sich Tessari gefährlich nahe an der Grenze zur - hier unangebrachten - Schlüpfrigkeit.
Aber er kratzt glücklicherweise doch rechtzeitig die Kurve und der eingeschlagene Weg führt fortan emotional unaufhaltsam in Richtung Verzweiflung, Einsamkeit und Destruktivität. Nicht nur bei Berzaghi. Sogar dem philanthropen und optimistisch eingestellten Lamberti werden zusehends die Illusionen geraubt.

Das Thema (Zwangs-) Prostitution wird eher oberflächlich behandelt und nur dezent problematisiert, das Hauptaugenmerk der Geschichte liegt eindeutig auf den Protagonisten Lamberti und Berzaghi.
"Das Grauen kam aus dem Nebel" zeigt in erster Linie zwei, teils parallel laufende, teils miteinander verwobene Ebenen: auf der einen Seite die minutiöse und oft mühsame Ermittlungsarbeit der Polizei, deren Methoden nicht immer ganz gesetzeskonform (aber wirksam) waren.
Auf der anderen Seite steht der einsame Mensch Berzaghi, der trauernde und am Boden zerstörte Vater, der nicht in der Lage ist, seiner Emotionen Herr zu werden und nichts mit seiner Freizeit anzufangen weiß, außer die Mörder seiner Tochter zu suchen.
Für die Polizei, auch für den engagierten Lamberti, ist er schlussendlich nur ein Fall.
Dies wird besonders in der Szene deutlich, in der Lamberti ihn zu trösten versucht mit den Worten, dass es anderen noch viel schlechter geht.
Berzaghi erklärt ihm, dass man nur an Andere denken kann, wenn man selbst nicht von so einer privaten Tragödie betroffen ist und dass es ihn herzlich wenig interessiert, was mit anderen Menschen ist.
Man kann es ihm nicht verdenken. Überhaupt wirkt sein tiefer Schmerz über den Verlust des Einzigen, was ihm in seinem Leben Freude bereitet hat, erschreckend nachvollziehbar, was wiederum der schauspielerischen Glanzleistung von Raf Vallone geschuldet ist.

Der Film wird häufig in das Giallo-Genre eingeordnet, was mir nicht ganz logisch erscheint. Er ist aufgebaut wie ein Poliziottesco, der zwar Ähnlichkeit mit einem Giallo hat, aber in erster Linie eben ein Polizeifilm ist.
Es geht mir nicht darum, Recht zu haben und ich will auch nicht behaupten, die ultimative "Wahrheit" zu verkünden. Ich erwähne dies nur, um keine falschen Erwartungen bei eingefleischten Giallo-LiebhaberInnen zu wecken.

"Raro Video" hat diesen unverzichtbaren Klassiker des italienischen Kinos endlich auf Blu Ray gebannt und so kann man "Das Grauen kam aus dem Nebel" in bester Qualität und italienischer Sprache mit englischen Untertiteln genießen.


Die deutsche Vermarktung
- ohne Kommentar


Foto: Blu Ray mit Schuber




Foto: Roman von Scerbanenco (Vorlage)



Samstag, 7. Juni 2014

UN ANGELO PER SATANA (1966)















EIN ENGEL FÜR DEN TEUFEL
Italien 1966
Regie: Camillo Mastrocinque
DarstellerInnen: Barbara Steele, Anthony Steffen, Claudio Gora, Ursula Davis, Mario Brega u.a.


Inhalt
Ein kleines Kaff in Italien Ende des 19. Jahrhunderts. Der dort ansässige Conte Montebruno bestellt den ambitionierten Bildhauer Roberto Merigi ins Haus, um die vor Kurzem aus dem nahe gelegenen See geborgene Statue einer Ur-Ahnin zu restaurieren.
Eigenartigerweise sieht diese seiner Nichte Harriet nicht nur ähnlich, sie hat sogar exakt die selben Gesichtszüge. Die Dorfbewohner finden die Restauration gar nicht lustig, fürchten sie doch den alten Fluch, der auf dem schönen Stück Marmor liegt und der das ganze Dorf in Unheil stürzen soll.
Sie werden in ihrem Aberglauben bestätigt, als sich die Gewalttaten unter den Einheimischen häufen. Und irgendwie scheint die gute Harriet die Finger im Spiel zu haben.
Sind dies tatsächlich die Auswirkungen einer Verwünschung?


Roberto (Steffen) mit eingefrorener Mimik und der Conte


Harriet begutachtet sich im Spiegel


"Ein Engel für den Teufel" ist eine gelungene Mischung aus Gotik-Grusel und Giallo-Elementen.
Und einige Szenen waren für die damalige Zeit etwas gewagt - Barbara Steele im beinah durchsichtigen Nachthemd, auf dem sich die Brustwarzen deutlich abzeichnen, Vergewaltigungsszenen, homoerotische und sadomasochistische Andeutungen und auch die Gewalt gegen Kinder erscheint im zeitlichen Kontext recht drastisch.

Mein Lieblings-Langweiler Anthony Steffen darf den Bildhauer und zugleich mutigen Aufklärer der seltsamen Vorgänge mimen und präsentiert sich zur Abwechslung mal etwas flott und umtriebig.
Barbara Steele (in der Rolle der Harriet), die durch "Die Stunde wenn Dracula kommt" zur Horrorikone wurde, war keine klassische Schönheit, besaß aber eine einzigartig mysteriöse und anziehende Aura - man muss sie einfach lieben.

Die gute Harriet sät auf fiese Art und Weise viel Unfrieden und Zwietracht unter ihren Mitmenschen. Ihre Pläne sind wirklich besonders perfid und von eiskaltem Kalkül.
Allerdings scheint sie oft nicht sie selbst zu sein, klagt über Erinnerungslücken und nennt sich phasenweise "Belinda" (das war die Frau, die angeblich vor 200 Jahren den Fluch ausgesprochen hat).
Vieles mutet etwas merkwürdig an, aber am Ende gibt's ne phantasievolle gialloeske Auflösung frei nach dem Motto "Der Mörder war doch der Bruder des Gärtners des Bürgermeisters. Nein, es war doch die Cousine der Schwester der Haushälterin..."
Scooby-Doo lässt grüßen.

Der Film ist bislang nur in Italien auf DVD erschienen und wurde vor Kurzem im deutschen TV ausgestrahlt. Es lohnt sich, die Augen danach offen zu halten. Er bietet den geneigten ZuschauerInnen schön fotografierte und stimmungsvolle Schwarz-Weiß-Szenerien und angenehme kurzweilige Zerstreuung.
Für Hammer-Fans und Giallo-FreundInnen ein Muss.




Foto: DVD von "Sinister Film"



Sonntag, 1. Juni 2014

L'AGRESSION (1975)














DIE ENTFESSELTEN
Italien, Frankreich 1975
Regie: Gérard Pirès
DarstellerInnen: Jean-Louis Trintignant, Catherine Deneuve, Claude Brasseur, Philippe Brigaud, Milena Vukotic u.a.


Inhalt
Paul Varlin reist urlaubsbedingt in einem Fiat mit seiner Frau und 10 Jahre alten Tochter durchs Rhonetal Richtung Mittelmeer.
Nachdem er sich auf einer Autobahnraststätte mit ein paar Motorradfahrern anlegt, wird er auf der Autobahn von ihnen verfolgt und nach einem Unfall bis zur Bewusstlosigkeit verprügelt.
Als er wieder zu sich kommt, sind seine Frau und Tochter tot. Wie sich herausstellt, wurden sie vor ihrem Ableben vergewaltigt.
Zunächst gerät Paul selbst ins Visier der örtlichen Polizei und als die Ermittlungen der Exekutive ins Leere zu Laufen scheinen, trifft er die Entscheidung, sich an den Verdächtigen zu rächen...


Bedrohung oder nur Show?


Erstmal ne Zigarette auf den Schreck


"Die Entfesselten" ist ein französischer Thriller mit Starbesetzung aus dem Jahr 1975.
Das schauspielerische Talent von Jean-Louis Trintignant (ua. bekannt aus: "Leichen pflastern seinen Weg") in der Rolle des seltsam emotionslosen Paul Varlin und der vielfach gerühmten und von Vielen verehrten Catherine Deneuve (siehe beispielsweise "Begierde" oder "Anima Persa") in der Rolle seiner Schwägerin Sarah kommt zwar nicht vollends zur Geltung, aber die beiden agieren innerhalb der eng gesteckten Grenzen des Drehbuchs auf eine kauzige Art unterhaltsam.

Paul, der scheinbar seine Trauer um seine kleine Familie total verdrängt und eine Persönlichkeit verkörpert, die im Psychiaterjargon gemeinhin als "affektiv wenig mitschwingend" bezeichnet wird, wirkt in seinem gesamten Verhalten recht unmotiviert. Weder die im Vollrausch versuchte Vergewaltigung seiner Schwägerin noch sein Racheplan wirken irgendwie nachvollziehbar.
Die Dialoge zwischen Sarah und Paul wecken aufgrund ihrer Sperrigkeit und Banalität Erinnerungen an manche Arthaus-Filme, was aber kein Minuspunkt sein muss. Ob dies rein auf die Synchronisation oder die tatsächlichen Dialoge zurückzuführen ist, kann ich leider nicht beurteilen.

Eine Schauspielerin mit der Ausstrahlung und dem Talent von Catherine Deneuve in der Rolle der Schwägerin Sarah ist, mit Verlaub, exemplarisch für das gute alte Sprichwort "Perlen vor die Säue".
Sarah ist eine sexuell frustrierte Ehefrau, die sich seit ihrer Heirat als züchtige Dame verkleidet und augenscheinlich nur auf die erstbeste Gelegenheit gewartet hat, aus ihrem goldenen Käfig auszubrechen.
Wie ein verliebtes Schulmädchen tapst sie Paul hinterher, verführt ihn und blüht trotz des gewaltsamen Todes ihrer Schwester und Nichte im Verlauf des Films makabererweise immer mehr auf.
Ihre Frisur wechselt mit jeder Szene und ihr Kleidungsstil sowie ihre verbale Ausdrucksweise scheinen immer freizügiger zu werden.
Auch von ihren Lippen kommen keine Worte des Bedauerns, im Gegenteil. Sie gesteht Paul in einer Szene sogar, dass sie nur "auf eine Gelegenheit gewartet" habe und sie wie alle kleine Schwestern immer schon für den Mann ihrer großen Schwester geschwärmt habe.
Den drohenden Racheakt will oder kann sie nicht verhindern, jedenfalls hat sie dem geplanten Gewaltakt Pauls nichts (außer ein bisschen Ablenkung durch plumpe Koketterie) entgegenzusetzen.

Was die Geschichte aber meiner Meinung nach neben den aufwändig gefilmten und dramaturgisch fesselnden Verfolgungsjagden zudem spannend macht, ist die Tatsache, dass Paul sich während seiner gesamten Rache-Vorbereitungsphase nicht sicher ist, ob die von ihm ausspionierten Motorradfahrer wirklich diejenigen sind, die den Tod seiner Liebsten zu verantworten haben.
Immerhin trugen die Täter schwarze Helme mit undurchsichtigem Visier und die vermeintlichen Bösewichte besitzen -schenkt man einem etwas windigen Zeugen Glauben - ein lückenloses Alibi.
Als Zuschauer(in) weiß man nicht mehr als der Protagonist und zweifelt an der Sinnhaftigkeit der geplanten Hinrichtung der Biker.

Zu viel möchte ich euch nicht verraten, aber im letzten Drittel nimmt die Story eine herrlich gialloeske, tendenziell skurrile Wendung, die das Drehbuch unterhaltungsmäßig etwas aufpeppt.
Die Gewaltdarstellungen im Film sind nicht explizit, die mit etwas Sleaze angehauchten Szenen zu brav, als dass man von einem Exploitationfilm die Rede sein könnte.
Und im Gegensatz zu den Meinungen einiger anderer Rezensenten würde ich das "Biker-Thema" nicht in den Mittelpunkt rücken, sondern behaupten, es hier mit einem trotz der Thematik nicht ganz ernsthaften Selbstjustiz-Thriller zu tun zu haben.

"Die Entfesselten" ist kein Film der großen Emotionen oder besonders gut durchdachten Geschichte und auch die von Einigen oft bemühte "Gesellschaftskritik" erscheint mir eher an den Haaren herbeigezogen, aber wenn man eine Schwäche für rasante Siebzigerjahre-Streifen aus Europa hat, sicherlich eine gute Investition.





Die tolle DVD vom Label Subkultur - lohnt sich


Foto: Blu Ray von Subkultur