Sonntag, 23. Februar 2014

SE SEI VIVO SPARA (1967)














TÖTE, DJANGO
Italien, Spanien 1967
Regie: Giulio Questi
DarstellerInnen: Tomas Milian, Ray Lovelock, Piero Lulli, Milo Quesada, Marilù Tolo, Mirella Pamphili u.a.


Inhalt
Ein Fremder ist auf der Suche nach den Männern, die zuerst seine Hilfe bei einem Überfall auf einen Goldtransport in Anspruch genommen haben und ihn anschließend in der Wüste elend verrecken lassen wollten.
Durch die Hilfe und Pflege von zwei Indianern, die ihn für einen von den Toten Wiederauferstandenen halten und begierig sind zu erfahren, wie es denn nun "auf der anderen Seite" ist, findet er rasch zu seiner alten Kraft.
Schon bald erreichen die drei Gefährten einen kleinen Ort in der Wüste, der von den Indianern als unhappy place bezeichnet wird. Dort haben sich die Goldräuber niedergelassen.
Die Dorfbewohner sind im Gegensatz zu ihrer eigenen Einschätzung von sich selbst alles andere als sympathische zivilisierte Bürger und empfangen den Fremden und seine indianischen Begleiter nicht gerade freundlich. Allerdings spricht sich schnell herum, dass er ein begnadeter Schütze ist, weswegen er vorerst nicht befürchten muss, wie andere Neuankömmlinge am nächsten Baum aufgehängt zu werden.
Auf der Suche nach dem gestohlenen Gold würde jeder Dorfbewohner den Fremden gerne an seiner Seite sehen. Schon bald gerät er zwischen die Fronten und ein Kampf um Leben und Tod beginnt...


Bösewicht Oaks (Lulli) kommt ins Schwitzen


Django verliebt


"Töte, Django" ist natürlich keine Fortsetzung von Sergio Corbuccis "Django", sondern ein eigenständiger Film mit dem Originaltitel "Se sei vivo spara", alternativ auch "Oro hondo".
Der deutsche Titel entstand wie viele andere "Djangos" ausschließlich aus vermarktungstechnischen Gründen.

Tomas Milian hatte anfänglich Bedenken bezüglich einer Zusammenarbeit mit Giulio Questi, der für Drehbuch und Regie verantwortlich war.
Schließlich hielt er ihn für einen "Intellektuellen" und Milian war nicht an der Art von Filmen, die er mit dem Namen Questi verband, interessiert.
Glücklicherweise hatte er es sich doch noch einmal anders überlegt und so dürfen wir ihn (und seinen wohlgeformten Körper) in der Rolle des "Fremden" bewundern.

"Töte, Django" wird häufig als der gewalttätigste aller Italowestern bezeichnet. Es wäre aber sehr schade, ihn ausschließlich auf einige explizite Szenen zu reduzieren.
Es handelt sich vielmehr um einen außergewöhnlichen und absolut eigenständigen western all' italiana, der die üblichen Genre-Konventionen sprengt.
Weniger die Handlung an sich, sondern vielmehr das, was gezeigt wird und wie es gezeigt wird (ua. mithilfe von Stakkato-Schnitten und Überblendungen), verstörten das provinzielle italienische Kinopublikum in den Sechzigern.
Angeblich sollen bei manchen Szenen sogar Menschen im Kinosessel in Ohnmacht gefallen sein.
Andere wiederum waren wohl empört über die Unverfrorenheit Questis, auch die Themen Homosexualität und Fetischismus in den Film einzubauen...
Wer also dachte, "Brokeback Mountain" wäre revolutionär und der allererste Western, in dem homosexuelle Cowboys vorkommen, hat sich getäuscht.

Trotz einigen skurrilen und nicht ganz ernst zu nehmenden Szenen ist "Töte, Django" ein Film mit einem rauen und realistischen Unterton.
Ein Film über die Unmenschlichkeit der Menschen. Über die Auswirkungen des Goldrauschs und darüber, dass sich jeder selbst der Nächste ist. Und er beinhaltet jegliche Form von Gewalt - gegen Kinder, Frauen, Männer und Tiere.
Im weiteren Sinn geht es auch um Xenophobie und die generelle Angst der Menschen vor allem Unbekannten.
Ebenfalls interessant ist die Darstellung einer schwarzgewandeten knallharten Elitetruppe - die Assoziation mit den camicie nere (= "Schwarzhemden; Mitglieder der faschistischen Kampfbünde Italiens) der Zwischenkriegszeit war natürlich vom Regisseur beabsichtigt.
Die Doppelmoral der "Dörfler", die nach ihren eigenen hausgemachten Regeln bzw. Moralvorstellungen Legislative und Exekutive zugleich sind, stinkt zum Himmel.
"Der Fremde" scheint die Vorgänge in diesem verruchten Ort aus der Position eines Außenstehenden zu beobachten und wie ein Getriebener von Schauplatz zu Schauplatz zu stolpern. Dennoch ist er bei fast allen Ereignissen im Ort auf irgendeine Art und Weise selbst involviert.
Der damals noch minderjährige Ray Lovelock (dürfte zum Zeitpunkt der Dreharbeiten 16 oder 17 gewesen sein) hat zwar nur eine kleine, aber sehr wichtige Rolle.
Als naiver blonder Jüngling mit großen blauen Augen, der von seinem Vater vernachlässigt und von seiner Stiefmutter gehasst wird, wirkt er wie die personifizierte Unschuld in diesem Ort voller zwielichtiger Gestalten.
Ein für viele Italo-FreundInnen ebenfalls "alter Bekannter" namens Piero Lulli fasziniert in der Rolle des Bösewichts Oaks.

Lieblingszitat (Die Indianer zum namenlosen Fremden):
"Hier, dein Gold. Dein Gold, für das du gestorben bist. Wir haben Patronen daraus gemacht. Die töten besser als Blei (...) Nachdem dir das Feuer des Todes geleuchtet hat, wird dir das Gold nur noch so von Nutzen sein."

Ein atypischer Italowestern mit eingängigem variantenreichem Score, teils surreal anmutenden Szenen und gewagten/experimentellen Ansätzen. Irgendwo zwischen bitterem Realismus und comic-hafter Überzeichnung angesiedelt.
Hart, schräg, tragisch, lustig und zynisch.




VÖ von von Blue Underground und FilmArt Mediabook



Samstag, 22. Februar 2014

I CENTO PASSI (2000)














100 SCHRITTE
Italien 2000
Regie: Marco Tullio Giordana
DarstellerInnen: Luigi Lo Cascio, Luigi Maria Burruano, Lucia Sardo, Paolo Briguglia u.a.


Inhalt
Es gibt zwei einflussreiche Mafia-Familien in Cinisi (nahe Palermo, Sizilien). Auf der einen Seite Gaetano "Tano" Badalamenti, auf der anderen der Clan der Impastatos.
Die Häuser der beiden liegen nur cento passi (hundert Schritte) voneinander entfernt.
Guiseppe "Peppino" Impastato entwickelt sich zum Leidwesen seines stolzen Vaters zu einem Kommunisten, zu einem Revolutionär, der einen offenen Kampf gegen die Mafia führt. Wie lange kann und will er seinen Sohn beschützen?






Als ich im Buch "Cosa Nostra: Die Geschichte der Mafia" von den Geschehnissen rund um den von den Behörden lange Zeit als Selbstmord deklarierten Tod des mutigen Peppino Impastato gelesen habe, war für mich klar, dass ich "100 Schritte" sehen muss.
Dieser zeigt ein ganzes Leben in 107 Minuten. Er ist eine beeindruckende Erzählung über einen Mann, der unbeirrbar war und letztendlich wegen seiner Ideale und Wertvorstellungen sterben musste.
Es ist die wahre Geschichte von Guiseppe "Peppino" Impastato, der sich nicht an das Gesetz der omertà halten wollte und dafür sogar einen gewaltsamen Tod in Kauf nahm.
Er war noch vor der Gründung der Antimafia einer der wenigen mutigen Einzelkämpfer gegen das organisierte Verbrechen in Sizilien.

Der kleine Junge Peppino Impastato, den der gewaltsame Tod seines geliebten Onkels wohl ebenso prägte wie der Kontakt zu einem stadtbekannten Kommunisten, begann schon früh, sich gegen die Mafia aufzulehnen.
Bereits 1966 schrieb er einen Zeitungsartikel mit dem Titel "Mafia: ein Haufen Scheiße", später organisierte er Fotoausstellungen zum Thema "Die Mafia und die Landschaft", in der es um die Zerstörung der Schönheit der Natur durch den von der Cosa Nostra forcierten und geförderten Straßenbau ging.
1977 gründete Peppino einen kleinen Radiosender namens "Radio Aut", in dem er sich des Öfteren mit von ihm gesprochenen Satirebeiträgen über Mafiaboss Don Tano und andere Mafiosi lustig machte.
Dem nicht genug, demütigte er hochrangige Mafiosi beim Begräbnis seines Vaters, indem er sich weigerte, ihnen die Hand zu geben.
Peppinos Protest fand auf allen Ebenen statt und reichte von seiner eigenen Familie bis in die breite Öffentlichkeit.

"100 Schritte" ist ein sehr authentischer Film mit großartigen SchauspielerInnen, die vom Regisseur sorgfältig ausgewählt wurden. Er scheint überhaupt großen Wert auf eine exakte Erzählweise der historischen Ereignisse rund um den kämpferischen jungen Impastato gelegt zu haben.
Peppino wirkt innerlich zerrissen. Auf der einen Seite versucht er gegenüber seinen Freunden und Anhängern als Clown dazustehen und gibt vor, das Leben weniger ernst zu nehmen als es in Anbetracht der latenten Bedrohung durch die Mafia angemessen wäre.
Auf der anderen Seite wirkt er sehr verletzlich und nachdenklich, einzelgängerisch und querulantisch bis in die letzte Faser seiner Existenz.
Peppino war ein Besessener, ein ständig Getriebener, der sich verbissen hatte in sein Ziel, der örtlichen Mafia das Leben etwas schwerer zu machen.

Trotz der desillusionierenden und bedrückenden Rahmenhandlung wirkt "100 Schritte" nicht sperrig, sondern flüssig und spannend erzählt. Nicht ohne Grund wird er von manchen als kleines Meisterwerk gehandelt und wurde beim Filmfestival in Venedig mit dem "Goldenen Löwen" ausgezeichnet.
Der Soundtrack ist auch erwähnenswert, beinhaltet er doch einige schöne und bekannte Titel der Siebziger wie zum Beispiel "House of the Rising Sun" (The Animals), "Summertime" (Janis Joplin) oder "Suzanne" (Leonard Cohen).

Impastato wurde im Mai 1978 ermordet. Bis auf sein nahes Umfeld glaubte niemand an etwas anderes als an einen Suizid. Den örtlichen Carabinieri und der Politik gelang es, wichtige Beweise verschwinden zu lassen und die Wahrheit zu vertuschen.
Doch die Leute, die ihn gekannt, geliebt und geschätzt haben, gaben nicht auf.
Erst Jahrzehnte später, nämlich im April 2002, wurde Don Tano von der Justiz als Verantwortlicher bzw. Auftraggeber des Mordes verurteilt.

"100 Schritte" ist ein wichtiger Film. Nicht nur für die Geschichte Italiens, sondern für die Menschheit und die Menschlichkeit im Allgemeinen.
Guiseppe Impastato steht für mutigen und beherzten Widerstand und die Rebellion gegen eine Gruppierung, deren Existenz lange Zeit niemand wahrhaben wollte. Allein deshalb sollte sein Name nicht in Vergessenheit geraten.
"100 Schritte" leistet einen Beitrag dazu.



Freitag, 21. Februar 2014

PER UN PUGNO DI DOLLARI (1964)















FÜR EINE HANDVOLL DOLLAR
Deutschland, Italien, Spanien 1964
Regie: Sergio Leone
DarstellerInnen: Clint Eastwood, Gian Maria Volonté, Marianne Koch, Wolfgang Luschky u.a.


Inhalt
Ein mysteriöser Mann mit Poncho reitet auf seinem Maultier durch eine kleine, nicht mehr besonders dicht besiedelte Stadt, auf deren Boden schon viel Blut vergossen wurde.
Die Bewohner tun alles, um ihn möglichst bald wieder loszuwerden. Aber Joe bleibt. Und er macht sich den zwei rivalisierenden Banden (die Rojos und die Baxters) abwechselnd nützlich, ohne dass die jeweilig andere Seite davon Wind bekommt. Er geht dabei ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen.
Als er begreift, wie skrupellos und gnadenlos die Rojos wirklich sind, stellt er sich überraschenderweise gegen sie, um eine unschuldige Familie zu retten. Ist dies sein Todesurteil?






Eine Bemerkung gleich zu Beginn: Dieses Review über den Film, mit dem alles begann, der quasi den Startschuss des Italowestern-Genres markiert, versteht sich nicht nur als Filmkritik, sondern als Liebeserklärung an den Italowestern und fällt deshalb etwas ausführlicher aus als sonst.

"Für eine Handvoll Dollar" entstand 1964 als erster Western von regista Sergio Leone. Darauf folgend führte er Regie bei "Für ein paar Dollar mehr", "Zwei glorreiche Halunken" und "Spiel mir das Lied vom Tod".
Der Zeitpunkt des Drehbeginns war vielleicht etwas ungewöhnlich, denn das italienische Publikum hatte sich eigentlich satt gesehen an (amerikanischen) Western und manche von ihm angefragte Produzenten oder Schauspieler hielten ihn für verrückt.
Niemand konnte es sich so recht vorstellen - ein Western, der in Italien gedreht wird? Zum damaligen Zeitpunkt befanden die meisten Leute diese Idee für mehr als nur befremdlich.
Ein namhafter Drehbuchautor, den ein Telefonanruf Leones und der Vorschlag, einen Western zu produzieren, nur ein Kopfschütteln und müdes Lächeln gekostet hat, gab seiner Frau sogar die Anweisung, wenn dieser Leone wieder anrufe, solle sie sagen, er sei nicht da.

Sie wurden alle eines Besseren belehrt.

Doch wie kam Sergio Leone auf diese - damals wohl noch revolutionäre - Idee? Er sah den japanischen Samurai-Film "Yojimbo" im Kino und wusste sofort, das ist Stoff für einen Western. Er studierte Szene für Szene und adaptierte diese für seinen Film, was ihm nach dem durchschlagenden Erfolg von "Für eine Handvoll Dollar" noch rechtliche Probleme bescheren sollte. Aber sei's drum.

Drehort war das spanische Almería, weil die Produktionskosten in Spanien erheblich geringer waren und die Landschaft der texanischen ähnelt.
Der dem Weltpublikum zum damaligen Zeitpunkt noch unbekannte Schauspieler und Seriendarsteller Clint Eastwood sagte Leone für die Hauptrolle ohne Umschweife zu.

Diese kam ihm gelegen, weil es sein Vertrag mit den Machern der Serie "Rawhide" verbot, innerhalb von Amerika einen Film zu drehen.
Abgesehen davon weckte die ungewöhnliche Idee Leones die Neugier des Schauspielers.
Inspiriert, motiviert und gut vorbereitet schneite Eastwood mit einem Koffer, in dem er unter anderem sein Cowboy-Outfit, das er im Film zu tragen beabsichtigte, transportierte, auf dem Filmset ein.

Clint Eastwood tat gut an seiner Neugier. Er avancierte über Nacht zum Weltstar.

"Für eine Handvoll Dollar" ist im Vergleich zu späteren Italowestern vielleicht nicht der raueste, inhaltlich tiefgründigste oder der am sorgfältigsten inszenierte Genrevertreter, war aber revolutionär in seiner Machart und der Wegbereiter für zahlreiche Antihelden des italienischen Westerns.
Für die Outlaws, die nicht auf selbstgefällige Art und Weise wie John Wayne und Co. die Rächer und Beschützer der Unschuldigen waren, sondern eben nicht rein altruistische Interessen verfolgten.

Es sollte der Beginn sein einer Ära von wortkargen Charakteren mit unverwechselbaren Gesichtszügen, die ihre Berechtigung unter anderem aufgrund des "Style over Substance"-Prinzips innehatten. Sergio Leone soll über Clint Eastwood einmal gesagt haben, er habe nur zwei Gesichtsausdrücke. Einen mit Hut und einen ohne Hut.
Alles andere wäre auch fehl am Platz. Das Schlimmste für die Hauptprotagonisten des Italowesterns ist nämlich Over-Acting.
Gerade das schauspielerische Understatement und die Großaufnahmen von Gesichtern, in denen man nichts ablesen kann, machen den besonderen Reiz aus.

Die folgende Generationen von Italowestern erhöhten den Dreckfaktor der Kulissen und Kostüme noch mehr und bewiesen, dass es weitaus rauer und gewalttätiger zugehen kann als in "Für eine Handvoll Dollar", verwendeten aber das selbe Grundprinzip.

Ein weiterer, für die Atmosphäre nicht zu unterschätzender Punkt ist die Filmmusik. Die guten Italowestern wie zum Beispiel "Django", "Spiel mir das Lied vom Tod", "Der Gehetzte der Sierra Madre" oder "Leichen pflastern seinen Weg" funktionieren als untrennbar verbundene Einheit von Bildern und Soundkulisse.
Musik weckt oder unterstreicht Emotionen beim Zuschauer, setzt Akzente, ist imstande, die Dramatik der Handlung zu verstärken oder Spannung aufzubauen. Während ich diese Zeilen schreibe, tönen im Hintergrund die Klänge von Ennio Morricones Soundtracks zu den Filmen der Dollar-Trilogie aus den Boxen.
Auch wenn seine Musik zu "Für eine Handvoll Dollar" noch nicht ganz so opulent und episch ist wie in späteren Werken, ist sie für sich genial und macht einen großen Teil der Atmosphäre des Films aus.
Mit ein bisschen simplem Gitarrengeschrammel und Gepfeife einen so einprägsamen Sound zu kreieren wie für diese Titelmusik, dazu ist wahrlich nur ein musikalisches Genie wie Ennio Morricone in der Lage.

Wenn Worte versagen, sollte man Musik sprechen lassen. Es gibt Szenen, die funktionieren in erster Linie durch Musik. Jeder Satz wäre obsolet, jedes Wort würde die Atmosphäre (zer-)stören.
Ich würde vielleicht öfters Filme der neueren Generation anschauen, würde das moderne Kino statt geschwätzigen Protagonisten und unkreativen, schon tausendmal gehörten One-Linern mehr Wert auf einen guten Soundtrack legen.
Dass die musikalischen Meisterstücke von damals nichts an Wirkung und Aktualität verloren haben, beweisen die Soundtracks für "Kill Bill" und Co. eindrücklich. Aber das ist jetzt wieder ein anderes Thema.

Ein weiterer unverzichtbarer Pluspunkt bei Italowestern ist, dass die Schauspieler nicht austauschbar sind und einen großen Wiedererkennungswert haben. Exzentrische, zerfurchte Gesichter mit außergewöhnlichen Nasen (siehe Lee van Cleef oder Adolfo Celi), Pockennarben und wilde Bärte lassen die Protagonisten ungeschliffen und authentisch wirken.
Die drei Rojo-Brüder in "Eine Handvoll Dollar" sind ein gutes Beispiel dafür.
Der Niederträchtigste des Trios, Ramón, wird von Gian Maria Volonté verkörpert. Letzterer, u.a. Protagonist in "Die Banditen von Mailand" und "Von Angesicht zu Angesicht" war wohl einer der begnadetsten Darsteller des italienischen Kinos.
Unglücklicherweise hat er sich mit seinem Talent rar gemacht, was wohl an seiner etwas radikalen Einstellung lag, jedes Projekt, das nicht eindeutig linkspolitisch war, abzulehnen.

"Wenn sich zwei Männer duellieren, der eine hat nen Colt, der andere ein Gewehr, ist der mit dem Colt ein toter Mann. So heißt doch euer Sprichwort. Wollen sehen, ob's stimmt." (Joe zu Ramón)

Es gibt Filme, die vielleicht nicht die besten ihrer Art sind, aber die man einfach kennen sollte, weil sie im zeitlichen Kontext betrachtet auf gewisse Weise bahnbrechend und ein Meilenstein in der Kinogeschichte sind.
"Für eine Handvoll Dollar" gehört hier ganz klar dazu.




Foto: Paramount DVD und Blu Ray von Universum



Sonntag, 16. Februar 2014

UNA VITA LUNGA UN GIORNO (1973)














FÜNF RÄTSEL ZUM TOD
Italien 1973
Regie: Ferdinando Baldi
DarstellerInnen: Philippe Leroy, Ewa Aulin, Mino Reitano, Nello Pazzafini, Franco Ressel, Luciano Catennaci u.a.


Inhalt
Der bereits nicht erst seit gestern dem Jugendalter entwachsene Andrea ist zum ersten Mal richtig verliebt. Die Schwedin seines Herzens - Anna - scheint dieselben Gefühle für ihn zu hegen. Doch leider hat sie einen (erst kürzlich diagnostizieren) Herzfehler.
Damit sie nicht nach Schweden zurück muss und die notwendige OP in Italien finanziert werden kann, lässt sich Andrea auf das Angebot eines schwerreichen Snobs ein, der eine Menschenjagd quer durch San Remo veranstalten will.
Sollte Andrea überleben, winkt eine Belohnung von 30.000 Dollar...


Ein "unmoralisches" Angebot


Angriff der Killerquallen?


Ich sitze immer noch ein bisschen geplättet da, grinse und denke: "Ja, was war denn das?"
Ein abgefahrener italienischer Krimi mit einer absolut abstrusen Geschichte!
Hier passt so gar nichts zusammen, dass man das Drehbuch schon fast wieder als künstlerisch ambitioniert betrachten kann.
"Fünf Rätsel zum Tod" (was für ein herziger deutscher Titel) ist genau diese Art von italienischem Kino, bei dem ich mich immer frage, ob da wirklich irgendjemand irgendetwas ernst gemeint hat.
Der wohlhabende Philippe (kein Witz: Philippe Leroy) wird von seiner Freundin und seinen von Sexorgien und anderen Parties gelangweilten Bekannten genötigt, wieder einmal eine Menschenjagd zu organisieren.
So schön, so gut. Er beginnt auch gleich mit den Vorbereitungen, für die ihm der böse Bube Luciano Catennaci (der in jedem dritten Italo-Film der Siebziger eine Rolle zu haben scheint) zur Verfügung steht.

Anna, die aus Schweden anreist, nachdem sie die Pension ihrer Tante geerbt hat, wird des Nächtens von Bösewicht Nello (kein Witz: Nello Pazzafini) überfallen und beinahe vergewaltigt.
Man denkt sich vielleicht noch, dass es wohl keine so gute Idee war, zwischen den zwielichtigen Gestalten im Restaurant mit einem dünnen Top ohne BH rumzuhüpfen und bis zur Sperrstunde Wein nachzuschenken.
Aber das Mädel kann nichts dafür. In Wahrheit steckt natürlich der Schelm Philippe dahinter, der Nello eigens für diese Aktion engagiert hat. Aber das weiß niemand. Außer den Personen, die vor dem Bildschirm hocken.
Jedenfalls kann sich die gute Anna gerade noch durch einen waghalsigen Sprung aus dem Fenster retten.
Aufgrund eines verstauchten Knöchels (!) und einer kleinen Schramme am Kopf (!!), die aussieht, als hätte sich eine Qualle an ihrer Stirn festgesaugt, muss sie einige Tage stationär im Krankenhaus bleiben.
Da sie als erst kürzlich eingereiste Schwedin nicht versichert ist, wird's finanziell ein bisschen prekär für unseren verliebten Andrea, der natürlich heldenhaft und ungefragt für sämtliche Kosten aufkommen will.

Nach der überraschenden Herzfehler-Diagnose hüpfen die beiden durch das malerische Bergdorf Cervo und kommen sich (nachdem sie sich im Krankenhaus gegenseitig ihre Liebe gestanden haben) auch das erste Mal richtig näher.
Das sind die letzten fröhlichen Stunden der beiden, denn kurz darauf stellt sich Andrea seiner lebensgefährlichen Aufgabe...

Apropos Cervo: Falls ihr schon einmal (oder wie ich sehr häufig) an der Riviera dei Fiori (Blumenriviera) gewesen seid, dürft ihr euch über Bilder von San Remo, Imperia und dem malerischen mittelalterlichen Bergdorf Cervo freuen.



Das berühmte Casino in San Remo


Cervo


Aber wieder zurück zur Geschichte des testosterongesteuerten Andrea. Dieser wird - wie bereits von Philippe prophezeit- an verschiedenen Orten mehr oder weniger halbherzig attackiert.
Besonders lustig an der Geschichte ist, dass es für die Mordversuche kein Publikum gibt und es sich uns ZuschauerInnen nicht wirklich erschließt, welche Art von Amusement sich Philippe und KollegInnen von der ganzen Veranstaltung versprechen.
Der gesamte Film ist gespickt mit solchen eigentümlichen Ideen und konsequent herrlich blödsinnig konzipiert.
Die deutsche Synchro trägt noch ein Quäntchen mehr Unsinn zur Unterhaltung bei:

Andrea: "Die Pension bringt keinen Gewinn, Anna. Das ist nichts für dich. Und die wenigen Gäste, die kommen, das sind größtenteils Penner oder Verbrecher."
Anna: "Mag sein. Aber das stört mich nicht."

Eine Granate ist dann noch der gialloeske Soundtrack. Ich habe mir an dieser Stelle extra die Mühe gemacht, den Text abzutippen. Nach mehrmaligem Hören kam ich auf:
"Patibida bajaiiih daiiiiiih dajata" und "Dai du dai du dai dajaj dubadai..."
Das Ganze von einer schönen Frauenstimme gesungen bzw. gehaucht und von einer Melodie begleitet, die einen beim Hören schlagartig in die Siebzigerjahre katapultiert.

Ein Film zum Lachen, zum "Sich-am-Kopf-kratzen", zum Wundern und nochmal zum Lachen.
Meine Konsumempfehlung: Am besten in guter Gesellschaft (sprich: toleranten Leuten mit Humor) zu genießen.



Samstag, 15. Februar 2014

QUELLA VILLA ACCANTO AL CIMITERO (1981)














DAS HAUS AN DER FRIEDHOFMAUER
Italien 1981
Regie: Lucio Fulci
DarstellerInnen: Catriona MacColl, Paolo Malco, Ania Pieroni, Giovanni Frezza, Carlo DeMejo, Dagmar Lassander u.a.


Inhalt
Wissenschaftler Norman zieht mit seiner Frau Lucy und seinem Sohn Bob von New York nach New Whitby in die Villa seines ehemaligen Professors, der dort offenbar seine Freundin ermordete und anschließend Selbstmord beging.
Er möchte Nachforschungen anstellen, warum der Professor sich umgebracht hat und dessen unvollendete Arbeit fortführen. Die hypernervöse Lucy ist gar nicht begeistert von dem abgelegenen alten Haus.
Besonders der verriegelte Keller versetzt sie in Angst. Die unheimlichen Ereignisse lassen nicht lange auf sich warten...


Ein Haus wie ein düsteres Gemälde



Das Grauen lauert überall...


Vor einigen Jahren schrieb einmal ein Freund, der (genauso wie ich) ein großer Verehrer dieser Filme ist:
"Lucio Fulci schenkte uns vier heilige Evangelien."

Diese Werke, die der von seiner Filmcrew als exzentrisch und cholerisch betitelte Römer Lucio Fulci in der Zeit von 1979 bis 1981 drehte, werden in Fankreisen auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch angebetet.
Von wahrscheinlich einer größeren Fraktion aber nicht verstanden, belächelt oder gar verschmäht.
"Haus an der Friedhofmauer" wird unter Splatterfans und Horror-Nerds meist als der schwächste Film der "fulcischen" Splatter-Ära (dazu gehören noch "Woodoo - Schreckensinsel der Zombies", "Ein Zombie hing am Glockenseil" und "Über dem Jenseits") bezeichnet und hat im Vergleich mit den anderen erwähnten Titeln kaum glühende Verehrer.

Einen Zugang zu Fulcis Meisterwerken und im Speziellen zu " Das Haus an der Friedhofmauer", bekommt man grundsätzlich nicht über den Kopf, sondern über das Herz. Entweder man kann sich einlassen auf die emotionale Verstrickung mit dem Film und setzt sich den Bildern ungefiltert aus oder man sucht nach den häufig zitierten "Logiklöchern" und unbeantworteten Fragen.
In beiden Fällen wird man ein beachtliches Ergebnis erzielen.

Unlängst musste ich amüsiert feststellen, dass es einem (wohl kopflastigen) Kritiker in der ofdb nicht zu blöd war, neben zahlreichen von ihm aufgedeckten "Ungereimtheiten" auch noch zu bemängeln, dass das Haus ja nicht einmal an einer Friedhofsmauer steht, ergo: sogar der Titel falsch ist.
Liebe Leute, im Originaltitel "Quella villa accanto al cimitero" ist ja auch nicht die Rede von einer Mauer...
Aber manche haben scheinbar eine Mauer vor dem Kopf, wenn es um diesen Film geht.

"Das Haus..." ist eindeutig der poetischste und mystischste Film Fulcis.
Die alte Villa neben den verfallen Grabsteinen im Nebel, die mysteriöse rothaarige Mae, die beizeiten aus dem Nichts auftaucht, um Bob telepathisch zu warnen und die sich immer wieder wie von Geisterhand öffnende Kellertüre sorgen für stimmungsvollen Grusel im Stil von gotischen Schauerromanen.

Die Geschichte wird eher langsam erzählt. Bewusst wurde in vielen Einstellungen auf scharfe Schnitte verzichtet und stattdessen Überblendungen, Unschärfen und Zooms als Stilmittel gewählt.
Besonders schön inszeniert ist zum Beispiel die Szene am Beginn der Erzählung, in der der kleine Bob vor dem alten Foto des Hauses sitzt und seiner Mutter berichtet, dass da ein Mädchen ist, das ihn vor dem bevorstehenden Umzug warnt.
Die Kamera bleibt während des Gesprächs in derselben Position. Je nachdem, wer gerade spricht, wird entweder Lucy oder Bob fokussiert und der jeweilig andere bleibt im Bild unscharf.

Es ist tatsächlich so, dass am Ende viele Fragen offen bleiben. Einzelne Handlungsstränge und so manche Dialoge laufen ins Leere. Die Mehrdeutigkeit der Geschichte lässt einigen Interpretationsspielraum zu. Gerade dies macht den besonderen Reiz von "Haus an der Friedhofmauer" aus.
Fulcis symbolische Bildsprache und subtile Andeutungen erzeugen eine traumartige Atmosphäre, die zwar von den für den Regisseur typischen derben Splatterszenen stilistisch etwas unterbrochen, aber am "schönen" Ende des Films wieder konsequent aufgenommen wird.
Was bei Dario Argento (der nie müde wurde zu betonen, in seinen Filmen seine Alpträume zu verarbeiten) als Geniestreich hingestellt und wofür er fanatisch verehrt wird, soll bei Fulci Stümperei sein?

Gesplattert wird selbstverständlich auch.
Ganz in Fulci-Manier werden Köpfe abgetrennt oder Messer von hinten mit solcher Wucht durch Schädel gejagt, dass die Klinge vorne aus dem Mund wieder austritt.
Abgetrennte Körperteile und ausgehöhlte Leichen dürfen natürlich nicht fehlen und die vom morbiden Lucio allzu gerne verwendeten Maden haben wieder ihren großen Moment. Nicht zu vergessen: viel, viel Blut.
Bis auf die adipöse Fledermaus, die sich auf dem Handrücken von Norman festbeißt, und deren Unförmigkeit wohl dem Budget geschuldet war, sind die Effekte von Meister Giannetto de Rossi (verantwortlich u.a. für die Effekte bei "Woodoo", die stylischen Zombies in "Das Leichenhaus der lebenden Toten" oder gar "High Tension") auf gewohnt hohem künstlerischen Niveau.

Besonders der ausgemergelte, kaum mehr als Mensch zu identifizierende Dr. Freudstein wirkt imposant. Er erinnert in seiner Gestalt sehr an das "Monster" in "Das Schloss des Grauens" (1963).
In Letztgenanntem treibt, vereinfacht formuliert, ebenfalls ein alter vergammelter Mann sein Unwesen in einem Keller. Es finden sich des Weiteren inhaltliche und stilistische Parallelen zu Filmen wie "Amityville" und Kubricks "Shining".
Die legendäre Szene, in der Norman versucht, seinen Sohn zu retten und diesen mit der Axt beinahe selbst schnetzelt, kommt in ähnlicher Form auch bei der "Sarg-Befreiungsszene" in "Ein Zombie hing am Glockenseil" vor. Und der Fledermaus-Angriff dürfte Fans von Fulcis herausragenden Giallo "Una lucertola con la pelle di donna" Erinnerungen an Florinda Bolkan in der Kirche wecken.
Der Soundtrack passt perfekt zur immer wieder vorherrschenden melancholischen und mystischen Grundstimmung des Films.

Am besten gefällt mir persönlich das Bild der CMV-Fassung, da die Farbgebung dort besonders intensiv ausfällt und einige Szenen beinahe aussehen, als hätte Mario Bava sie ausgeleuchtet.
Leider geht bei der deutschen Synchro inhaltlich Einiges an Substanz verloren.
Ganz misslungen ist das Ende, in dem Mary Freudstein auf Deutsch sinngemäß so einen banalen Satz wie "Jetzt sind wir alle glücklich" sagt, auf Englisch in Wahrheit aber das zukünftige Schicksal eines neuen erbarmungswürdigen Mieters ankündigt.
Während die deutsche Synchro von "Ein Zombie hing am Glockenseil" mit ihren markanten Sprüchen stellenweise zum Niederknien komisch und selbst zum Kult geworden ist ("Ich schmeiß mich mal schnell in den Wagen."), ist die Synchronisation bei "Das Haus..." leider nur mäßig gelungen.

Lucy (besorgt): "Wir finden vielleicht ein anderes Haus. Ich meine, ist es so wichtig in diesem Haus zu wohnen? Es kann doch nicht normal sein, in einem Haus zu wohnen, das eine Gruft als Fußboden hat."
Norman: "Nicht normal, aber auch nicht dramatisch. Da kommen ja keine Leichen raus."


Ein Schauer-Splatter-Märchen, das uns im besten Fall für 82 Minuten zu Traumwandlern werden lässt, im schlechtesten Fall schlichtweg frustriert.
Was gilt für euch?





Foto: LP VÖ, Astro, NoShame IT, CMV, XT Video Blu Ray, Blue Underground Blu Ray





Foto: In dieser Creepy Images Ausgabe ist der deutsche Kinoaushangsatz abgebildet




Foto: Soundtrack





Foto: CMV Soundtrack



Freitag, 14. Februar 2014

NIGHTBREED (1990)














CABAL - DIE BRUT DER NACHT
USA 1990
Regie: Clive Barker
DarstellerInnen: Craig Sheffer, Anne Bobby, David Cronenberg, Charles Haid, Doug Bradley u.a.


Inhalt
Aaron Boone hat einen immer wiederkehrenden Traum: er befindet sich darin an einem mysteriösen Ort namens Midian. Ein Ort, an dem Monster und andere Kreaturen leben.
Boone weiß, dass an diesem Ort alle Sünden vergeben werden und spürt tief in seinem Inneren, dass er genau dort hingehört. Eines Tages erfährt er von seinem Psychiater Decker, dass er für eine sadistische Mordserie verantwortlich sein soll. Boone, der sehr labil ist und sich aufgrund belastender unheimlicher und grausiger Träume schon länger in psychiatrischer Behandlung befindet, hat keine Erinnerung an die angeblich von ihm begangenen Gräueltaten. Kein Wunder - diese hat in Wahrheit Decker begangen, dem es gelingt, die Polizei zu täuschen und auf die Fährte von Boone zu setzen.
Boone gelangt auf seiner Flucht endlich ans Ziel seiner Träume. Doch er hat nicht mit Decker gerechnet, der nicht nur den Tod Boones möchte, sondern auch plant, Midian und all die dort lebenden Kreaturen, die für ihn unerträgliche Abartigkeiten der Natur sind, zu zerstören. Decker und die Polizei sind Boone dicht auf den Fersen und schließlich kommt es zum erbitterten Krieg zwischen Menschen und Monstern ...  






"Everything is true.
God's an Astronaut.
Oz is over the Rainbow,
and Midian is where the monsters live."
Peloquin


"Cabal - Die Brut der Nacht" basiert auf einer nicht einmal ganz 200 Seiten umfassenden Kurzgeschichte von Clive Barker und ist ein Film, der im Vergleich zu "Hellraiser" nur eine kleine Fangemeinde zu haben scheint. In den meisten Nachschlagewerken über Horrorfilme wird "Cabal" entweder nur stiefmütterlich behandelt oder gar nicht erst erwähnt.

Barkers zweiter Spielfilm nach "Hellraiser" ist trotz Einmischung und massiver Kürzungen seitens des Produktionsstudios Morgan Creek Productions ein episch anmutendes Werk voller morbider Ästhetik und Tiefgründigkeit.
Midian, eine Stadt unterhalb eines alten Friedhofs, mitten im Nirgendwo, ist ein Rückzugsort für die von der Gesellschaft Unerwünschten und Verbannten: Freaks, Monster, Gestaltwandler, Magier und andere Kreaturen der Nacht (The Nightbreed, The Tribes of the Moon).

Jahrhundertelang wurden sie von den Menschen geächtet, gefürchtet, verfolgt, gequält und hingerichtet.
Nun gibt es nur noch wenige von Ihnen. Sie haben sich für einen Rückzug aus der Gesellschaft entschlossen und Midian ist ihre selbstgewählte Heimat.
Sowohl der obere Teil von Midian (ein verwitterter, moosbewachsener Friedhof mit alten Gruften und halb verfallenen Grabsteinen) als auch der untere Teil der geheimnisvollen Stadt (eine Art Höhlensystem) sind bis ins Detail atemberaubend schön gestaltet.
Umso schmerzlicher ist es, ansehen zu müssen, wie Decker und die örtliche Polizei dieses friedvolle Refugium heimsuchen und es mit unglaublicher Brutalität zerstören.
Maskenbildner Bob Keen hat exzellente Arbeit geleistet. Diversen Quellen ist zu entnehmen, dass für "Cabal" an die dreihundert Monster entworfen wurden. Leider haben nicht alle künstlerisch gestalteten Kreaturen im Film Platz gefunden.

Der Regisseur David Cronenberg (u.a."Die Brut", "Die Fliege") spielt den Psychiater Boones, der außerhalb der Arbeitszeit ungeniert seiner Mordlust frönt. Er erwies sich als Top-Besetzung für die Rolle des Dr. Decker. Cronenberg strahlt nicht nur durch sein Äußeres, sondern auch durch die Intonation seiner Stimme eine intensive Bedrohlichkeit aus. Seine verbale Ausdrucksweise wirkt genauso glatt und kalt wie das Skalpell, mit dem er seine Opfer vorzugsweise tötet.

Cabal ist ein Film, der trotz der ein oder anderen Gore-Szene einen eher leisen, sanften Horror versprüht und für mich ist er schlichtweg eine Hommage an morbide Ästhetik. Die Grundstimmung wird durch den intensiven, aber unaufdringlichen Soundtrack von Danny Elfman zusätzlich verstärkt.
Für mich ist die Geschichte aufgrund der behandelten Themen besonders faszinierend. Boone verkörpert das tiefgreifende Gefühl der Einsamkeit inmitten von anderen Menschen, das Außenseitertum, die Sehnsucht nach einem Ort der Akzeptanz trotz gefühlter oder tatsächlicher Andersartigkeit.
Als der "Krieg" in Midian ausbricht, wird sichtbar, wer die vermeintlichen (die, die sich Nightbreed nennen) und wer die tatsächlichen Monster (die, die sich Menschen nennen) sind. Auf welcher Seite würdet ihr gerne kämpfen?

"Cabal" ist ein schauriges Märchen für Erwachsene, ein melancholisch-düsteres Gemälde, eine Parabel von Menschlichkeit und Unmenschlichkeit  (nicht nur im eigentlichen Sinn) und eine zynische Karikatur der sogenannten zivilisierten Gesellschaft.
Zur Ergänzung und um eine bessere Vorstellung von der Geschichte zu bekommen, empfiehlt es sich, die Romanvorlage zu lesen.

Der in den USA erschienene Cabal-Cut wurde um 45 Minuten an Film-Material ergänzt.
Aufgrund der veränderten Fassung und der Kürzung einiger bisher enthaltenen Szenen, wirkt die Geschichte um die "Tribes of the Moon" wesentlich runder und kommt der literarischen Vorlage eindeutig näher als der bisher bekannte Cut. Für Letzteren wurden auf Anweisung des Studios Morgan Creek Produktion zusätzliche Szenen gedreht und der formelle Schwerpunkt des Films mehr auf "Slasher" und "Horror" festgelegt.


"But the monsters were forever.
Part of her forbidden self.
Her dark, transforming midnight self.
She longed to be numbered among them."

aus Clive Barker's Buch "Cabal"





Foto: U.S. DVD von Warner




Foto: Die empfehlenswerte auf 10.000 Stück limitierte Box von Scream Factory




Foto: Barkers literarische Vorlage (sollte in keinem ordentlichen Haushalt fehlen)



Dienstag, 11. Februar 2014

BUCHTIPP: Dickie, John: "Cosa Nostra: Die Geschichte der Mafia"














Wer sich für die Geschichte der sizilianischen Mafia, ihre Rituale und Kodizes, den berühmten prefetto di ferro, die Antimafia oder die Verbindungen zwischen italienischer und amerikanischer Mafia interessiert, sollte dieses Buch lesen.

Der amerikanische Historiker und Journalist John Dickie beschreibt nicht nur die Anfänge und Ursprünge dieser kriminellen Organisation, sondern räumt auch mit gängigen Vorurteilen und romantisierten Vorstellungen über die Cosa Nostra auf.
Ich war der Meinung, bereits Einiges über dieses Thema zu wissen, wurde aber durch die Lektüre dieses Buches eines Besseren belehrt.
Die Mafia verstand es seit Anbeginn ihrer Existenz, sich geschickt zu präsentieren und prägte dadurch nicht nur in Italien jahrzehntelang ein falsches öffentliches Bild über diese kriminelle Vereinigung, die sowohl in ihrer Skrupellosigkeit als auch in Punkto professioneller hierarchischer Organisation die 'Ndrangheta und Camorra in den Schatten zu stellen vermag.

Dickie trägt in seinem Buch akribisch dokumentierte Aussagen von Zeitzeugen, gerichtliche Aussagen von pentiti (so werden die Mafia-Mitglieder genannt, die bei der Polizei bzw. vor Gericht aussagen) und andere Informationen zusammen und entwirft so ein plastisches Bild der Cosa Nostra.
Dabei ist ihm ein kleines Meisterstück gelungen, weil er auf abgehobene und trockene Formulierungen verzichtet und das Buch sich zu weiten Teilen wie ein spannender Kriminalroman liest.
Sein Schreibstil ist so fesselnd, dass man sich immer wieder vor Augen halten muss, dass es sich bei den Schilderungen um reale Ereignisse handelt und der Autor über fundierte geschichtliche Kenntnisse verfügt.

Ein heißer Tipp, nicht nur für Poliziottesco-Fans.

Montag, 10. Februar 2014

IL SUO NOME FACEMA TREMARE... INTERPOL IN ALLARME (1973)














LA PISTOLA - THE GUN
Frankreich, Italien 1973
Regie: Michele Lupo
DarstellerInnen: Lee van Cleef, Tony Lo Bianco, Edwige Fenech, Adolfo Lastretti, Nello Pazzafini, Romano Puppo, Fausto Tozzi u.a.


Inhalt
Nachdem einige seiner Männer von einem rivalisierenden Mafia-Clan ermordet wurden, reist der berüchtigte und gefürchtete Frankie "Dio" Diomede zwecks vendetta persönlich von Amerika nach Italien.
Doch seine Pläne werden vom gegnerischen Boss Annunziata mehr als ein Mal vereitelt und Dios Leute liegen schon bald unter der Erde oder sind auf die andere Seite übergelaufen.
Dummerweise sitzt Dio nun auch noch im Gefängnis fest.
Der Einzige, der ihn aus seiner misslichen Lage befreien möchte und durchgeknallt genug ist, den vom Thron gestoßenen Boss noch zu unterstützen, ist sein fanatischer und etwas zurückgebliebener Fan Tony.
In Ermangelung anderer Optionen greift Dio auf die Unterstützung Tonys zurück. Und so begibt sich das ungleiche Gespann auf einen Rachefeldzug...






In den ersten Szenen stellt man sich auf einen beinharten und brutalen Mafia-Film ein.
Doch spätestens mit dem Auftreten der Figur des Fanboys Tony wird man gezwungen, gedanklich innezuhalten und seine Erwartungshaltung etwas zu modifizieren.
Tony ist nämlich nicht mehr ganz jung, zieht sich lächerlich an und benimmt sich wie ein 14- jähriger Teenager, was die Verehrung seines Idols Diomede angeht.
Er spricht nicht nur ständig von dem Mafia-Boss oder versucht, ihn zu imitieren. Es ist ihm nicht einmal zu peinlich, ein riesiges Dio-Poster in seiner Küche aufzuhängen.
Auch seine "Annäherungsversuche" an sein Vorbild wirken absolut wie eine unbeholfen-kindliche Schwärmerei.
Das Ganze wird dann story-technisch noch unbegreiflicher, weil er für Dio sogar seine Freundin (gespielt von der schönsten Frau der Siebziger: Edwige Fenech) sitzen lässt.
Also wirklich! Wenn man die Fenech daheim hat, rennt man doch keinem abgehalfterten Gangsterboss nach...
Nun gut. Wenn man sich an den Charakter des Tony gewöhnt hat, macht der Film wirklich Laune.

"La Pistola" ist durchgängig unterhaltsam. Nicht nur wegen dem stoisch wirkenden Lee van Cleef  in der Rolle des Dio (der Charakter des Gangsters ist ähnlich angelegt wie in "Der Tod ritt dienstags"), sondern auch wegen seinen skurrilen Wendungen und den Auftritten unserer Genre-Helden.
Ich kann mich immer noch nicht entscheiden, ob mir Romano Puppo mit seiner Elvis Presley-Sonnenbrille im rosaroten Anzug oder Nello Pazzafini im schwarzen Netzhemd besser gefallen hat.

Der Film ist in machen Szenen etwas brutal und die ein oder andere Wendung tragisch, aber im Grunde genommen nimmt er sich selbst überhaupt nicht ernst.
Dio und Tony klauen einen Lastwagen, der mit Ölkanistern beladen ist, und versuchen so, über die italienisch-französische Grenze (Annunziata hält sich in Marseille auf) zu kommen.
Hierauf folgt eine Verfolgungsjagd, bei der immer wieder Polizisten mit ihren Autos die Straße blockieren, sich davor stellen und verzweifelt winken, um Dio zum Anhalten zu bewegen, bevor sie schließlich in letzter Minute zur Seite springen.
Die französische Polizei versucht ebenso erfolglos, das ungleiche Gespann aufzuhalten und ruft dann jedes Mal kurz vor einem Beinahe-Zusammenstoß noch "mon dieu!"
Ein paar "mon dieus" und ein in der Mitte zerteiltes Polizeiauto später kapern die Flüchtigen ein Boot und entkommen so doch noch den Fängen der Gesetzeshüter.
Das Finale in der Fischfabrik kann vom Actiongehalt her schon fast mit einem Castellari-Film mithalten.
Sehr schön ist der Soundtrack vom leider kürzlich verstorbenen Riz Ortolani, der sich so schnell einprägt, dass manche Leute (die sich an dieser Stelle auch angesprochen fühlen dürfen) meinen, ihn schon woanders gehört zu haben...

"La Pistola" ist ein ironisch-humoriger Poliziottesco, der bestimmt nicht bei allen Genre-Fans gut ankommt, mir aber wirklich viel Spaß gemacht hat.



Sonntag, 9. Februar 2014

I GUAPPI (1974)














DIE RACHE DER CAMORRA
Italien 1974
Regie: Pasquale Squitieri
DarstellerInnen: Franco Nero, Claudia Cardinale, Fabio Testi, Lina Polito, Raymond Pellegrin u.a.

Inhalt
Der Neapolitaner Nicola Bellizi zieht nach einem Aufenthalt im Zuchthaus zurück in seine Heimatstadt.
Das ärmliche Stadtviertel, in dem er ein Zimmer mietet, wird beherrscht von Camorra-Mitglied Don Gaetano. Er bestimmt über das Schicksal der Menschen, darüber wer mit wem Handel treibt, ob jemand ein Geschäft aufmacht und erteilt sogar unter Vorgabe klarer Rahmenbedingungen Rachegenehmigungen für gehörnte Ehemänner.
Zwischen Nicola und Gaetano entwickelt sich eine Freundschaft. Nicola, der im Sinn hat, Anwalt zu werden und gesetzestreu zu sein, tritt auf Empfehlung von Gaetano der Vereinigung der Camorra bei.
Dass deren Freundschaft sowie die Mitgliedschaft in den eigenen Reihen zu Problemen führen könnte und sie bald um ihr Leben fürchten müssen, ahnen die Männer zu diesem Zeitpunkt noch nicht...


Gaetano


Nicola beim Messerkampf


Der eher wenig bekannte, 1938 in Neapel geborene Pasquale Squitieri, versuchte sich nach seiner journalistischen Tätigkeit bei einer Tageszeitung als Regisseur sozialkritischer Filme.
Er erlangte nie den Erfolg seiner zur Blütezeit des italienischen Kinos zu Ruhm gekommenen Kollegen, schuf aber ein paar sehenswerte Leinwandleckerbissen.
Einen davon möchte ich euch speziell nahelegen, nämlich "Die Rache der Camorra".

Franco Nero (in der Rolle des aufstrebenden Rechtsanwalts Bellizi), Fabio Testi (als Camorra-Anhänger Don Gaetano) und Claudia Cardinale (Freundin von Gaetano) in einem Film! Sind diese klingenden Namen nicht schon Anlass genug, sich den Streifen genauer anzusehen?
Wem tönt beim Klang von Franco Neros Namen nicht die Titelmelodie von "Keoma" in den Ohren, wer denkt nicht gleich an den zornigen Nero, wie er in "Ein Bürger setzt sich zur Wehr" den Weg des Rebellen einschlägt?
Wem kommen bei Fabio Testi nicht der geniale Poliziottesco "Revolver" oder der actionreiche Exploitationer "Racket" in den Sinn?
Und wer gerät beim Anblick der großen italienischen Filmdiva Claudia Cardinale nicht ins Schwärmen?

Genau diese drei Darsteller sind es auch, von denen der Film über weite Strecken lebt. Durch ihr ausdrucksstarkes Schauspiel und ihre Leinwandpräsenz tragen sie die Handlung von einer Szene zur nächsten, ohne dass bei dem immerhin mehr als zweistündigen Historiendrama Langeweile aufkommt.

"Die Rache der Camorra" spielt um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Zu der Zeit, als sich die Camorra im südlichen Italien stärker formierte, um ihre eigenen Gesetze und Machtstrukturen als Gegenentwurf zum nicht wirksamen staatlichen Gefüge zu implementieren.
Die Menschen im ländlichen Neapel waren arm, die Kinder ständig hungrig und ohne Zukunftsperspektive.
Für sie gab es nur eine einzige Schule: das Leben. Viele begannen schon früh, sich mit kleinen Diebstählen und Trickbetrügereien über Wasser zu halten. In diesem Milieu ist auch Nicola aufgewachsen. Er möchte allerdings ausbrechen, hat lesen und schreiben gelernt und mit dem Jura-Studium begonnen. Eines Tages wird ihm bewusst, dass er es mit seiner Herkunft und seinem chronischen Geldmangel nicht so einfach schaffen wird, sein Berufsziel zu verwirklichen.
Da kommt ihm Don Gaetano mit seinen Kontakten zu den obersten Rängen der Camorra gerade recht.

Don Gaetano hält sich streng an die Vorgaben und Kodizes der Camorra. Für ihn gab es nie eine gedankliche Alternative zum Leben als Krimineller. Insgeheim bewundert er Nicola für seine ehrgeizigen Pläne.
Seine alte Feindschaft mit dem ehrgeizigen Kommissar Aiossa wird nicht nur ihm, sondern auch seiner Geliebten Lucia Esposito zum Verhängnis. Beide haben in erster Linie nur eines zu verlieren, nämlich ihre Ehre, ihr Ansehen. Und Aiossa ist bereit, alles daran zu setzen, den beiden zu schaden.

Die Handlung des Films ist etwas komplexer und melodramatischer als man es von den sonst eher actionlastigen Poliziottesci gewohnt ist.
Statt wilden Schießereien bekommt man denkwürdige, einprägsam choreographierte Szenen mit Rasiermesserkämpfen, Peitschen und Fäusten von unvergleichlicher Eleganz geboten.
Für mich ist der Film in erster Linie die Geschichte über eine Freundschaft zwischen zwei Männern und die Liebe zwischen Gaetano und Lucia. Dabei geht es primär um die ganz basalen Themen wie Treue und Verrat.
Zudem ist er ein politischer Film. Über die machtlose Regierung, die überforderten "Männer des Gesetzes" (Polizei, Richter und Anwälte) und die Strukturen der Mafia. Über die Beweggründe und Motive, die Schicksale hinter den vermeintlichen "Verbrechern", den Werdegang vom Straßenkind zum Handlanger des organisierten Verbrechens.

"Vor dem Gesetz sind alle gleich" steht an der Wand im Gerichtssaal hinter dem Sessel des Richters. Doch stimmt das wirklich? Hat ein Kind, das in diesem Milieu aufwächst, eine realistische Chance abseits des Lebens als guappo (Bandit)?
Die überaus authentische Darstellung des Lebens in Neapel ist Squitieri mehr als gelungen.
Sowohl die Drehorte als auch die übrigen Mimen und deren Kostüme wirken lebensnah. Wer einen Faible für Kostümfilme hat und sich dafür interessiert, wie die Mafia in Neapel entstanden ist sowie welche Denkmuster und gesellschaftlichen Verhältnisse Nährboden für den Ausbau der Camorra geboten haben, ist mit diesem Film bestens bedient.

In einer selten gesehenen Tiefgründigkeit bekommt man einen Blick hinter die Kulissen der onorata società (die ehrenwerte Gesellschaft, also die Mafia) und lernt die Bedeutung der omertà (das Gesetz des Schweigens) kennen.
Nach dem überaus tragischen Ende der Geschichte rund um Gaetano, Lucia und Nicola schwenkt die Kamera von der Schlussszene im Gericht und dem Gang zum Gefängnis in die (damalige) Gegenwart, sprich: in ein neapolitanisches Gefängnis zur Zeit der Siebziger Jahre.
Und man hat nach diesem Film beinahe das Gefühl, die dort inhaftierten jungen Männer zu kennen.
Es hat sich nur ihre Kleidung etwas verändert, aber mit dem neu gewonnen geschulten Blick ist klar erkennbar, was Squitieri uns damit sagen wollte.

"Die Rache der Camorra" ist ein besonders gelungener Film über die Anfänge des organisierten Verbrechens in Neapel mit drei der besten Schauspieler, die Italien in den Siebzigern zu bieten hatte, einem wiederkehrenden berührenden Score und Originalschauplätzen in Neapel.
Aufgrund der gemächlichen Erzählweise ist "Die Rache der Camorra" wohl auch bei Genrefans eher unbekannt, aber ganz bestimmt einen Blick wert.




Foto: schönes Digipack von Koch Media



Freitag, 7. Februar 2014

FANGO BOLLENTE (1975)














SAVAGE THREE
Italien 1975
Regie:Vittorio Salerno
Darsteller: Joe Dallesandro, Enrico Maria Salerno, Salvatore Borghese, Martine Brochard, Luigi Casellato ua.

Inhalt
Der verschlossene Ovidio arbeitet tagsüber in einer Computerfirma, nach Feierabend zieht er mit seinen beiden Lieblings-Arbeitskollegen um die Häuser.
Um der Monotonie des Arbeitslebens in der Freizeit etwas entgegenzusetzen, lässt sich Ovidio immer gewagtere Aktionen einfallen: von Unruhe stiften in einem voll besetzen Stadion über rasante Fahrten mit geklauten Autos bis hin zu... Mord!
Anfänglich selbst etwas entsetzt über die Tat, scheint es Ovidio und seine Kollegen erst richtig auf den Geschmack zu bringen und die Gewaltexzesse des Trios werden immer durchdachter und sadistischer.
Sie fühlen sich auf der sicheren Seite, denn die Polizei hat keine Anhaltspunkte, wer hinter den brutalen Taten stecken könnte.
Während der zuständige Kommissar bezüglich der Täterschaft im Dunkeln tappt und auf die üblichen Verdächtigen (Einwanderer, Zuhälter, Kleinkriminelle) tippt, kommt Kommissar Santagà mit seinen eigenmächtigen Ermittlungen der Wahrheit immer näher...


Keine Freunde: Santagà und Ovidio


Das mörderische Trio


"Fango Bollente" ist ein Titel, den sich Poliziottesco-LiebhaberInnen merken sollten!
Der Film aus dem Jahr 1975 wartet nicht nur durch interessante Darsteller (Enrico Maria Salerno wieder einmal in seiner Paraderolle als Kommissar und Joe Dallesandro als Bösewicht), sondern auch durch eine intelligente Geschichte und einen absolut kultverdächtigen Prog-Rock-Soundtrack auf.

"Fango Bollente" reiht sich neben Filmen wie "Die blutigen Spiele der Reichen", "Bewaffnet und gefährlich" und "I ragazzi della Roma violenta" ein in die handvoll Poliziotteschi, die sich mit der Thematik des "Thrill Kill" beschäftigen. Hierbei handelt es sich meist um Jugendliche oder junge Erwachsene aus der Mittel- oder Oberschicht, die ohne erkennbares Motiv morden.
Sie tun es mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie eine Packung Zigaretten kaufen oder sich ihre Zeit in Straßencafés vertreiben. Ohne darüber nachzudenken. Einfach, weil es möglich ist.
Vielleicht, weil ihnen das Leben ansonsten nichts Attraktives zu versprechen scheint. Genau weiß man es nicht.
Ovidio redet zwar in einer Szene davon, die Monotonie des Alltags durchbrechen zu wollen, aber eine handfeste Begründung für die grausamen Tötungen liefert keiner der drei.
Interpretationsansätze auf gesellschaftlicher Ebene werden zwar angedeutet, erscheinen aber beunruhigenderweise nicht ausreichend und zu eindimensional für ein logisches Deutungsmuster.

Die genannten Filme, die alle ungefähr im selben Zeitraum entstanden sind, waren vielleicht eine Art der kollektiven Aufarbeitung für die italienische Zivilbevölkerung. Angeblich sollen die Geschichten auf einer wahren Begebenheit beruhen.
In den 70ern fand nahe Rom eine Entführung von zwei jungen Frauen statt, die vergewaltigt und grausam getötet wurden. Die Täter waren eine Gruppe Jugendlicher aus reichem Hause, denen ihre (einfluss-) reichen Eltern schließlich zur Flucht verhalfen und die so der römischen Justiz entgehen konnten.

"Fango Bollente" ist trotz der Thematik und einiger expliziter Szenen kein oberflächliches Exploitationkino, sondern ein psychologisches Drama, das sein Erzähltempo von Szene zu Szene kontinuierlich steigert.
Besonders faszinierend sind die Dialoge zwischen Kommissar Santagà und Ovidio, der aus seiner Verachtung gegenüber der Polizei und deren Vertreter keinen Hehl macht.
Trotz Ovidios oberflächlicher Freundlichkeit strahlt er eine starke subversive Aggression aus, mit der sein Gegenüber "columboesk" spielt.
Die beiden liefern wirklich eine grandiose Show.

Familiäre Verhältnisse und Hintergründe der Protagonisten werden beleuchtet, ohne plakativ zu wirken oder Erklärungen für ihr Verhalten zu liefern.
In solchen und einigen anderen Zwischensequenzen blitzt ein charmanter Humor durch, der gekonnt platziert ist und weder ins "Comedia all'Italiana-Niveau", noch ins Trashige abdriftet.
Zum Glück, weil alles andere die beunruhigende Atmosphäre von Perspektivlosigkeit und Nihilismus unweigerlich zerstören würde.

"Fango Bollente" ist ein Film, der Seinesgleichen sucht und der seinerseits von Vielen vergeblich gesucht wird.
Im September 2011 ist diese Genreperle in Italien zwar auf DVD erschienen, jedoch um etliche Szenen gekürzt, um nicht zu sagen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt.
Wie war das nochmal mit den "Wünschen ans Universum"?
Also liebe Leserinnen und Leser...
Schließt jetzt bitte die Augen und wünscht euch ganz fest eine hübsche DVD von einem deutschen Label oder zumindest irgendeine VÖ mit italienischer Tonspur und englischen Untertiteln.
Gemeinsam können wir es schaffen!




Foto: DVD von 01 Distribution




Foto: Eintrittskarte für "Fango Bollente" beim dritten Terza Visione Festival