Geisterdorf

Geisterdorf
Italien März 17

Montag, 16. Oktober 2017

BUIO OMEGA (1979)















SADO – STOSS DAS TOR ZUR HÖLLE AUF

Italien 1979
Regie: Joe D'Amato

DarstellerInnen: Kieran Canter, Cinzia Monreale, Franca Stoppi, Sam Modesto, Anna Cardini u.a.

Inhalt:
Frank ist untröstlich über das frühe Ableben seiner Verlobten Anna. Er kann und will sich damit nicht abfinden. Als Tierpräparator weiß er genau, was er zu tun hat, als er Annas Leichnam aus ihrem Sarg zu sich in die Werkstatt holt...Wer ihm fortan in die Quere kommt und seinen Hausfrieden mit Anna (die er in einem Doppelbett drapiert) stört, wird gekillt. Vornehmlich junge Frauen, die ihm zu nahe treten. Bei der Beseitigung der Leichen wird er tatkräftig von seinem ehemaligen Kindermädchen, der Haushälterin Iris, unterstützt. Wie lange kann er sein perverses Doppelleben geheim halten?


Iris und Frank - eine schwierige Beziehung


Kurzer Schwächeanfall neben dem Säurebad


Unterhalten sich zwei Filmfans (die lieber anonym bleiben wollen) nach der x-ten Sichtung von "Buio Omega"

"Ich überlege noch, wie ich meinen Zugang zu dem Film definiere. Ich meine, er ist weder lustig, noch unheimlich oder gar tiefsinnig..."
"Ja, er ist ein reiner Exploitationfilm."
"Das sehe ich auch so. Aber warum sieht man sich so einen Film an? Wie erklärt man das Jemandem?"
"Ich weiß, was du meinst. Klar, wenn sich Jugendliche sowas ansehen, kann man das noch besser verstehen. Aber dass zwei Erwachsene sich diesen Film ansehen... Hmmmm..."


"Sado – Stoß das Tor zur Hölle auf" ist ein Remake des Films  "Das dritte Auge" (1966) mit Franco Nero und Erika Blanc in den Hauptrollen. "Sado" erzählt im Wesentlichen die selbe makabere, sexuell konnotierte Dreiecksgeschichte zwischen einem jungen wohlhabenden Mann, seiner ihm hörigen Haushälterin und dem Objekt seiner sexuellen Begierde – die Leiche seiner Verlobten.
Während sich Regisseur Mino Guerrini 1966 etwas mehr auf die Geschichte und die psychische Konstitution des Frauenmörders konzentrierte, entschied sich unser allseits beliebter sagenhaft unverschämter Schmuddelregisseur Joe D'Amato dreizehn Jahre später, die Schauwerte (sprich: die ekelerregenden Effekte) in den Mittelpunkt des Geschehens zu rücken. Und damit wurde bei diesem Film nicht gegeizt. Gerüchten zufolge hat der in Deutschland bis zum heutigen Tag beschlagnahmte Film damals sogar die italienische Justiz beschäftigt. D'Amato wurde vorgeworfen, für die Ofen-Szene eine echte Leiche verwendet zu haben...

Das Drehbuch von "Buio Omega" wurde von niemand Geringerem als Giacomo Guerrini verfasst. Ob sich sein Vater Mino je zu dem daraus entstandenen Machwerk äußerte, ist nicht bekannt.
Er hat sich in einigen wesentlichen Szenen sehr an der väterlichen Vorlage orientiert, manche Einstellungen wurden sogar eins zu eins übernommen.
Jedenfalls haben es der Regisseur-Filius Guerrini und D'Amato verstanden, eine an sich spannungsarme Geschichte durch die Aneinanderreihung einiger Szenen mit menschlichen Innereien, Leichen, Sex, Kannibalismus, Nekrophilie und manchen besonders "kreativen" Arten der Leichenbeseitigung (Zerstückelung und Säurebad) aufzumotzen. Die Kamera hält wirklich auf Alles unerbittlich drauf.

Doch die Perversitäten und Situationen, in denen man sich so richtig unbehaglich fühlt, sind nicht nur die, in denen tief mit dem Skalpell durch totes Fleisch geschnitten oder im Innereien-Eimer gewühlt wird. Neben expliziten Spezialeffekten bietet auch die eindeutig ungesunde Beziehung zwischen Frank und der Hausangestellten so Einiges an Verstörungspotential. Manche gehen sogar so weit zu behaupten, dass die Tisch-Szene, in der Iris Frank tief in die Augen schaut während sie ihm Einblick in ihre Mundhöhle bietet, wo sie ein undefinierbares braunes Fleischgericht von matschiger Konsistenz zermalmt, der härteste Ekel-Effekt im Film ist.

Die Beziehung zwischen der Hausangestellten und dem Tier-Präparator hat außerdem einen unangenehmen inzestuösen Beigeschmack. Nicht nur, weil Iris sein ehemaliges Kindermädchen ist und seiner Mutter am Sterbebett versprochen hat, sich "für immer" (!) um ihn zu kümmern.
Nein, sie verhält sich ihm gegenüber auch wie eine Mutter. Ihre Liebe ist bedingungslos. Sie umsorgt ihn, lügt für ihn, erledigt seine Drecksarbeit und überlässt ihm zum Trost schon mal die (mütterliche) Brustwarze zum Saugen. Das alles tut sie, ohne Dank und Anerkennung zu erwarten.
Er hingegen versucht zu rebellieren und sich wie ein Teenager gegen die übermächtige Mutterfigur aufzulehnen. Frank verhält sich ablehnend und verletzend, stößt Iris verbal von sich und ist/bleibt dennoch in (emotionaler) Abhängigkeit zu ihr.

Der stimmungsvolle Soundtrack des Films gehört mit zum Besten, was je von der italienischen Prog-Rock Band Goblin produziert wurde. Er wechselt zwischen treibenden Synthie und E-Gitarre Kompositionen, düsteren Orgelklängen und melancholiegeschwängerter Klavier-Melodie.
In einem erstaunlich großen Ausmaß profitiert der Film von der sich abwechselnden Tristesse und Energie der Musik und natürlich auch den Schauplätzen im Südtirol. Warum auch immer die Charaktere mit Autokennzeichen österreichischer Bundesländer herumfahren, der Schauplatz von "Buio Omega" ist die malerische Berglandschaft und Natur Brixens. (Location Fotos demnächst)
Jeder weiß, wie trügerisch eine ländliche Idylle sein kann und dass sich in ruralen, weniger dicht besiedelten Gebieten häufig die abartigsten Verbrechen abspielen. Dieser Teil des Plots ist neben der grandiosen charismatischen Franca Stoppi in der Rolle der Iris dann auch schon das Glaubwürdigste an dem ganzen herrlichen Schundwerk.

"Sado" zelebriert für sein Publikum eine Orgie des schlechten Geschmacks.
Zwar sind die Effekte im Vergleich zu heutigen Exploitationfilmen schlechter, doch vermochte dieser Film seinen Fans im Jahr 1979 und den VideothekenbesucherInnen der 80er Jahre eine Grenzerfahrung der besonderen Art zu bescheren und ihn im Lauf der Jahre (nicht zuletzt wegen seiner Zensur Geschichte bei unseren deutschen Nachbarn) zu einer kleinen Genre-Legende zu stilisieren.
Korrekten Menschen mit Buchhalterseele und selbstgefälligen Moral-Aposteln (soll es ja nicht nur bei der BPjM geben) bietet der Film sicherlich auch heute noch ausreichend Anlass, sich (künstlich) aufzuregen.
Und ja, mir bereitet "Buio Omega" immer noch diabolisches Vergnügen.




Foto: Astro, CMV Glasbox, Shriek Show, XT Hartbox und unten XT Mediabook





Foto: OST (Vinyl)




Sonntag, 1. Oktober 2017

THE VVITCH - A NEW-ENGLAND FOLKTALE (2015)















THE WITCH
Brasilien, GB, Kanada, USA 2015
Regie: Robert Eggers

DarstellerInnen: Anya Taylor-Joy, Ralph Ineson, Kate Dickie, Harvey Scrimshaw, Ellie Grainger, Lucas Dawson u.a.

Inhalt:
Neu-England in den 1630er Jahren. Eine siebenköpfige Familie versucht ihr Glück als Selbstversorger in der kargen Wildnis. Von der Gemeinde, in der sie vorher lebten, verstoßen, widmen sie sich tagein tagaus ihren Gebeten und den strengen christlichen Regeln und Geboten, die sie zu ihrem Lebensmittelpunkt gemacht haben. Als das jüngste Familienmitglied, Baby Samuel, spurlos verschwindet und sich unheilvolle Zeichen und Vorkommnisse häufen, beginnen die Familienbande zu bröckeln...


Thomasin (Anya Taylor-Joy)


Die Familie beim (letzten) Abendmahl


"The Witch" ist einer dieser Filme, bei dem es sich definitiv gelohnt hat, ihm noch eine zweite Chance zu geben. Die erste Sichtung stand unter keinem guten Stern. Als wir umgeben von einer Horde ganz laut mit offenem Mund Popcorn schmatzender Pubertierender (keine Übertreibung - so etwas habe ich davor noch nie und danach nie wieder gehört) in einem Würzburger Kino saßen, versuchte ich mir einzureden, dass die Geräuschkulisse im Saal doch wunderbar zu der Stall-Atmosphäre des Films passt. Es wollte mir leider nicht so richtig gelingen. Das andere Problem, neben der in meinen Ohren unangenehm klingenden deutschen Synchronisation, war die auf Wohnzimmerlautstärke eingestellte Soundanlage. Alles in allem wurde uns an diesem Abend kein erfreuliches Kino-Erlebnis zuteil. "The Witch" hat nicht gezündet und ich verlor das Werk wieder aus den Augen. Vorerst.
Als Robert Zion dann vor Kurzem auf seinem Blog zu dem Fazit kam, dieser Film sei "ein spätes, aber großes Meisterwerk des Genres", wollte ich es nochmal wissen...


Karge Landschaft, lebensfeindliche Natur


"The Witch" ist trotz oder vielleicht gerade wegen seiner fast kammerspielartigen räumlichen Enge von verstörender Intensität. Er erinnert mich an Lars von Triers "Antichrist" - lebensfeindliche Natur, Abgeschiedenheit von der Gesellschaft, Hexen, durch und durch pessimistisch und düster.
Die unwirtliche Landschaft, in der nichts gedeiht außer Missgunst und Hass in den Seelen der Familienmitglieder, wirkt bedrückend karg. Der einzige fruchtbare Acker sind die Herzen der bigotten Sippschaft, auf die der Same des Aberglaubens fällt und gedeiht.
Die Beschaffenheit der Natur wirkt wie ein Sinnbild der Selbstkasteiung, die diese puritanische Familie im Namen ihres Gottes, Jehova, betreibt.
Freude ist Sünde und das Leben voller Entbehrungen der einzige Schlüssel zum Paradies.
Die dunkle Poesie von "The Witch", verstärkt durch ikonische Bilder und surreale Bewegungen - manche Sequenzen wurden mit einer höheren als der normalerweise verwendeten Bildfrequenz aufgenommen - wird durch den teils dissonanten, jedenfalls Nerven zehrenden Soundtrack akkurat betont.
Die dezente Farbkomposition des Films lässt das spärlich, doch effektiv eingesetzte Rot (die Kapuze der Hexe und natürlich das Blut) umso kontrastreicher und intensiver erscheinen.

Trotz einiger schauriger (Gewalt-) Szenen ist das immanente Grauen des Films subtiler Natur. Nicht erst seit "Carrie" wissen Horrorfilmregisseure um die finstere Aura und die Gefährlichkeit von religiösen FanatikerInnen. (Leider auch ein brandaktuelles Thema in der heutigen Zeit.)
Das hervorragende Schauspiel der jungen Anya Taylor-Joy (Thomasin) und die Gänsehaut erzeugende "Besessenheitsszene" von Harvey Crimshaw (Caleb) sind wirklich ganz großes Kino. Ralph Ineson (Vater William) mit seiner unheimlichen Bass-Stimme und seinen markanten Gesichtszügen überzeugt ebenso wie Kate Dickie (Mutter Katherine) durch zurückhaltendes und an den notwendigen Stellen temperamentvolles Schauspiel.

Das Ende provoziert sein Publikum regelrecht zu divergierenden Interpretationen und es finden sich unterschiedliche Deutungsvarianten der Geschichte. Eine Form von Erzählkunst, die meist nur abseits der Straßen des Mainstreamkinos auf kleinen, verschlungenen Pfaden von Genreproduktionen zu finden ist.
Ich halte den Vergleich mit dem von mir sehr verehrten Werk Brunello Rondis "Il demonio" (1963) für angebracht. Worüber "The Witch" vor dem Abspann informiert, steht bei "Il demonio" am Beginn - eine Texttafel über die recherchierten tatsächlichen Grundlagen des im Film skizzierten Aberglaubens der Bevölkerung.
In beiden Werken geht es um eine Frau, die in einem streng katholischen, jedoch zutiefst abergläubischen Umfeld der Hexerei verdächtigt wird. Und in beiden Fällen gibt es am Ende keine geradlinige Erklärung für gewisse Phänomene - was ist Einbildung, hervorgerufen durch fanatische Glaubensdoktrin und daraus resultierende Hysterie? Was ist tatsächlich (nicht) rational erklärbar?

"The Witch" ist sowohl als Genrefilm als auch als Spiegel einer paranoiden Gesellschaft voller Doppelmoral und alptraumhaftes Zerrbild eines (vermeintlich) idyllischen Familienlebens zu sehen.
Ein Film, der mehr illustriert, als es auf den ersten Blick den Anschein macht und ohne Frage geschmackstechnisch ein gewisses Spaltungspotential innerhalb der Horrorfilmcommunity besitzt.




Foto: Blu Ray von Universal



Sonntag, 24. September 2017

SPECIAL: ARGENTO DOUBLE FEATURE IM ZEBRA KINO


Moonlight Madness: Dario Argento
Samstag, 23. September "Opera" und "Suspiria"







Das Zebra Kino in Konstanz ist ein kleines und super-gemütliches kommunales Kino mit ausgewähltem Programm abseits der großen Blockbuster, das sich offenbar ganz seinem Motto "Andere Filme anders zeigen" verschrieben hat.
Dieses Lichtspielhaus verbindet nicht nur herrlich nostalgisches Ambiente mit modernster Technik (4k Projektor, 7.1. Sourround Sound), sondern hält auch seinen alten 35mm Projektor noch betriebsbereit.




Dies und der Enthusiasmus der Betreiber, zwei Argento Filme hintereinander abseits einer Metropolregion am idyllischen Bodensee zu zeigen, muss natürlich unterstützt werden.
Außer uns taten dies auch grob geschätzt zwanzig andere BesucherInnen, von denen der Großteil den Anschein machte, zum ersten Mal in Berührung mit Werken Dario Argentos gekommen zu sein.
Das Zebrakino Team hatte sich sogar die Mühe gemacht, Plakate im Gang aufzuhängen, Flyer zu drucken und vor den Filmen draußen im Barbereich eine Goblin CD einzulegen.







Nach ein paar einleitenden Worten ging es um 21 Uhr los mit "OPERA" (OT mit UT, DCP)
Im Gegensatz zur letzten Sichtung dieses Films auf dem 2. Terza Visione Festival im KommKino (35mm Projektion, aber cut) offenbarten sich mir dieses Mal sehr deutlich die Qualitäten dieses Films. Die unglaublich ästhetischen und kreativen (schwindelerregenden) Kamerafahrten und die durch die Schnitttechnik rasante und auf das Wesentliche reduzierte Erzählung sind für die Kinoleinwand prädestiniert.
Die Extravaganz und sympathische Verdrehtheit Argentos spiegelt sich in allen seinen ProtagonistInnen (besonders natürlich in der Rolle des Theaterregisseurs) und gipfelt in einem würdigen Gesamtbild mit stimmigen Ende. Mir ist klar, das gerade Letzteres umstritten und starker Kritik ausgesetzt ist, aber ich empfinde das Finale hinsichtlich der Entwicklung der Charaktere als absolut konsequent.

Nach einer kurzen Pause folgte ein kleiner fachlicher Input mit Infos über Argentos Inspirationen für die Bildsprache und Farben des Films als Einstimmung und eine Verlosung von Blu Rays und Comics.

"SUSPIRIA" (OT, 2k DCP) sollte man nach Möglichkeit zumindest ein Mal auf der großen Leinwand gesehen haben, um ihn mit all seiner Wucht erleben zu können.
Die Genialität der Bildsprache, die Märchenhaftigkeit der Geschichte und die visuellen und inhaltlich vielschichtigen Ebenen zeigen sich im Kino von ihrer wahren Schönheit und Bandbreite.
Obwohl mir der Zugang zu diesem Werk Argentos aus Gründen, auf die ich an dieser Stelle nicht näher eingehen will, nach wie vor etwas schwerer fällt, hat diese Vorstellung die Tür zu meinem Herzen ein klein wenig weiter aufgestoßen und mich Manches klarer sehen lassen.
Auch wenn er nie (wie "Phenomena") zu meinen absoluten Favoriten gehören wird - den Status, den "Suspiria" bei Kritikern und Fans hat, kann ich sehr gut nachvollziehen.
Das Publikum, das im Saal hinter uns saß, würde dem vermutlich eher weniger zustimmen.
Bei fortschreitender Handlung wurden einige Gäste zunehmend unruhig (es war wiederholt lautes, ungeduldiges Schnaufen vernehmbar) und unnötige stupide Zwischen-Kommentare (Zitat: "Kunstblut!?!" oder "Ich habe Visionen von Schneewittchen und den sieben Zwergen") in den Raum geworfen.
Ich musste über die Reaktionen schmunzeln und habe mich gefragt, mit welcher Erwartungshaltung das zum Teil völlig unvorbereitete Publikum sich auf dieses Double Feature eingelassen hat. Zum Glück verstummten diese Stimmen (auch durch den angenehm lauten vollen Sound Einsatz des Films) jedes Mal rasch und die Stimmung kippte erfreulicherweise auch nicht auf das Niveau einer Kindergarten-Party wie damals beim Lucio Fulci Double Feature ("Woodoo" und "Ein Zombie hing am Glockenseil") im Innsbrucker Leokino.
Mein Gefährte hat sich über die Kommentare ziemlich aufgeregt und ich gebe zu, dass ich etwas schadenfroh war, da er nur wenige Tage zuvor bei "Poltergeist" in unserem Heimkino zwei Mal lautstark gegähnt hat.
Wie war das nochmal mit dem Karma?

Obwohl ich nach wie vor etwas berauscht von Argentos bildgewaltigen Traum(a)-Visionen am Steuer saß, wurden wir bei der nächtlichen Alkohol- und Drogenkontrolle von der Schweizer Polizei ohne Bedenken durchgewunken und kamen gegen 3 Uhr morgens in bester Laune zuhause an.

Alles in Allem hat sich die Fahrt für uns mehr als gelohnt. Ich habe bereits mehrfach gesehene Filme (passend zum Kino Motto) "anders gesehen" - nicht nur auf technischer Ebene. Ich bin zum ersten Mal nicht weggedöst bei den Atemgeräuschen von Elena Markos und wir hatten das Vergnügen, in der ersten Reihe zu sitzen.
Das Programm des Genre-Filmfestivals "Shivers" (für November im Zebrakino angekündigt) werden wir wohl im Auge behalten...




Samstag, 23. September 2017

POLTERGEIST (1982)















POLTERGEIST


USA 1982
Regie: Tobe Hooper

DarstellerInnen: JoBeth Williams, Craig T. Nelson, Heather O'Rourke, Dominique Dunne, Oliver Robbins, Beatrice Straight, Zelda Rubinstein, Richard Lawson, James Karen u.a.


Inhalt:
Familie Freeling entdeckt, dass es in ihrem Haus spukt. Nach ersten, eher harmlosen Phänomenen wie von selbst zerspringende Gläser, sich selbständig bewegendes Mobiliar und dergleichen, verschwindet die fünf Jahre alte Freeling-Tochter Carol Anne in einer dramatischen Nacht spurlos. Sie scheint sich in einer Art Zwischenwelt zu befinden und die einzige Möglichkeit der Kommunikation mit ihr ist über den Fernseher. Steven und Diane Freeling holen Hilfe bei einer Parapsychologin. Wird sie Carol Anne aus der Geisterwelt befreien können?


Carol Anne beim "ersten Kontakt"


Tangina gibt den Freelings Anweisungen


Als ich erfuhr, dass Tobe Hooper Ende August von uns gegangen ist, war ich bestürzt. Dieser Regisseur war der Horror-Geschichtenerzähler meiner Kindheit und hat sich mit "Poltergeist" und dem von mir verehrten Fernsehfilm "Brennen muss Salem" für immer einen Platz in meinem Herzen gesichert.
"The Texas Chainsaw Massacre" habe ich erst in etwas fortgeschrittenerem Alter gesehen und er ist natürlich unbestritten ein strahlender Stern am Horrorfilm-Firmament.
Auf die Frage, wie groß Hoopers und wie groß Steven Spielbergs (offiziell der Produzent) Einfluss auf "Poltergeist" war, ranken sich viele Gerüchte. Nicht wenige (selbsternannte) Experten und diverse altkluge Wichtigtuer aus der allwissenden Internet-Community behaupten, eindeutig ausschließlich "die Handschrift Spielbergs" zu erkennen. Die, die es definitiv wissen müssen oder könnten, machen hierzu widersprüchliche Angaben.
Taucht man etwas tiefer in die Materie ein (empfehlenswerte Lektüre hierzu: "Der Zombie" Nr. 18), kommt man zu der Schlussfolgerung, dass es ein unbestreitbares Faktum gibt: "Poltergeist" wäre in der vorliegenden Form ohne die Mitwirkung von Tobe Hooper nicht zustande gekommen.

"Poltergeist" besitzt neben sehr guten Effekten (die Oscar Jury sah es wohl auch so), einem großartigen Soundtrack von Hollywoods Meister-Komponisten Jerry Goldsmith (lieferte u.a. den OST für "Das Omen") und absolut professionell agierenden sympathischen DarstellerInnen etwas, das man in vergleichbaren Produktionen neueren Datums vergeblich sucht: eine nachvollziehbare Geschichte. Eine Mythologie, die der Handlung zugrunde liegt.
Dieser Film hat eine Seele. Genau darum geht es auch in der Geschichte – um verlorene Seelen auf der Suche nach dem erlösenden Licht.
Allein gelassen im Sog einer finsteren Plot-Stupidität fühle ich mich manchmal ebenfalls wie auf der Suche nach dem erlösenden Licht, wenn ich in einem dunklen Kinosaal sitze, die vorhersehbaren Jumpscares über mich ergehen lasse und am Ende feststellen muss, dass der Film handwerklich zwar gut gemacht ist, aber zugunsten von Futter für das horroraffine Auge (und leider auch die Ohren) gänzlich auf ein erzählerisches Fundament verzichtet.
Durch seine gefühlvolle Charakterzeichnung und das durchdachte Story-Konstrukt, das dem Drehbuch zugrunde liegt und sein Publikum zum Mitdenken – und Mitfühlen einlädt, hebt sich "Poltergeist" deutlich von anderen Genre-Produktionen (seiner Zeit) ab.
Mithilfe fundierter Recherche auf dem Gebiet der Parapsychologie werden die Geschehnisse in und um das Haus der Familie Freeling dem Publikum nahe gebracht. (Natürlich gibt es auch in diesem Film Logiklöcher, aber wir haben es hier ja auch mit einem Horrorfilm zu tun.)
Auf der psychologischen Ebene geht es im Wesentlichen um den Verlust der Sicherheit. Die eigenen Vier Wände, der persönliche Ort des Rückzugs, sind die Wurzel allen Übels.
Die bemitleidenswerte Familie kann trotz geisterhaftem Psychoterror nicht von diesem Ort flüchten, denn irgendein fremdes Wesen hat die kleine Carol Anne als Geisel genommen und hält sie in einer Art Zwischenwelt im Haus fest. Die Freelings sind eine solch sympathische amerikanische Mittelstandsfamilie, dass einem ihr Schicksal einfach nicht egal sein kann. Neben Heather O' Rourke, JoBeth Williams und Craig T. Nelson war Zelda Rubinstein ( "Tangina", die man unbedingt in O-Ton erleben muss) ein Casting-Glücksgriff.

Für mich ist und bleibt "Poltergeist" Teil meines (cineastischen) Lebens. "Poltergeist" und "Poltergeist 2" zählen zu den ersten Horrorfilmen, die ich im Grundschulalter gesehen habe und die mich auch Jahrzehnte später noch immer faszinieren.
Ich konnte "Poltergeist" schon in jungen Jahren auswendig, da ich ihn mir immer und immer wieder ansah. Manchmal mit meinem Opa, manchmal in Gesellschaft anderer (neugieriger) Kinder, oft auch allein.
Ich handelte mir Ärger mit meiner Tante ein, weil meine nur wenig jüngere Cousine davon schlimme Alpträume bekam und einige Zeit nur noch bei Licht schlafen konnte.
Ich handelte mir irritierte Blicke ein, weil ich im EDV Raum unserer Schule (in den Anfangs-Tagen des Internets) ständig auf dieser Geocities-Poltergeist-Fanpage verweilte, wo man etwas über den (angeblichen) Poltergeist-Fluch und paranormale Aktivitäten am Set sowie Interviews mit den SchauspielerInnen lesen konnte. Außerdem gab es dort Fotos vom Set und Zeichnungen von H.R. Giger zu Teil 2 zu bestaunen. Ich bestand den auf der Homepage eingebauten Test, ob man ein echter Poltergeist-Nerd ist, stolz mit der Höchstpunktezahl. Dazu musste man zum Beispiel wissen, dass der Hund der Freelings "E Buzz" heißt und diverse andere Fragen beantworten können.
Als eine liebe Freundin Ende der 90er Jahre nach Amerika flog, hatte ich nur eine Bitte an sie: dass sie mir aus Übersee den Poltergeist Soundtrack mitbringt. (Dieselbe verständnisvolle Freundin hat sich auch vor gut 15 Jahren in einem Londoner Hotel eine halbe Nacht lang einen Beinahe-Monolog über Zombiefilme angehört und wir sind heute noch befreundet.)
Überglücklich nahm ich damals die Poltergeist-CD und einen kleinen niedlichen Gargoyle als Bonusgeschenk in Empfang. Allerdings handelte ich mir Ärger mit meinem damaligen Freund ein, der an den Poltergeist-Fluch, von dem ich ihm erzählt hatte, glaubte und der "dieses schreckliche verfluchte Zeug" (gemeint war der OST) nicht in der Wohnung haben wollte. Da hat das Anhören doch gleich noch mehr Spaß gemacht!
Ich sammelte midi-Dateien (das war noch, bevor es das mp3 Format gab) mit Musik aus dem Film (es klang schrecklich) und seit meinem ersten Handy, bei dem es technisch möglich war, habe ich Carol Annes berühmte Ankündigung "They are he-ere" als SMS Ton.
Noch heute warte ich, wenn ich die amerikanische Nationalhymne höre, auf das (vertraute) Rauschen, das das Ende des Fernsehprogramms signalisiert.
Noch heute kommen mir gegenüber Gleichgesinnten manchmal Zitate aus dem Film über die Lippen. Ab und zu singe ich in heiteren Minuten im Reverend Kane-Stil "God is in his holy temple. Earthly thoughts be silent now..." oder mache eine Grimasse, deute auf meine Schläfe und sage "Because I'm smart." Manchmal gebe ich auch "Run to the light, run as fast as you can", "I am adressing the living!“ und "This house is clean." zum Besten.

Irgendein Teil meiner Seele ist immer das kleine Mädchen geblieben, das sich im "Poltergeist-Universum" auf merkwürdige Art zuhause fühlt.
Für die Aufzählung der DarstellerInnen in diesem Post musste ich selbstverständlich nirgendwo nachlesen.
Mein Pseudonym ist Mauritia. Ich bin Poltergeist-oholikerin.




Foto: DVD und BD von Warner




Foto: Mein OST






Freitag, 15. September 2017

SETTE PISTOLE PER UN MASSACRO (1967)














ADIÒS, HOMBRE (Alternativtitel)
DAS TODESLIED VON LARAMIE
EINEN WHISKEY ALS KOPFGELD (Fernsehtitel)

Italien 1967
Regie: Mario Caiano
DarstellerInnen: Craig Hill, Giulia Rubini, Piero Lulli, Eduardo Fajardo, Nazzareno Zamperla, Jacques Herlin, Nello Pazzafini, Eleonora Vargas u.a.

Inhalt:
Will Flaherty kehrt nach zehn Jahren Gefängnis zu seiner Peggy, einer selbstbewussten Barbesitzerin, zurück. Die Wiedersehensfreude ist etwas getrübt, denn Will hat seine Strafe noch nicht ganz abgesessen. Er ist ausgebrochen und plant, seine Unschuld zu beweisen. Was für eine göttliche Fügung, dass just eine Verbrecherbande das Dorf okkupiert, die BewohnerInnen als Geiseln nimmt und auf die Ankunft einer Postkutsche wartet. Einer der Schurken hat Will nämlich damals mit seiner falschen Zeugenaussage hinter Gitter gebracht...


Charismatisch: Craig Hill


Die vampireske Rubini und der böse Fajardo


Die Geschichte von "Das Todeslied von Laramie" ist, gemessen an anderen Italowestern, eher simpel und die Charaktere, sogar die Figur des "Helden" Will (Craig Hill), etwas eindimensional. Der gute Will bekleckert sich zunächst auch nicht gerade mit Ruhm – während die Verbrecher unschuldige BürgerInnen im Saloon terrorisieren versteckt er sich auf dem Dachboden.
Doch als er mitanhört wie Peggy von Oberschurke Tiny (großartig: Eduardo Fajardo) bedrängt wird, gibt es für ihn kein Halten mehr. Zumindest so lange bis er von der Bande überwältigt, brutal verprügelt und gefangen genommen wird. Einen beträchtlichen Teil der weiteren Filmlaufzeit muss er dann gefesselt im Stall verbringen während die Ladies im Saloon bei einer Schlägerei mit der bösen Bande so richtig die Sau rauslassen.

Die wahren Helden in das "Todeslied von Laramie" sind (etwas Western-untypisch) nämlich Heldinnen. Da wäre einerseits Peggy (Giulia Rubini). Ihr gehört der Saloon, in dem sich ein Großteil der Handlung abspielt. Nicht nur pro forma, sie hat hier tatsächlich das Sagen.
Sie lässt sich von den Bösewichten nicht einschüchtern und auch von ihrem über Will lästernden Bruder nicht aus dem Gleichgewicht bringen. Peggy ist es auch, die die Cancan Ladies für ihren Befreiungsplan engagiert.
Rubini, die zuvor schon in einigen Italowestern mitspielte, hat in diesem Film ein besonders markantes Make Up. Mit ihren krass definierten Augenbrauen, dunklen Haaren und der extrem blassen Haut sieht sie aus, als käme sie gerade direkt vom Set eines Vampirfilms aus dem Hause Hammer. Vielleicht hatte sie aber auch nur denselben Maskenbildner wie Mark Damon...
Die Cancan Tanzgruppe, die einen Zwischenstopp im Saloon macht, will den Terror der Bande ebenfalls nicht widerstandslos akzeptieren und unterstützt Peggy tat- und schlagkräftig bei ihrem Plan, Will aus dem Stall zu befreien. Die Frauen zetteln eine Saloon Schlägerei an, bei der sie nicht nur die anwesenden Männer geschickt gegeneinander aufbringen, sondern auch selbst kräftig mitmischen. Und sie haben sichtlich Spaß dabei. Dabei gibt es Füße in hochhackigen Stiefeln ins Gesicht, Flaschen über den Kopf und so kräftige Faustschläge, dass sogar der riesige Nello Pazzafini sich auf dem Absatz dreht.
Das Ganze ist kein heilloses Durcheinander, sondern hervorragend inszeniert. Da sitzen nicht nur die Fausthiebe.


Die Schurken (links: Lulli in Leder)


Neben Rubini, den Cancan-Ladies und dem charismatischen Craig Hill, dessen Rolle leider ein wenig blass ist, stapft ein grummeliger und fieser Piero Lulli in stylischer schwarzer Lederjacke durch die Kulissen. Wer schon mehr als einen Italowestern gesehen hat, sollte mit dem rothaarigen Paradeschurken vertraut sein.

Der einprägsame, leicht melancholische Soundtrack, starke Frauen mit besonderem Make Up und charismatische Darsteller wie Craig Hill, Piero Lulli und Eduardo Fajardo entschädigen für die recht fantasielose Geschichte und die wenig differenziert dargestellten ProtagonistInnen.
Zumindest Fans des Genres dürfte dieser schnuckelige Italowestern Vergnügen bereiten.




Trailer zum Film (aus dem Archiv von Italo-Cinema)



Sonntag, 10. September 2017

BURNT OFFERINGS (1976)


LANDHAUS DER TOTEN SEELEN

Italien, USA 1976
Regie: Dan Curtis
DarstellerInnen: Karen Black, Oliver Reed, Burgess Meredith, Eileen Heckart, Lee Montgomery, Dub Taylor, Bette Davis, Anthony James u.a.


Inhalt:
Marian und Ben Rolf wähnen sich im Urlaubsglück – um nur 900 Dollar dürfen sie die wunderschöne Villa des verschrobenen älteren Geschwisterpaars Allardyce mieten. Für den ganzen Sommer versteht sich. Die Allardyces wirken zwar etwas sonderbar, aber sie sind ja in der Zeit nicht da. Nur ihre 90 Jahre alte Mutter und die soll angeblich sehr pflegeleicht sein. Sie verlässt ihr Zimmer nie und ist zufrieden, wenn man ihr jeden Tag eine warme Mahlzeit hinstellt. Kein Problem für Marian. Mit Bens's Tante Elizabeth und dem Rolfschen Sohnemann Davey macht es sich das Ehepaar Rolf in der ländlichen Gegend gemütlich. Es wäre ein perfekter Sommer, würde das Haus nicht ein seltsames Eigenleben entwickeln und es immer häufiger zu Konflikten, Gewalt und diversen unliebsamen Zwischenfällen kommen...


Sonderbar: das Geschwisterpaar Allardyce


Schlechte Stimmung bei den Rolfs


Dieser hervorragende Haunted House Film, der auf einer Geschichte von Robert Marasco beruht, fristet sein Dasein nach wie vor in einer dunklen, verstaubten Ecke des Horror-Subgenres. Im Gegensatz zu dem kommerziell wesentlich erfolgreicheren "Amityville Horror", dessen Horror sich mir ehrlich gesagt nie ganz erschlossen hat, beruht diese Geschichte nicht auf simpler Effekthascherei.
Die Atmosphäre basiert ganz wesentlich auf dem, was in bzw. mit der Familie Rolf geschieht: Die mehr oder weniger kleinen zwischenmenschlichen Grausamkeiten, die emotionale Entfremdung und die Ausbrüche von roher Gewalt.


Die Villa


Was beinahe wie ein Familiendrama anmutet, hat jedoch einen paranormalen Hintergrund, dessen Deutlichkeit im Lauf der Handlung immer näher ans Tageslicht rückt:
Die Villa, in der die Familie Rolf die Ferien verbringt, ist von Natur aus böse. Sie bezieht ihre Energie aus den Ängsten, Schmerzen und nicht zuletzt aus dem Tod ihrer Bewohnerinnen und Bewohner. Sie ernährt sich von ihnen. Die geballte negative Energie verhilft ihr, die Jahrhunderte zu überdauern und sich regelmäßig selbst zu erneuern.
Wie die böse Schwester des unheimlichen Marsten-Hauses ("Brennen muss Salem") demonstriert sie den Menschen mit ihrer kurzen Lebensspanne und Verwundbarkeit deren eigene Vergänglichkeit und somit ihre Überlegenheit. Sie wird nicht müde, unter Beweis zu stellen, wie erbärmlich begrenzt die Spezies Mensch doch ist.

Gelingen kann so ein Film, der seine ProtagonistInnen in seelische Abgründe stürzt und den Verfall familiärer Bindungen zeigt, selbstredend nur mit gutem Schauspiel. Karen Black sieht ja per se schon irgendwie unheimlich aus mit ihren Katzenaugen und den stark betonten, weit auseinander liegenden Wangenknochen. Sie mimt eine Marian Rolf, deren Obsessionen ein haarsträubendes Ausmaß annehmen und die von ihren Liebsten nicht wiedererkannt wird.
Mit Hingabe pflegt sie die Villa und fühlt sich ihr und der mysteriösen Greisin Mrs. Allardyce immer mehr zugehörig während sie sich gegenüber ihrem Mann, Elizabeth und sogar ihrem eigenen Sohn zunehmend rücksichtslos bis feindselig verhält. Eine grandiose Performance.
Oliver Reed, der in der Tat ein weitaus besserer Darsteller war, als sein Ruf als Trinker und Draufgänger es vermuten ließe, stellt als Ben Rolf seine Tiefgründigkeit eindrucksvoll unter Beweis und Bette Davis (Tante Elizabeth) ist natürlich unbestritten eine Leinwandlegende.
Sie alle verhelfen "Landhaus der toten Seelen" zu seiner bedrückenden, gespenstischen Atmosphäre.

Wenn man "Landhaus der toten Seelen" zum ersten Mal sieht, wäre es fatal, sich einen Haunted House Film mit übersinnlichen Phänomenen und zahlreichen Effekten zu erwarten. In der Tat offenbart er sein Wesen nicht unbedingt unmittelbar, sondern entfaltet seine Wirkung erst nach und nach, vielleicht sogar erst mit etwas zeitlichem Abstand.
Gegen Ende hin gerät die Handlung jedoch ganz rasant in Fahrt und wen der vornehmlich psychologische Grusel bis zu diesem Punkt nur ein müdes Lächeln gekostet hat, der wird vielleicht durch die Kompromisslosigkeit und Radikalität des Finales doch noch etwas versöhnlich gestimmt.




Foto: Mediabook von NSM und amerikanische DVD (MGM)



Sonntag, 27. August 2017

THE DEVIL'S RAIN (1975)















NACHTS, WENN DIE LEICHEN SCHREIEN
NACHTS, WENN DIE ZOMBIES SCHREIEN

USA 1975
Regie: Robert Fuest
DarstellerInnen: Ernest Borgnine, Tom Skerritt, Joan Prather, Eddie Albert, William Shatner, Ida Lupino, Keenan Wynn, Anton LaVey, John Travolta u.a.


Inhalt:
Mister Preston taucht in strömendem Regen mit leeren Augenhöhlen und wächsernem Gesicht vor seiner Frau und Sohn Mark auf, stammelt etwas von einem Buch, das einem gewissen Corbis, der sich in der Wüste aufhält, zurückgegeben werden soll und schmilzt vor seinen Liebsten dahin, bis nur noch eine blubbernde zähflüssige Masse zu erkennen ist. "In nomine satanas" waren seine letzten Worte. Nicht nur die Mutter Preston, ihr Sohn Mark und der etwas entfernt lebende Sohn Tom befinden sich kurz darauf in einer misslichen Lage. Die gesamte Menschheit ist in Gefahr...


Sohnemann Mark guckt angewidert...


...während Papa Preston sich in einen Wachsfleck verwandelt


"Nachts, wenn die Leichen schreien" schafft es neben "Zombis geschändete Frauen" und "Die toten Augen des Dr. Dracula" ganz locker in die Top 10 der lächerlichsten deutschen Horrorfilmtitel. Doch während man betonen muss, dass die beiden anderen Genannten schlicht und einfach der düsteren und stimmungsvollen Atmosphäre nicht gerecht werden, hat man mit "Nachts, wenn die Leichen schreien" keinen Film-Frevel begangen.
Man hätte ihn genauso gut bzw. auch passenderweise "Guck mal, wer am schönsten schmilzt" oder "Corbis' Wachsgesichter-Sekte" nennen können ohne dem Werk einen Image Schaden zuzufügen.

In Amerika hat dieser Horrorfilm des britischen Regisseurs Robert Fuest ("Tödliche Ferien") einen kleinen Kultstatus inne. Zu seiner Entstehungszeit war er ein absoluter Hit in den Drive-Ins und wurde dann später ins Programm diverser TV Sender aufgenommen und wiederholt gezeigt.
Haben wir es also mit einer hierzulande unbekannten Legende von Film zu tun?
Das wage ich zu bezweifeln!
Muss man "Nachts, wenn die Leichen schreien" gesehen haben? Entscheidet selbst...

Der Vorspann mit den Bildern von Hieronymus Bosch und dem vielstimmigen Fegefeuer-Wehklagen ist ohne Zweifel ein vielversprechender Anfang. Kaum etwas eingestimmt, befindet man sich sofort in medias res. Es dauert keine drei Minuten bis Papa Preston auf der Hausveranda aus seiner Form läuft und spätestens jetzt dürfte jedem klar sein, dass man es mit einem Satanisten-Schmelzfilm zu tun hat.
Die Handlung ist völlig Banane, aber ich liebe sie.
William "Captain Kirk" Shatner als Mark Corbis guckt herrlich dumm aus der Wäsche, sprich: aus seinem Holzfällerhemd als sein Vater sich in einen blubberndem Brei verwandelt. Doch es kommt noch schlimmer. Just als er vor seinem Auto steht und eine wächserne Woodoo Puppe am Lenkrad findet, blitzt es im Haus und es sind Schreie vernehmbar.
Also zurück zum Haus, doch dort findet er nur den wimmernden Hausangestellten blutend kopfüber von der Decke hängend. Die Frau Mama ist weg. Ach du Schande!
So rasant setzt sich die Geschichte dann fort.
Auch wenn Vieles nicht wirklich Sinn ergibt, tut das der seichten Unterhaltung keinen Abbruch.
Wer sich wundert, wie Protagonisten von einer Sekunde von A nach B gekommen sind oder warum innerhalb einer Szene auch mal ein abrupter Wechsel der Tageszeit stattfindet, hat eindeutig den falschen Film im Player.

Ernest Borgnine in der Rolle des Leibhaftigen, der nach seiner Verwandlung wie das Ergebnis einer unglückseligen Kreuzung zwischen Ernest Borgnine und Fuchur (der Glücksdrache in "Die unendliche Geschichte") aussieht, war entweder eine mutige Besetzung oder zeugt vom Humor des Regisseurs und Maskenbildners.
Ich hätte ihn im Film nicht erkannt, aber offenbar gurkt auch ein blutjunger John Travolta unter einer Kapuze und ohne Augäpfel durch die Kulissen.

Apropos: Die Außenaufnahmen in der Wüste, die verlassene Western Stadt, durch die der Wind Dust-Devils treibt und die Sonnenuntergänge sind zum Teil ästhetisch berückend.
Doch bevor zu viel Atmosphäre aufkommt, wird man durch allerlei Merkwürdiges, Wundersames und unfreiwillig Komisches wieder auf den Boden der Tatsachen geholt.

Ohne Frage weist "The devil's rain" einige markante Schwächen auf, die jedoch so offensichtlich und naiv sind, dass man sie schon wieder putzig finden muss. Den einprägsamen Satz, mit dem für den Film Werbung gemacht wurde, kann ich nur unterstreichen und werde ihn mal so stehen lassen:

(…)"They bring you a melting hell on earth and absolutely the most incredible, unforgettable ending of any motion picture ever."

...Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schmelzen sie noch heute...



Sonntag, 20. August 2017

LESETIPP: DAS ZOMBIE MAGAZIN



Das Magazin kam in schickem Umschlag und mit
Cuesta Verde Postkarte bei mir an



ZOMBIE MAGAZIN #18

Wenn es um "Poltergeist" geht, kann ich natürlich nicht widerstehen... Und schon gar nicht, wenn eine Postkarte aus Cuesta Verde mit dabei ist.

Et voilà: mein erstes "Zombie Magazin" fand Eingang in meine Sammlung.
Diese sympathische Zeitschrift mit dem flotten Retro-Artwork überzeugt nicht nur durch das ansprechende Design, sondern auch durch einen gut lesbaren, erfrischenden Schreibstil.
Die Poltergeist-Retrospektive beruht auf interessantem Fach- und Hintergrundwissen.
Mit einer gesunden Mischung aus professioneller bzw. distanzierter Analyse und dennoch unverhohlener Ehrfurcht vor diesem Film und seinen Machern widmet sich Herausgeber Markus Haage einem der vielen Poltergeist-Mysterien: Die Frage, wer nun tatsächlich im Regiestuhl saß - Steven Spielberg oder Tobe Hooper?

In der Retro-Moshpit Rubrik finden sich interessante Beiträge, die der Nachwelt nicht vorenthalten werden sollten wie z.B. Fotos aus dem Rambo (!) Malbuch von 1987 oder ein Foto, das bestimmt jeden "Day of the Dead" Fan vor Neid erblassen lässt.

Ein Artikel über Filme aus den Hammer Studios und fundierte Rezensionen über Filme, die jeder kennt und Filme, die noch viel zu wenig bekannt sind sowie eine Serien und Blu Ray Rubrik machen dieses schlanke Magazin von Fans für Fans zu einem kurzweiligen Lese-Vergnügen.
Ich denke, ich sollte mal einen Blick auf vergangene und zukünftige Ausgaben riskieren...

Wärmste Empfehlung für einstige (oder ewige) Kinder und Jugendliche des goldenen Videokassetten-Zeitalters, Retro-Fans und alle, die sich für phantastische Filme und filmische Pop-Kultur begeistern können!

Samstag, 12. August 2017

DIABOLIK (1968)















GEFAHR: DIABOLIK

Frankeich, Italien 1968
Regie: Mario Bava

DarstellerInnen: John Philip Law, Marisa Mell, Michel Piccoli, Adolfo Celi, Claudio Gora, Mario Donen, Renzo Palmer u.a.

Inhalt:
Wenn er nicht gerade wieder ein spektakuläres krummes Ding dreht, ergötzt Gangster Diabolik sich an seinem eigenen Reichtum und dem Anblick seiner Freundin Eva Kant. Die beiden genießen die gemeinsamen Stunden ebenso wie die Adrenalin Kicks, die ihnen diverse Raubüberfälle bescheren. Doch Bösewicht Signor Valmont und der ehrgeizige Inspektor Ginko wollen Diabolik um jeden Preis das Handwerk legen...


Diabolik (Law) im stylischen Kostüm


Nicht nur vor der Kamera harmonisch: Mell und Law


Nein, er ist kein Super-Held, sondern ein wahrer Super-Schurke!
Die ersten Diabolik-Geschichten der frühen Sechziger Jahre stammen aus der Feder der kreativen Schwestern Giussani aus Mailand und richteten sich, im Gegensatz zu bisher hanelsüblichen Comics, an die Zielgruppe der Erwachsenen. Ihr Erfolg war beachtlich und zog weitere Fumetti neri Reihen wie "Kriminal", "Luzifera" oder "Satanik" nach sich. Bis heute finden sich an jedem gut sortierten italienischen Zeitungskiosk neben den gelben Kriminalromanen aus dem berühmten Mondadori-Verlag auch Fumetti neri.
Bei dieser speziellen Art von Comic werden düstere Geschichten voller Sex und Gewalt erzählt. Die ProtagonistInnen sind zumeist Anti-Helden.
Die in Italien überaus erfolgreiche Fumetti neri Serie "Diabolik" wurde im Jahr 1968 von niemand Geringerem als Regisseur Mario Bava ("Die toten Augen des Dr. Dracula"), einem unbestrittenen Meister der Ästhetik, verfilmt.


Eignen sich (immer noch) als Strandlektüre, Heimlektüre und
Souvenirs für italophile Freunde


Der Weg zu seinem größten kommerziellen Erfolg gestaltete sich für Signor Bava etwas holprig.
Zuerst musste er nämlich gewisse Hindernisse und Unannehmlichkeiten am Set überwinden. Die Anwesenheit der vielen Pressefotografen bereiteten ihm ähnliches Unbehagen wie das ungewohnt große Team und das für seine Begriffe überdimensionierte Budget, für das er verantwortlich war. Bald nach dem Start der Dreharbeiten kam es zum Zerwürfnis mit der ursprünglichen Eva Kant Darstellerin Catherine Deneuve. Nach deren Rauswurf konnte die Österreicherin Marisa Mell ("Nackt über Leichen"), die sich gerade auf dem Zenit ihrer Schönheit und Filmkarriere befand, für die Rolle der Diabolik-Gefährtin gewonnen werden.
Hauptdarsteller John Philipp Law (Diabolik) und Marisa Mell erwiesen sich als perfektes Leinwand-Paar. So perfekt, dass sie sogar abseits der Kameras eine Liaison eingingen.
Bezüglich der Kostüme wurde auch nichts dem Zufall überlassen. Effekte-Spezialist und späterer Oscar-Preisträger Carlo Rambaldi entwarf den schwarz glänzenden zeitlos-stylischen Diabolik Anzug.

Ab diesem Zeitpunkt waren dann alle Weichen gestellt für einen bis heute unverändert ästhetischen und unterhaltsamen Film, der selbst Jahrzehnte nach seiner Entstehung Generationen von CineastInnen in Verzücken versetzt.


Diaboliks schmucker Unterschlupf


Mario Bavas Kunststück bestand darin, die Stilmittel der gezeichneten Vorlage möglichst exakt zu übernehmen und gleichzeitig weiterzuentwickeln. Für Diaboliks hypermodernen Unterschlupf kreierte er mithilfe von Farben, Beleuchtung und Designer-Kulisse ein ganz einzigartiges Ambiente.
Die Handlung von "Gefahr: Diabolik" orientiert sich am gezeichneten Vorbild - Action und Erotik kommen hier keinesfalls zu kurz.
Ennio Morricones vielseitiger Soundtrack umfasst verspielte, psychedelische und teils von Western inspirierte Stücke, die das Sahnehäubchen auf diesem cineastischen Kunstwerk sind.

Ein Film, bei dem die Credits schon verführerisch wirken. Bunt, hypnotisch, psychedelisch und mit einlullender Musik fällt man unweigerlich "deep, deep down" in das jegliche Aufmerksamkeit auf die Leinwand fokussierende Diabolik-Universum.
"...You in my mind deep down, in my heart deep down..."  ist nicht nur ein Songtext, sondern zugleich ein verführerisches Angebot, das der Film dem geneigten Publikum offeriert.




Foto ganz rechts: US DVD von Paramount